Schadensersatz für Gebrauchtwagenkäufer wegen unzulässiger Abschalteinrichtung – Rückverweisung
KI-Zusammenfassung
Der Kläger, Käufer eines gebrauchten BMW 530d, macht Schadensersatz wegen einer unzulässigen Abschalteinrichtung geltend. Das Berufungsgericht hatte einen Anspruch aus § 823 Abs. 2 i.V.m. § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG‑FGV abgelehnt; der BGH hebt insoweit auf. Er stellt fest, dass die genannten Vorschriften Schutzgesetze auch für Gebrauchtwagenkäufer sind und ein Anspruch auf Ersatz des Differenzschadens möglich ist. Die Sache wird zur erneuten Entscheidung an das Berufungsgericht zurückverwiesen.
Ausgang: Revision teilweise erfolgreich: Zurückverweisung an das Berufungsgericht zur erneuten Entscheidung über Anspruch auf Differenzschaden nach § 823 Abs. 2 i.V.m. EG‑FGV
Abstrakte Rechtssätze
§ 6 Abs. 1 und § 27 Abs. 1 EG‑FGV sind Schutzgesetze im Sinne des § 823 Abs. 2 BGB und schützen nicht nur Neuwagenkäufer, sondern auch spätere Erwerber von Gebrauchtfahrzeugen gegen die Verwendung unzulässiger Abschalteinrichtungen.
Erleidet ein Erwerber eines Fahrzeugs durch die Verwendung einer unzulässigen Abschalteinrichtung einen Vermögensnachteil trotz Übereinstimmungsbescheinigung, kann er Ersatz des Differenzschadens nach § 823 Abs. 2 BGB geltend machen.
Der Fahrzeughersteller kann sich von der Haftung nach § 823 Abs. 2 BGB durch den Nachweis eines unvermeidbaren Verbotsirrtums entlasten; hierfür muss er darlegen und beweisen, dass sämtliche verfassungsmäßig berufenen Vertreter im maßgeblichen Zeitpunkt über die Rechtmäßigkeit der konkret streitigen Abschalteinrichtung im Irrtum waren oder ihren Prüfpflichten genügt haben.
Allgemeine Branchenpraxis, technische Ermittlungsschwierigkeiten oder eine amtliche Auskunft des KBA begründen für sich genommen keine Haftungsbefreiung; ein Schaden kann wegen einer unrichtigen Übereinstimmungsbescheinigung nicht ohne Verstoß gegen § 287 ZPO allein mit Verweis auf eine KBA‑Auskunft verneint werden.
Zitiert von (5)
5 zustimmend
Vorinstanzen
vorgehend OLG Koblenz, 12. August 2022, Az: 3 U 209/22
vorgehend LG Bad Kreuznach, 7. Januar 2022, Az: 3 O 46/21
Tenor
Auf die Revision des Klägers wird das Urteil des 3. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Koblenz vom 12. August 2022 im Kostenpunkt und insoweit aufgehoben, soweit die Berufungsanträge zu 1, zu 3 und zu 4 zurückgewiesen worden sind.
Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Revisionsverfahrens, an das Berufungsgericht zurückverwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Der Kläger nimmt die Beklagte wegen der Verwendung unzulässiger Abschalteinrichtungen in einem Kraftfahrzeug auf Schadensersatz in Anspruch.
Er erwarb am 27. August 2018 für 30.500 € ein von der Beklagten hergestelltes, gebrauchtes Kraftfahrzeug BMW 530d Touring, das mit einem von der Beklagten hergestellten Dieselmotor der Baureihe N57 (Schadstoffklasse Euro 6) ausgerüstet ist.
Das Landgericht hat die auf Schadensersatz, Zahlung von Deliktszinsen, Feststellung des Annahmeverzugs und Freistellung von vorgerichtlichen Rechtsanwaltskosten gerichtete Klage abgewiesen. Die Berufung des Klägers ist erfolglos geblieben. Mit der vom Senat zugelassenen Revision verfolgt er seine Berufungsanträge im tenorierten Umfang weiter.
Entscheidungsgründe
Die Revision des Klägers hat Erfolg.
I.
