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BVerfG·1 BvR 2294/22·21.03.2023

Nichtannahmebeschluss: Zur Anrede einer zweigeschlechtlichen Person im gerichtlichen Verfahren - Unzulässigkeit der Verfassungsbeschwerde wegen Subsidiarität - Verwerfung eines offensichtlich unzulässigen Ablehnungsgesuchs

Öffentliches RechtVerfassungsrechtVerfahrensrecht (BVerfGG)Sonstig

KI-Zusammenfassung

Die zweigeschlechtlich geborene Beschwerdeführerin rügt die Nichtansprache als "Herm"/"Hermaphrodit" in Ladung und Beschluss und begehrte die Ablehnung des Berichterstatters wegen Befangenheit. Das Ablehnungsgesuch wird als offensichtlich unzulässig verworfen. Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen, da weder ein Annahmegrund noch Subsidiarität dargelegt sind.

Ausgang: Ablehnungsgesuch als offensichtlich unzulässig verworfen; Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung angenommen (Subsidiaritätsmangel, kein Annahmegrund).

Abstrakte Rechtssätze

1

Ein Ablehnungsgesuch ist offensichtlich unzulässig, wenn es keine hinreichenden tatsächlichen Angaben enthält, die die Besorgnis der Befangenheit begründen; in diesem Fall sind die abgelehnten Richter nicht von der Entscheidung ausgeschlossen und dienstliche Stellungnahmen entfallen.

2

Die bloße geschlechtliche Zuordnung oder die Nichtverwendung einer selbstgewählten Anrede begründet für sich genommen nicht die Besorgnis der Voreingenommenheit eines Richters.

3

Eine Verfassungsbeschwerde wird nur dann nach § 93a BVerfGG zur Entscheidung angenommen, wenn ein zwingender Annahmegrund vorliegt; zudem ist die Subsidiarität nach § 90 Abs. 2 BVerfGG zu beachten.

4

Der/die Beschwerdeführer*in muss substantiiert darlegen, dass alle zumutbaren prozessualen Möglichkeiten ausgeschöpft wurden, und insbesondere erklären, weshalb nicht auf das Ergebnis eines etwa parallelen Ablehnungsverfahrens gewartet werden konnte.

Zitiert von (2)

2 zustimmend

Relevante Normen
§ Art 1 Abs 1 GG§ Art 2 Abs 1 GG§ 19 Abs 1 BVerfGG§ 19 Abs 2 S 1 BVerfGG§ 23 Abs 1 S 2 BVerfGG§ 90 Abs 2 S 1 BVerfGG

Vorinstanzen

vorgehend Landessozialgericht Hamburg, 30. November 2022, Az: L 3 R 40/21 PKH, Beschluss

vorgehend Landessozialgericht Hamburg, 21. November 2022, Az: L 3 R 40/21, Entscheidung

Tenor

Das Ablehnungsgesuch gegen sämtliche Richterinnen und Richter des Bundesverfassungsgerichts wird als unzulässig verworfen.

Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.

Mit der Nichtannahme der Verfassungsbeschwerde wird der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung gegenstandslos (§ 40 Abs. 3 GOBVerfG).

Gründe

I.

1

Das Ablehnungsgesuch ist offensichtlich unzulässig. Es enthält lediglich Ausführungen, die zur Begründung der Besorgnis der Befangenheit gänzlich ungeeignet sind. In einem solchen Fall sind die abgelehnten Richter nicht von der Entscheidung über das offensichtlich unzulässige Ablehnungsgesuch ausgeschlossen; es bedarf dann auch keiner vorherigen Einholung von dienstlichen Stellungnahmen (vgl. BVerfGE 153, 72 <73 Rn. 3>; stRspr). Das Geschlecht der zur Entscheidung berufenen Person begründet für sich genommen noch nicht deren Voreingenommenheit.

II.

2

Die Verfassungsbeschwerde ist nicht zur Entscheidung anzunehmen, weil kein zwingender Annahmegrund nach § 93a BVerfGG vorliegt und auch sonst kein Grund für ihre Annahme ersichtlich ist.

3

Die zweigeschlechtlich geborene beschwerdeführende Person hat nicht hinreichend gemäß §§ 23 Abs. 1 Satz 2, 92 BVerfGG dargelegt, dass sie alle zumutbaren prozessualen Möglichkeiten ergriffen hat, um gemäß dem Grundsatz der Subsidiarität (§ 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG) eine Korrektur der geltend gemachten Verfassungsverletzung zu erwirken oder eine Grundrechtsverletzung zu verhindern (vgl. BVerfGE 134, 242 <285 Rn. 150>; stRspr.).

4

1. Die beschwerdeführende Person rügt eine Verletzung in ihrem allgemeinen Persönlichkeitsrecht aus Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG, weil sie in der Ladung des Landessozialgerichts Hamburg zur mündlichen Verhandlung vom 21. November 2022 und im Beschluss dieses Gerichts vom 30. November 2022 nicht als "Herm" oder "Hermaphrodit" angesprochen wurde. Den vorgelegten Unterlagen kann jedoch nicht entnommen werden, dass sie zuvor gegenüber dem Gericht ausdrücklich den Wunsch geäußert hatte, im gerichtlichen Verfahren gerade in dieser Weise angesprochen zu werden.

5

2. Im Übrigen wird die Wahrung des Grundsatzes der Subsidiarität auch deshalb nicht hinreichend aufgezeigt, weil nicht dargelegt wird, weshalb es nicht zumutbar sein sollte, das Ergebnis des auf eine Verweigerung der Anrede als zweigeschlechtliche Person in der Ladung vom 21. November 2022 und im Beschluss vom 30. November 2022 gestützten Antrags vom 10. Dezember 2022 auf Ablehnung des Berichterstatters wegen Befangenheit abzuwarten. Sollte dieses Verfahren inzwischen abgeschlossen sein, hätte jedenfalls das Ergebnis mitgeteilt werden müssen.

6

3. Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.

7

Diese Entscheidung ist unanfechtbar.