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BGH·AnwSt (B) 3/21·16.06.2023

Verwerfung eines Ablehnungsgesuchs und Abweisung des Aufhebungsantrags nach Anhörungsrüge

VerfahrensrechtStrafprozessrechtAnwaltsgerichtliches VerfahrenVerworfen

KI-Zusammenfassung

Der Antragsteller stellte ein Ablehnungsgesuch gegen am Beschluss beteiligte Richter und Rechtsanwälte und beantragte die Aufhebung des Beschlusses vom 29.10.2021 sowie die Einstellung des Verfahrens. Das Gericht verwirft das Ablehnungsgesuch als unzulässig verspätet und lehnt den Aufhebungsantrag ab. Begründet wird dies mit der Unzulässigkeit von Ablehnungen nach Abschluss der Entscheidung (‚letztes Wort‘) und der Unanfechtbarkeit bzw. Unstatthaftigkeit erneuter Anhörungsrügen bzw. Gegenvorstellungen.

Ausgang: Ablehnungsgesuch als unzulässig verworfen; Antrag auf Aufhebung des Beschlusses abgelehnt

Abstrakte Rechtssätze

1

Eine Ablehnung nach § 116 Abs. 1 Satz 2 BRAO i.V.m. § 25 Abs. 2 Satz 2 StPO ist unzulässig, wenn sie erst nach Erlass der abschließenden Entscheidung („letztes Wort“) oder nach Eintritt der Rechtskraft erhoben wird.

2

Die Regelung des § 25 Abs. 2 Satz 2 StPO findet sinngemäß auf beschlussförmige Verfahren Anwendung; dadurch ist eine Ablehnung der beschließenden Richter nach Erlass des Abschlussbeschlusses ausgeschlossen.

3

Ein Beschluss, der eine Anhörungsrüge nach § 356a StPO zurückweist, ist unanfechtbar; eine erneute Anhörungsrüge oder eine Gegenvorstellung gegen diesen zurückweisenden Beschluss ist unstatthaft.

4

Eine Anhörungsrüge ist unbegründet, wenn keine entscheidungserhebliche Verletzung des Art. 103 Abs. 1 GG vorliegt; fehlt eine solche Verletzung, rechtfertigt dies keine nachträgliche Ablehnung wegen Besorgnis der Befangenheit.

Relevante Normen
§ 145 Abs. 5 Satz 1 und 2 BRAO§ 116 Abs. 1 Satz 2 BRAO i.V.m. § 25 Abs. 2 Satz 2 StPO§ 349 Abs. 2 StPO§ Art. 103 Abs. 1 GG§ 145 Abs. 5 Satz 3 BRAO§ 145 Abs. 5 Satz 1 BRAO

Vorinstanzen

vorgehend BGH, 29. Oktober 2021, Az: AnwSt (B) 3/21, Beschluss

vorgehend BGH, 12. Juli 2021, Az: AnwSt (B) 3/21, Beschluss

vorgehend Anwaltsgerichtshof Frankfurt, 12. August 2019, Az: I AGH 2/19

vorgehend Anwaltsgericht Frankfurt, 2. November 2018, Az: III AG 27/18

nachgehend BGH, 21. September 2024, Az: AnwSt (B) 3/21, Beschluss

Tenor

1. Das Ablehnungsgesuch des Antragstellers vom 8. Mai 2023 gegen die Präsidentin des Bundesgerichtshofs L. , den Richter Dr. R. und die Richterin G. sowie gegen die Rechtsanwältin S. und den Rechtsanwalt Dr. L. wird als unzulässig verworfen.

2. Der Antrag des Antragstellers auf Aufhebung des Beschlusses vom 29. Oktober 2021 und Einstellung des Verfahrens wird abgelehnt.

Gründe

I.

1

Gegen den Antragsteller ist wegen Verletzung seiner anwaltlichen Berufspflichten durch Urteil des Anwaltsgerichts ein Verweis ausgesprochen und eine Geldbuße in Höhe von 1.500 € verhängt worden. Die Berufung des Antragstellers hat der Anwaltsgerichtshof wegen unentschuldigten Nichterscheinens zur mündlichen Verhandlung verworfen. Die Beschwerde des Antragstellers gegen die Nichtzulassung der Revision hat der Senat mit Beschluss vom 12. Juli 2021 auf den Antrag des Generalbundesanwalts gemäß § 145 Abs. 5 Satz 1 und 2 BRAO einstimmig verworfen. Die dagegen erhobene Anhörungsrüge des Antragstellers vom 1. September 2021 hat der Senat mit Beschluss vom 29. Oktober 2021 als unzulässig verworfen, weil sie nicht fristgerecht gemäß § 116 Abs. 1 Satz 2 BRAO i.V.m. § 356a StPO erhoben wurde, und ergänzend dazu ausgeführt, dass die Anhörungsrüge auch in der Sache unbegründet wäre.

