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BVerfG·2 BvR 1851/21·10.01.2022

Anordnung der teilweisen Auslagenerstattung sowie Gegenstandswertfestsetzung im Verfassungsbeschwerdeverfahren nach Erledigterklärung - Aufhebung angegriffener Beschlüsse durch Ausgangsgericht als Billigkeitsgesichtspunkt iSd § 34a Abs 3 BverfGG

Öffentliches RechtVerfassungsrechtVerfahrensrechtTeilweise stattgegeben

KI-Zusammenfassung

Der Beschwerdeführer erklärte die Verfassungsbeschwerde für erledigt. Das BVerfG ordnet aus Billigkeitsgründen die Erstattung notwendiger Auslagen zu zwei Dritteln an, soweit die Verfassungsbeschwerde gegen die Beschlüsse des VGH gerichtet war, und setzt Gegenstandswerte für das Beschwerde- und Eilverfahren fest. Prozesskostenhilfe und Beiordnung erledigen sich insoweit; übrige Anträge werden mangels Erfolgsaussicht abgelehnt.

Ausgang: Teilweise Auslagenerstattung zu zwei Dritteln angeordnet; Antrag auf PKH/Beiordnung insoweit erledigt, sonst abgelehnt

Abstrakte Rechtssätze

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Die Erstattung notwendiger Auslagen im Verfassungsbeschwerdeverfahren ist nach § 34a Abs. 3 BVerfGG nach Billigkeitsgesichtspunkten zu entscheiden und stellt eine Ausnahme vom Selbstbehalt eigener Auslagen dar.

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Wenn die öffentliche Gewalt den angegriffenen Akt beseitigt oder in anderer Weise abhilft, kann dies die Erstattung der Auslagen rechtfertigen, weil darin ein Indiz für die Berechtigung des Begehrens liegt.

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Bei der Entscheidung über Auslagenerstattung nach § 34a Abs. 3 BVerfGG genügt eine überschlägige Beurteilung der Erfolgsaussichten der Verfassungsbeschwerde; eine vertiefte Erfolgsaussichtprüfung findet nicht statt.

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Eine Auslagenerstattung scheidet aus, wenn die Verfassungsbeschwerde wegen offensichtlicher Unzulässigkeit mangels hinreichender Begründung nach § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG ausscheidet.

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Anträge auf Prozesskostenhilfe und Beiordnung erledigen sich insoweit, als Kostenerstattung angeordnet wird; sonst sind sie bei mangelnder Erfolgsaussicht entsprechend den §§ 114 ff. ZPO abzulehnen.

Relevante Normen
§ 32 Abs 1 BVerfGG§ 34a Abs 3 BVerfGG§ 90 BVerfGG§ 14 Abs 1 RVG§ 37 Abs 2 S 2 RVG§ 34a Abs. 3 BVerfGG

Vorinstanzen

vorgehend Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg, 7. September 2021, Az: VGH A 4 S 2706/21, Beschluss

vorgehend Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg, 10. August 2021, Az: VGH A 4 S 2533/21, Beschluss

vorgehend VG Karlsruhe, 4. März 2021, Az: A 5 K 13285/17, Urteil

vorgehend BVerfG, 2. November 2021, Az: 2 BvR 1851/21, Einstweilige Anordnung

Tenor

Das Land Baden-Württemberg hat dem Beschwerdeführer seine notwendigen Auslagen für das Verfassungsbeschwerdeverfahren und für das Verfahren auf Erlass einer einstweiligen Anordnung zu zwei Dritteln zu erstatten. Insoweit erledigt sich sein Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe und Beiordnung von Rechtsanwalt (…). Im Übrigen wird der Antrag abgelehnt.

Der Gegenstandswert der anwaltlichen Tätigkeit wird für das Verfassungsbeschwerdeverfahren auf 10.000 (in Worten: zehntausend) Euro und für den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung auf 5.000 (in Worten: fünftausend) Euro festgesetzt.

Gründe

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1. Über die Verfassungsbeschwerde, mit der sich der Beschwerdeführer gegen die Ablehnung seines Asylantrags gewendet hat, ist nicht mehr zu entscheiden, weil der Beschwerdeführer das Verfassungsbeschwerdeverfahren mit Schriftsatz vom 14. Dezember 2021 für erledigt erklärt hat.

