Revisionsbegründung: Anforderungen an die Inbegriffsrüge bei unterbliebener Erörterung einer Sacheinlassung des Angeklagten im Urteil
KI-Zusammenfassung
Der Angeklagte rügte in der Revision, das Landgericht habe seine im Hauptverhandlungstag gemachte Einlassung nicht berücksichtigt. Der BGH gab der Verfahrensrüge nach § 261 StPO statt, weil die Urteilsgründe lückenhaft sind und eine Nachprüfung der Beweiswürdigung nicht ermöglichen. Der Inhalt der Einlassung ist revisionsrechtlich nicht zugänglich. Das Urteil wurde aufgehoben und zur neuen Verhandlung zurückverwiesen.
Ausgang: Revision wegen Verletzung des § 261 StPO erfolgreich; Urteil aufgehoben und zur neuen Verhandlung an andere Jugendkammer zurückverwiesen.
Abstrakte Rechtssätze
Die Urteilsgründe müssen erkennen lassen, ob und inwieweit der Tatrichter die Einlassung des Angeklagten in seine Beweiswürdigung einbezogen hat; unterbleibt dies, liegt ein Verstoß gegen § 261 StPO vor.
Ist durch das Hauptverhandlungsprotokoll (§ 274 StPO) bewiesen, dass sich der Angeklagte zur Sache eingelassen hat, darf das Urteil nicht ohne nähere Ausführung den Schluss ziehen, der Angeklagte habe sich nicht eingelassen.
Der Inhalt einer Einlassung ist der revisionsgerichtlichen Prüfung wegen des Verbots, die Hauptverhandlung zu rekonstruieren, nicht zugänglich; die Revisionsbegründung muss den Inhalt daher nicht vortragen.
Fehlen in den Urteilsgründen Angaben zur Berücksichtigung wesentlicher Vorträge aus der Hauptverhandlung, ist die Sache aufzuheben und zur neuen Verhandlung und Entscheidung zurückzuverweisen.
Vorinstanzen
vorgehend LG Hannover, 20. Dezember 2016, Az: 31 KLs 9/15
nachgehend BGH, 27. September 2017, Az: 4 StR 142/17, Beschluss
nachgehend BGH, 16. Januar 2018, Az: 4 StR 142/17, Beschluss
Tenor
Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Hannover vom 20. Dezember 2016, soweit es ihn betrifft, mit den zugehörigen Feststellungen aufgehoben.
Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Jugendkammer des Landgerichts zurückverwiesen.
Gründe
Das Landgericht hat den Angeklagten „wegen gewerbsmäßiger Hehlerei in zwei Fällen, Betruges in vier Fällen, davon in einem Fall in Tateinheit mit Anstiftung zum Missbrauch von Wegstreckenzählern, wegen Anstiftung zum Missbrauch von Wegstreckenzählern sowie wegen vorsätzlichen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr in Tateinheit mit versuchtem Betrug“ zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Mit seiner Revision rügt der Angeklagte die Verletzung formellen und materiellen Rechts.
Das Rechtsmittel hat mit der Verfahrensrüge der Verletzung von § 261 StPO Erfolg. Die weiteren Verfahrensrügen sowie die Sachrüge bedürfen daher keiner näheren Erörterung.
Die Revision beanstandet zu Recht, dass das Landgericht in seiner Beweiswürdigung davon ausgegangen ist, der Angeklagte habe sich „zur Sache nicht eingelassen“, obwohl er sich, was durch das Hauptverhandlungsprotokoll bewiesen ist, am 10. Hauptverhandlungstag zur Sache eingelassen hat.
1. Die Rüge ist zulässig erhoben.
Entgegen der Ansicht des Generalbundesanwalts gehört der Inhalt der Einlassung des Angeklagten in der Hauptverhandlung nicht zu den den Verfahrensmangel begründenden Tatsachen im Sinne des § 344 Abs. 2 Satz 2 StPO und musste deshalb in der Revisionsrechtfertigung auch nicht vorgetragen werden. Den Inhalt der Sacheinlassung des Angeklagten in der Hauptverhandlung festzustellen - in welcher Form auch immer diese erfolgt ist - ist Sache des Tatrichters, der dafür bestimmte Ort sind die Urteilsgründe (vgl. BGH, Beschlüsse vom 9. Dezember 2008 - 3 StR 516/08, BGHR StPO § 344 Abs. 2 Satz 2 Einlassung 1; vom 10. Dezember 2014 - 3 StR 489/14, NStZ 2015, 473).
2. Die Rüge hat auch in der Sache Erfolg.
a) Angesichts der durch das Hauptverhandlungsprotokoll bewiesenen Tatsache (§ 274 StPO), dass der Angeklagte in der Hauptverhandlung vom 15. Dezember 2016 „weiter zur Sache“ aussagte, sind die Urteilsgründe lückenhaft. Sie ermöglichen dem Senat nicht die Nachprüfung, ob der Tatrichter bei der Urteilsfindung alles verwertet hat, was Gegenstand der Hauptverhandlung war. Vielmehr ist zu besorgen, dass das Landgericht bei der Beweiswürdigung die Einlassung des Angeklagten nicht mit berücksichtigt hat und seiner Überzeugungsbildung deshalb eine tragfähige Grundlage fehlt (vgl. BGH, Beschlüsse vom 10. August 2007 - 2 StR 204/07, StV 2008, 235; vom 22. Juni 2017 - 1 StR 242/17).
b) Der Senat kann deshalb nicht ausschließen, dass das Urteil auf dem Verstoß gegen § 261 StPO beruht. Der Inhalt der Einlassung des Angeklagten ist wegen des Verbots, den Inhalt der Hauptverhandlung zu rekonstruieren, der revisionsgerichtlichen Prüfung nicht zugänglich (vgl. BGH, Beschlüsse vom 14. August 2003 - 3 StR 17/03, BGHR StPO § 243 Abs. 4 Äußerung 8; vom 27. März 2008 - 3 StR 6/08, BGHSt 52, 175, 180; vom 9. Dezember 2008 - 3 StR 516/08, BGHR StPO § 344 Abs. 2 Satz 2 Einlassung 1; im Ergebnis ebenso BGH, Beschluss vom 22. Juni 2017 - 1 StR 242/17).
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| Cierniak | Bender |