2

Mit Schriftsatz vom 8. Mai 2023 hat der Antragsteller die Aufhebung des Beschlusses vom 29. Oktober 2021 und die Einstellung des Verfahrens beantragt sowie die an dem Beschluss vom 29. Oktober 2021 mitwirkenden Richter und Rechtsanwälte wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt.

II.

3

1. Das Ablehnungsgesuch ist gemäß § 116 Abs. 1 Satz 2 BRAO i.V.m. § 26a Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 Satz 1 StPO durch den Senat unter Mitwirkung der abgelehnten Richter und Rechtsanwälte als unzulässig zu verwerfen, da es gemäß § 116 Abs. 1 Satz 2 BRAO i.V.m. § 25 Abs. 2 Satz 2 StPO verspätet ist.

4

a) Gemäß § 116 Abs. 1 Satz 2 BRAO i.V.m. § 25 Abs. 2 Satz 2 StPO ist eine Ablehnung nach dem letzten Wort des Angeklagten unzulässig. Die Regelung des § 25 Abs. 2 Satz 2 StPO ist auf Verfahren, in denen die abschließende Entscheidung ohne Hauptverhandlung im Beschlusswege ergeht (wie etwa bei Verwerfung der Revision durch Beschluss nach § 349 Abs. 2 StPO), sinngemäß anzuwenden (vgl. BGH, Beschlüsse vom 6. August 1993 - 3 StR 277/93, NStZ 1993, 600; vom 13. Februar 2007 - 3 StR 425/06, NStZ 2007, 416, 417; vom 7. August 2007 - 4 StR 142/07, NStZ 2008, 55 und vom 15. November 2012 - 3 StR 239/12, juris Rn. 4). Demnach ist eine Ablehnung der beschließenden Richter wegen Besorgnis der Befangenheit jedenfalls nach Erlass der Abschlussentscheidung nicht mehr zulässig. Etwas anderes gilt auch dann nicht, wenn die Ablehnung mit einer Anhörungsrüge nach § 356a StPO verbunden wird, die sich jedoch deswegen als unbegründet erweist, weil die gerügte Verletzung des Art. 103 Abs. 1 GG nicht vorliegt, so dass nicht mehr in eine neue Sachprüfung einzutreten ist, ob der Anspruch auf rechtliches Gehör in entscheidungserheblicher Weise verletzt worden ist (vgl. BGH, Beschlüsse vom 22. November 2006 - 1 StR 180/06, JR 2007, 172; vom 13. Februar 2007 - 3 StR 425/06, NStZ 2007, 416, 417; vom 7. August 2007 - 4 StR 142/07, NStZ 2008, 55 und vom 15. November 2012 - 3 StR 239/12, juris Rn. 4).

5

b) Danach ist das Ablehnungsgesuch des Antragstellers vom 8. Mai 2023 nach § 116 Abs. 1 Satz 2 BRAO i.V.m. § 25 Abs. 2 Satz 2 StPO verspätet. Das anwaltsgerichtliche Verfahren gegen den Antragsteller war gemäß § 145 Abs. 5 Satz 3 BRAO bereits mit dem Beschluss des Senats vom 12. Juli 2021, mit dem die Beschwerde des Antragstellers gegen die Nichtzulassung der Revision nach § 145 Abs. 5 Satz 1 und 2 BRAO verworfen wurde, rechtskräftig abgeschlossen. Damit war bereits ab diesem Zeitpunkt ein Ablehnungsgesuch des Antragstellers nicht mehr zulässig, selbst wenn er es mit seiner Anhörungsrüge vom 1. September 2021 verbunden hätte, da diese nicht nur unzulässig, sondern - wie im Beschluss vom 29. Oktober 2021 ergänzend ausgeführt - mangels entscheidungserheblicher Verletzung des Art. 103 Abs. 1 GG auch unbegründet war. Für das erst nach dem Beschluss des Senats vom29. Oktober 2021 über die Anhörungsrüge gestellte Ablehnungsgesuch des Antragstellers vom 8. Mai 2023 gilt das erst recht.

6

2. Der Antrag auf Aufhebung des Beschlusses vom 29. Oktober 2021 und auf Einstellung des Verfahrens ist zurückzuweisen. Der Beschluss über die Verwerfung der Anhörungsrüge nach § 116 Abs. 1 Satz 2 BRAO i.V.m. § 356a StPO ist unanfechtbar (§ 116 Abs. 1 Satz 2 BRAO i.V.m. § 304 Abs. 4 Satz 1 StPO) und eine erneute Anhörungsrüge ebenso unstatthaft (vgl. BGH, Beschluss vom 4. Dezember 2015 - 2 StR 396/14, juris Rn. 1) wie eine Gegenvorstellung gegen den die Anhörungsrüge zurückweisenden Beschluss (vgl. BGH, Beschluss vom 13. August 2015 - 4 StR 576/14, juris Rn. 3).

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