Das Berufungsgericht hat seine Entscheidung im Wesentlichen wie folgt begründet:
Für einen Schadensersatzanspruch des Klägers gemäß §§ 826, 31 BGB fehle es sowohl an der objektiven Sittenwidrigkeit als auch an dem Schädigungsvorsatz der Beklagten. Ein Verstoß gegen Art. 5 Abs. 2 der Verordnung (EG) Nr. 715/2007 wegen einer unzulässigen Abschalteinrichtung begründe als solcher nicht die Sittenwidrigkeit des Verhaltens der Beklagten, sondern dafür komme es darüber hinaus darauf an, dass die Verantwortlichen im Bewusstsein gehandelt hätten, eine unzulässige Abschalteinrichtung zu verwenden, und dass sie den darin liegenden Gesetzesverstoß billigend in Kauf genommen hätten. Anhaltspunkte hierfür habe der Kläger indessen nicht konkret dargetan.
Ein Schadensersatzanspruch gemäß § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit den allein als Normen zur Umsetzung der Richtlinie 2007/46/EG in Betracht zu ziehenden § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV scheitere daran, dass in den zuletzt genannten Bestimmungen keine Schutzgesetze lägen. Hinzu komme, dass die Vorschriften allenfalls Neufahrzeuge beträfen. Er habe auch nicht substantiiert dargelegt, dass sein Fahrzeug entgegen der amtlichen Auskunft des KBA der Gefahr einer Betriebsuntersagung ausgesetzt sei. Jedenfalls aber habe die Beklagte unter diesen Umständen nicht schuldhaft gehandelt. Anderes könne nur dann gelten, wenn der Hersteller gegenüber der Genehmigungsbehörde falsche Angaben gemacht habe. Das habe der Kläger aber nur pauschal behauptet.
II.
Diese Erwägungen halten der Überprüfung im Revisionsverfahren nicht in allen Punkten stand.
1. Es begegnet keinen revisionsrechtlichen Bedenken, dass das Berufungsgericht eine Haftung der Beklagten aus §§ 826, 31 BGB verneint hat. Die Revision erhebt insoweit auch keine Einwände.
2. Die Revision wendet sich jedoch mit Erfolg dagegen, dass das Berufungsgericht eine Haftung der Beklagten nach § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV abgelehnt hat.
a) Wie der Senat nach Erlass des angefochtenen Urteils entschieden hat, sind die Bestimmungen der § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV Schutzgesetze im Sinne des § 823 Abs. 2 BGB, die das Interesse des Fahrzeugkäufers gegenüber dem Fahrzeughersteller wahren, nicht durch den Kaufvertragsabschluss eine Vermögenseinbuße im Sinne der Differenzhypothese zu erleiden, weil das Fahrzeug entgegen der Übereinstimmungsbescheinigung eine unzulässige Abschalteinrichtung im Sinne des Art. 5 Abs. 2 Satz 1 der Verordnung (EG) Nr. 715/2007 aufweist (vgl. BGH, Urteil vom 26. Juni 2023 - VIa ZR 335/21, BGHZ 237, 245 Rn. 29 bis 32). Die Haftung nach § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV trifft dabei den Fahrzeughersteller [entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts] nicht nur im Verhältnis zum Neuwagenkäufer, sondern im Verhältnis zu jedem späteren Käufer des Kraftfahrzeugs als Gebrauchtwagen (BGH, aaO, Rn. 75).
Das Berufungsgericht hat daher zwar zu Recht einen Anspruch des Klägers auf die Gewährung sogenannten "großen" Schadensersatzes verneint (vgl. BGH, Urteil vom 26. Juni 2023 - VIa ZR 335/21, BGHZ 237, 245 Rn. 22 bis 27). Es hat jedoch nicht berücksichtigt, dass dem Kläger auch als Käufer eines Gebrauchtwagens nach § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV ein Anspruch auf Ersatz eines erlittenen Differenzschadens zustehen kann (vgl. BGH, Urteil vom 26. Juni 2023, aaO, Rn. 28 bis 32; ebenso BGH, Urteile vom 20. Juli 2023 - III ZR 267/20, WM 2023, 1839 Rn. 21 ff.; - III ZR 303/20, juris Rn. 16 f.; Urteil vom 12. Oktober 2023 - VII ZR 412/21, juris Rn. 20).
b) Einen Schadensersatzanspruch des Klägers gemäß § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV durfte das Berufungsgericht auch nicht gestützt auf die von ihm zum Verschulden angestellten Erwägungen verneinen.
