Strafaussetzung zur Bewährung: Prüfung der Aussetzungsvoraussetzungen bei einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren
KI-Zusammenfassung
Der Angeklagte wandte sich mit Revision gegen das Urteil des LG Bonn wegen schwerer räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung sowie gegen die Versagung der Strafaussetzung zur Bewährung. Kernfrage war, ob die Voraussetzungen des § 56 StGB (vorrangig § 56 Abs. 1, Sozialprognose, besondere Umstände) zutreffend geprüft wurden. Der BGH änderte den Schuldspruch, klärte die Gesamtstrafenbildung und hob die Versagung der Bewährung auf; die Sache wurde zur neuen Entscheidung zurückverwiesen, weil ein Rechtsfehler bei der Prüfung nicht ausgeschlossen werden konnte.
Ausgang: Revision in Teilen stattgegeben; Versagung der Strafaussetzung aufgehoben und die Sache zur neuen Entscheidung zurückverwiesen
Abstrakte Rechtssätze
§ 56 Abs. 2 i.V.m. Abs. 1 StGB ermöglicht die Aussetzung einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren zur Bewährung bei günstiger Sozialprognose und besonderen, in Tat oder Persönlichkeit liegenden Umständen.
Bei der Prüfung der Strafaussetzung ist vorrangig § 56 Abs. 1 StGB zu prüfen, da die nach Abs. 2 heranzuziehenden Faktoren auch schon für die Prognose nach Abs. 1 relevant sein können.
Die Versagung der Strafaussetzung kann rechtsfehlerhaft sein, wenn die erforderliche Prognosebildung oder die gesetzliche Prüfungsreihenfolge nicht beachtet worden ist.
Der Einsatz eines gefährlichen Werkzeugs kann als dessen Verwendung im Sinne des § 250 Abs. 2 Nr. 1 StGB gewertet werden, solange die Tat noch nicht beendet ist.
§ 265 Abs. 1 StPO steht der nachträglichen Änderung des Schuldspruchs durch das Revisionsgericht nicht entgegen, wenn sich die Verteidigung des Angeklagten nicht anders hätte gestalten können.
Zitiert von (1)
1 zustimmend
Vorinstanzen
vorgehend LG Bonn, 30. Juni 2014, Az: 21 KLs 6/14
Tenor
1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Bonn vom 30. Juni 2014
a) im Schuldspruch dahin geändert, dass der Angeklagte der besonders schweren räuberischen Erpressung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung schuldig ist,
b) im Strafausspruch dahin ergänzt, dass der Angeklagte unter Auflösung und Wegfall der Gesamtgeldstrafe aus dem Strafbefehl des Amtsgerichts Bonn vom 10. Februar 2014 - 703 Cs 336 Js 1943/13 - 58/14 - und Einbeziehung der Einzelstrafen aus diesem Strafbefehl zu der Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und elf Monaten verurteilt ist,
c) mit den zugehörigen Feststellungen aufgehoben, soweit das Landgericht von der Strafaussetzung zur Bewährung abgesehen hat.
2. Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.
3. Die weiter gehende Revision des Angeklagten wird verworfen.
Gründe
I.
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen schwerer räuberischer Erpressung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung "unter Einbeziehung der Strafe aus dem Strafbefehl des Amtsgerichts Bonn vom 10.02.2014, Az: 703 Cs 336 Js 1943/13 - 58/14" zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und elf Monaten verurteilt. Hiergegen richtet sich die auf die Sachrüge gestützte Revision des Angeklagten. Das Rechtsmittel führt zu einer Änderung des Schuldspruchs, einer Klarstellung des Ausspruchs über die Gesamtfreiheitsstrafe und zur Aufhebung des Urteils, soweit die Strafaussetzung zur Bewährung abgelehnt wurde.
Nach den Feststellungen des Landgerichts überfiel der Angeklagte am 2. Dezember 2013 nach einem Gaststättenbesuch den Zeugen P. , der 500 Euro an einem Geldspielautomaten gewonnen hatte und sich auf dem Nachhauseweg befand. Der Angeklagte bedrohte den Geschädigten mit einer Spielzeugpistole und ließ sich dessen Geld aushändigen. Danach schlug der Angeklagte den Geschädigten mit dem Pistolenknauf auf den Kopf, wodurch dieser eine Platzwunde erlitt.
Das Landgericht hat die Tat als schwere räuberische Erpressung im Sinne der §§ 253, 255, 250 Abs. 1 Nr. 1b in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung gemäß § 224 Abs. 1 Nr. 2 StGB gewertet.
II.
1. Der Senat ändert den Schuldspruch so ab, wie es aus der Entscheidungsformel ersichtlich ist.
Der Einsatz des gefährlichen Werkzeugs (§ 224 Abs. 1 Nr. 2 StGB) stellt hier auch dessen Verwendung im Sinne von § 250 Abs. 2 Nr. 1 StGB dar. Im Sinne dieser Vorschrift verwendet ist das gefährliche Werkzeug auch noch nach deren Vollendung, solange die Tat - wie hier - jedenfalls noch nicht beendet ist (vgl. Fischer, StGB, 62. Aufl., § 250 Rn. 18).
§ 265 Abs. 1 StPO steht der Änderung des Schuldspruchs durch den Senat nicht entgegen, weil sich der Angeklagte nicht anders als geschehen hätte verteidigen können.
2. Die Revision ist unbegründet im Sinne von § 349 Abs. 2 StPO, soweit sie sich gegen die Strafzumessung richtet. Hinsichtlich der Gesamtstrafenbildung ist nur die Klarstellung geboten, dass die Einzelgeldstrafen aus dem Strafbefehl des Amtsgerichts Bonn vom 10. Februar 2014 unter Auflösung und Wegfall der dort gebildeten Gesamtgeldstrafe in die Gesamtfreiheitsstrafe einbezogen sind.
3. Die Versagung der Strafaussetzung zur Bewährung hat keinen Bestand.
§ 56 Abs. 2 in Verbindung mit Abs. 1 StGB ermöglicht es dem Gericht, bei Vorliegen einer günstigen Sozialprognose und besonderer, in der Tat oder der Persönlichkeit des Angeklagten liegender Umstände auch die Vollstreckung einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren zur Bewährung auszusetzen. Dabei sind die Voraussetzungen des § 56 Abs. 1 stets vorrangig zu prüfen. Dies gilt schon deshalb, weil zu den nach § 56 Abs. 2 zu berücksichtigenden Faktoren auch solche gehören, die schon für die Prognose nach Abs. 1 von Belang sind (vgl. BGH, Beschluss vom 10. Juli 2014 - 3 StR 232/14, NJW 2014, 3797 f.). Der Senat kann nicht ausschließen, dass die Versagung der Strafaussetzung auf dem Rechtsfehler beruht.
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