Themis
Anmelden
BGH·IV ZR 40/19·04.09.2019

Nichtzulassungsbeschwerde: Beschwerdewertbemessung im Streit über das Bestehen eines privaten Kranken- und Pflegeversicherungsvertrages

ZivilrechtVersicherungsrechtZivilprozessrecht (Streitwert)Verworfen

KI-Zusammenfassung

Die Beklagte legte Nichtzulassungsbeschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision in einem Streit über den Fortbestand privater Kranken- und Pflegeversicherungsverträge ein. Streitfrage war die Bemessung des Streitwerts nach §§ 3, 9 ZPO. Der BGH setzte den Wert nach der 3,5-fachen Jahresprämie abzüglich 20 % auf 2.736,72 € fest und verworf die Beschwerde als unzulässig, da die 20.000‑€‑Grenze des § 26 Nr. 8 EGZPO nicht erreicht ist.

Ausgang: Nichtzulassungsbeschwerde der Beklagten als unzulässig verworfen; Beschwerdewert 2.736,72 € und damit unter der 20.000‑€‑Grenze

Abstrakte Rechtssätze

1

Bei Streit über das Bestehen eines privaten Kranken- und Pflegeversicherungsvertrages ist der Streitwert nach §§ 3, 9 ZPO in der Regel nach der 3,5-fachen Jahresprämie zu bemessen und bei positiven Feststellungsklagen um 20 % zu mindern.

2

Geltend gemachte oder angekündigte, noch nicht rechtshängige Leistungsansprüche sind wegen ihrer Unsicherheit mit 50 % in die Streitwertfestsetzung einzustellen.

3

Für die pauschalisierte Streitwertfestsetzung ist es unerheblich, ob der Versicherungsnehmer oder der Versicherer die Feststellung des Fortbestandes begehrt; die Regelung gilt parteiunabhängig.

4

Nachträglich vorgebrachte Tatsachen, die erst nach der letzten mündlichen Verhandlung vor der Vorinstanz erhoben werden, bleiben bei der Streitwertfestsetzung unberücksichtigt.

5

Die Wertansätze des Unterlassungsklagegesetzes (z. B. pauschal 2.500 € je Klausel) sind auf Individualfeststellungsklagen über den Fortbestand von Versicherungsverträgen nicht übertragbar; hier gelten §§ 3, 9 ZPO.

Zitiert von (1)

1 zustimmend

Relevante Normen
§ 3 ZPO§ 9 ZPO§ 26 Nr 8 S 1 ZPOEG§ 26 Nr. 8 Satz 1 EGZPO§ 3, 9 ZPO§ Unterlassungsklagegesetz

Vorinstanzen

vorgehend LG Kempten, 23. Januar 2019, Az: 51 S 570/18

vorgehend AG Kaufbeuren, 16. März 2018, Az: 2 C 1039/17

Tenor

Die Beschwerde der Beklagten gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des Landgerichts Kempten (Allgäu), 5. Zivilkammer, vom 23. Januar 2019 wird auf ihre Kosten als unzulässig verworfen.

Streitwert: 2.736,72 €

Gründe

1

Die Nichtzulassungsbeschwerde der Beklagten ist unzulässig, weil der Beschwerdewert die gemäß § 26 Nr. 8 Satz 1 EGZPO bestehende Wertgrenze von 20.000 € nicht übersteigt.

2

Nach der Rechtsprechung des Senats ist der Wert eines Streits über das Bestehen eines privaten Kranken- und Pflegeversicherungsvertrages gemäß § 3 und § 9 ZPO nach der 3,5-fachen Jahresprämie abzüglich des bei positiven Feststellungsklagen üblichen Abschlags von 20 % festzusetzen (Senatsbeschlüsse vom 18. November 2015 - IV ZR 154/15, juris Rn. 2; vom 9. November 2011 - IV ZR 37/11, VersR 2012, 336 Rn. 3; vom 8. Dezember 2010 - IV ZR 265/08, VersR 2011, 237 Rn. 2; vom 15. Mai 1996 - IV ZR 337/95, r+s 1996, 332 [juris Rn. 4]). Daraus ergibt sich hier ein Gegenstandswert von 2.736,72 € (Jahresprämien der Kläger und ihres Sohnes von zusammen 977,40 € x 3,5 x 0,8). Daneben sind geltend gemachte oder angekündigte, jedoch noch nicht rechtshängige Leistungsansprüche des Versicherungsnehmers mit Blick auf ihre noch ausstehende Klärung zu 50 % in die Wertfestsetzung einzustellen (Senatsbeschluss vom 9. November 2011 - IV ZR 37/11, VersR 2012, 336 Rn. 4). Derartige Ansprüche haben die Kläger hier nicht angekündigt. Soweit die Beklagte geltend macht, zwischen den Parteien sei nicht der Fortbestand des Versicherungsvertrages, sondern lediglich der Inhalt des Vertrages streitig, würde dies wegen der hier nur geringfügigen Erhöhungen der Versicherungsprämien eher zu einem geringeren Streitwert führen. Im Übrigen sind inhaltliche Änderungen vereinbarter Versicherungsbedingungen wirtschaftlich ohnehin nur schwer zu bewerten und deshalb nicht zu berücksichtigen.

3

Für die Bemessung der Beschwer ist es hierbei unerheblich, ob der Versicherungsnehmer Feststellung des Fortbestandes seines Kranken- oder Pflegeversicherungsvertrages begehrt oder sich der Versicherer gegen ein solches Fortsetzungsbegehren wendet. Es geht in beiden Fällen um eine pauschalisierte Festsetzung des Streitwerts gemäß §§ 3, 9 ZPO, die sowohl für den Versicherungsnehmer als auch für den Versicherer unabhängig davon erfolgt, welche weiteren wirtschaftlichen Folgen sich aus dem Fortbestand oder der Beendigung des Krankenversicherungsvertrages ergeben. Infolgedessen kommt es nicht darauf an, ob - wie die Beklagte mit ihrer Beschwerde geltend macht - bei einer Fortsetzung der drei Vertragsverhältnisse zu den ursprünglichen Bedingungen Sonderverwaltungskosten von über 65.000 € anfallen könnten. Unabhängig davon ist die Beklagte mit diesem Vorbringen bereits deshalb ausgeschlossen, weil sie die maßgeblichen Tatsachen erst nach der letzten mündlichen Verhandlung vor dem Berufungsgericht vorgebracht hat (BGH, Beschluss vom 16. Mai 2013 - VII ZR 299/12, BauR 2013, 1483 Rn. 5 f. m.w.N.).

4

Entgegen der Auffassung der Beschwerde kann auch nicht auf die Rechtsprechung des Senats zum Streitwert und zur Beschwer in Verfahren nach dem Unterlassungsklagegesetz zurückgegriffen werden. In derartigen Fällen setzt der Senat nach bisheriger Rechtsprechung den Wert jeder angegriffenen Teilklausel mit 2.500 € an (vgl. zuletzt Senatsbeschluss vom 29. Juli 2015 - IV ZR 45/15, VersR 2016, 140 Rn. 3). Ein derartiger Fall liegt hier nicht vor, da die Beklagte nicht auf Unterlassung der Verwendung bestimmter Versicherungsbedingungen nach dem Unterlassungsklagegesetz in Anspruch genommen wird, sondern auf Feststellung in einem Individualrechtsstreit, dass geschlossene Verträge zu den ursprünglich genannten Bedingungen fortbestehen. In einem solchen Fall finden die §§ 3, 9 ZPO Anwendung.

MayenDr. BrockmöllerDr. Götz
Prof. Dr. KarczewskiDr. Bußmann