Wie der Senat nach Erlass des hier angefochtenen Urteils entschieden hat, kann sich der Fahrzeughersteller hinsichtlich des im Rahmen dieses Anspruchs vermuteten Verschuldens zwar durch einen von ihm darzulegenden und zu beweisenden unvermeidbaren Verbotsirrtum entlasten. Der Fahrzeughersteller muss aber darlegen und beweisen, dass sich sämtliche seiner verfassungsmäßig berufenen Vertreter im Sinne des § 31 BGB über die Rechtmäßigkeit der vom Käufer dargelegten und erforderlichenfalls nachgewiesenen Abschalteinrichtung mit allen für die Prüfung nach Art. 5 Abs. 2 der Verordnung (EG) Nr. 715/2007 bedeutsamen Einzelheiten im maßgeblichen Zeitpunkt (vgl. BGH, Urteil vom 26. Juni 2023, BGHZ 237, 245 Rn. 62) im Irrtum befanden oder im Falle einer Ressortaufteilung den damit verbundenen Pflichten genügten (BGH, Urteil vom 25. September 2023 - VIa ZR 1/23, WM 2023, 2064 Rn. 14 mwN). Der Irrtum muss außerdem die Rechtmäßigkeit der konkreten, in Rede stehenden Abschalteinrichtung mit allen für die Prüfung nach Art. 5 Abs. 2 der Verordnung (EG) Nr. 715/2007 bedeutsamen Einzelheiten betreffen. Nur in Bezug auf einen in diesen Einzelheiten konkret festgestellten Irrtum der maßgebenden Personen kann der Sorgfaltsmaßstab der Fahrlässigkeit sinnvoll geprüft und kann die Unvermeidbarkeit festgestellt werden (zu den Maßstäben vgl. BGH, Urteil vom 26. Juni 2023, aaO, Rn. 63 ff.). Eine Entlastung ohne Rücksicht auf die aus den vorstehenden Erwägungen folgenden Sorgfaltspflichten, etwa mit Rücksicht darauf, dass der Verwendung von Thermofenstern ein allgemeiner Industriestandard zugrunde lag oder dass nach den vom Berufungsgericht zitierten Angaben des KBA rechtlich von ihm so bewertete unzulässige Abschalteinrichtungen auch nach umfangreichen Untersuchungen nicht festgestellt worden seien, kommt dagegen nach dem gesetzlichen Fahrlässigkeitsmaßstab nicht in Betracht (vgl. BGH, Urteil vom 26. Juni 2023, aaO, Rn. 70; Urteil vom 25. September 2023, aaO, WM 2023, 2064 Rn. 14). Diesen Maßstäben wird die vor Erlass der zitierten höchstrichterlichen Rechtsprechung ergangene angegriffene Entscheidung nicht gerecht.
c) Schließlich vermag auch die Erwägung des Berufungsgerichts, der Kläger habe nicht substantiiert dargelegt, dass sein Fahrzeug entgegen der amtlichen Auskunft des KBA der Gefahr einer Betriebsuntersagung ausgesetzt wäre, die Ablehnung eines Anspruchs auf Ersatz des Differenzschadens gemäß § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV nicht zu rechtfertigen. Wie der Senat nach Erlass des Berufungsurteils entschieden hat, kann bei unrichtiger Übereinstimmungsbescheinigung aufgrund der Verwendung einer unzulässigen Abschalteinrichtung ein Schaden nicht ohne Verstoß gegen § 287 ZPO verneint werden (vgl. BGH, Urteil vom 26. Juni 2023 - VIa ZR 335/21, BGHZ 237, 245 Rn. 41, 71 ff.).
III.
Das angefochtene Urteil ist demnach im tenorierten Umfang aufzuheben (§ 562 Abs. 1 ZPO), weil es sich insoweit auch nicht aus anderen Gründen als richtig darstellt (§ 561 ZPO). Die Sache ist insoweit zur neuen Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurückzuverweisen (§ 563 Abs. 1 Satz 1 ZPO).
Im wiedereröffneten Berufungsverfahren wird der Kläger Gelegenheit haben, einen Differenzschaden darzulegen. Das Berufungsgericht wird sodann nach den näheren Maßgaben des Urteils des Senats vom 26. Juni 2023 (VIa ZR 335/21, BGHZ 237, 245) die erforderlichen Feststellungen zu den Voraussetzungen und zum Umfang einer Haftung der Beklagten nach § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 6 Abs. 1, § 27 Abs. 1 EG-FGV zu treffen haben.
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