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2. Die Auslagenerstattung war in dem aus dem Tenor ersichtlichen Umfang anzuordnen.

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a) Über die Auslagenerstattung ist gemäß § 34a Abs. 3 BVerfGG nach Billigkeitsgesichtspunkten zu entscheiden. Die Erstattung der Auslagen nach dieser Vorschrift stellt im Hinblick auf die Kostenfreiheit des Verfahrens (§ 34 Abs. 1 BVerfGG), den fehlenden Anwaltszwang und das Fehlen eines bei Unterliegen des Beschwerdeführers erstattungsberechtigten Gegners die Ausnahme von dem Grundsatz des Selbstbehalts der eigenen Auslagen (vgl. BVerfGE 49, 70 <89>) dar (vgl. BVerfGE 66, 152 <154>). Bei der Entscheidung über die Auslagenerstattung kann insbesondere dem Grund, der zur Erledigung geführt hat, wesentliche Bedeutung zukommen. So ist es billig, einer beschwerdeführenden Person die Erstattung ihrer Auslagen zuzuerkennen, wenn die öffentliche Gewalt von sich aus den mit der Verfassungsbeschwerde angegriffenen Akt beseitigt oder der Beschwer auf andere Weise abhilft, weil in diesem Fall ‒ falls keine anderweitigen Gründe ersichtlich sind ‒ davon ausgegangen werden kann, dass sie das Begehren der beschwerdeführenden Person selbst für berechtigt erachtet hat (vgl. BVerfGE 85, 109 <114 ff.>; 87, 394 <397 f.>). Im Hinblick auf die Funktion und die Tragweite der Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts findet eine überschlägige Beurteilung der Erfolgsaussicht der Verfassungsbeschwerde im Rahmen der Entscheidung über die Auslagenerstattung nicht statt (vgl. BVerfGE 33, 247 <264 f.>; BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom 12. März 2021 - 2 BvR 2069/19 -, Rn. 3).

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b) Nach diesen Maßstäben entspricht es der Billigkeit, die Auslagenerstattung zu zwei Dritteln anzuordnen.

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Die Auslagenerstattung ist anzuordnen, soweit sich die Verfassungsbeschwerde gegen die Beschlüsse des Verwaltungsgerichtshofs gerichtet hat. Denn der Verwaltungsgerichtshof hat diese mit Beschluss vom 26. November 2021 aufgehoben und damit zum Ausdruck gebracht, dass er das Begehren des Beschwerdeführers insoweit selbst für berechtigt erachtet hat.

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Soweit sich der Beschwerdeführer auch gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts gewendet hat, ist die Auslagenerstattung nicht anzuordnen. Zum einen ist dieses durch den Verwaltungsgerichtshof nicht aufgehoben worden. Zum anderen war die Verfassungsbeschwerde insoweit mangels hinreichender Begründung (vgl. § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG) offensichtlich unzulässig, sodass eine Auslagenerstattung aus Billigkeitsgesichtspunkten ausscheidet (vgl. BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats vom 21. Februar 2018 - 2 BvR 2628/17 -, Rn. 2).

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3. Der Antrag des Beschwerdeführers auf Prozesskostenhilfe und Beiordnung seines Bevollmächtigten für das Verfassungsbeschwerdeverfahren erledigt sich, soweit das Land Baden-Württemberg zur Kostenerstattung verpflichtet wird (vgl. BVerfGE 62, 392 <397>; 71, 122 <136 f.>; 105, 239 <252>). Im Übrigen wird der Antrag abgelehnt, weil die vom Beschwerdeführer beabsichtigte Rechtsverfolgung mangels hinreichender Erfolgsaussicht die Voraussetzungen der entsprechend anzuwendenden §§ 114 ff. ZPO (vgl. BVerfGE 1, 109 <112>; BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats vom 15. Juni 2021 - 2 BvR 307/21 -, Rn. 2) nicht erfüllt.

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4. Die Festsetzung des Gegenstandswerts der anwaltlichen Tätigkeit beruht auf § 37 Abs. 2 Satz 2 RVG (vgl. BVerfGE 79, 365 <366 ff.>; BVerfGK 20, 336 <337 f.>).

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Diese Entscheidung ist unanfechtbar.