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BGH·1 StR 474/14·04.11.2014

Strafverfahren wegen Betäubungsmitteldelikt: Anforderungen an die Einziehungsentscheidung; Erstreckung der Aufhebung einer Einziehungsentscheidung auf den Nichtrevidenten

StrafrechtEinziehung/VermögensabschöpfungStrafprozessrechtTeilweise stattgegeben

KI-Zusammenfassung

Der Angeklagte rügt die Einziehungsanordnung in einem BtM-Verfahren. Der BGH hebt die Einziehung auf, weil die einzuziehenden Gegenstände nicht hinreichend konkret bezeichnet sind und die Urteilsgründe keine Identifikation erlauben. Eine Nachbesserung durch den Senat nach § 354 Abs. 1 StPO ist nicht möglich. Die Aufhebung erstreckt sich auf den nicht revidierenden Mitangeklagten; die Sache wird zurückverwiesen.

Ausgang: Revision in Bezug auf die Einziehung teilweise stattgegeben: Einziehungsanordnung aufgehoben und zur neuerlichen Entscheidung zurückverwiesen; übrige Revision verworfen.

Abstrakte Rechtssätze

1

Einziehungsgegenstände sind so genau zu bezeichnen, dass für Beteiligte und Vollstreckungsorgane der Umfang der Einziehung klar erkennbar ist.

2

Die bloße Bezugnahme auf die Anklageschrift oder ein Asservatenverzeichnis genügt nicht der erforderlichen Konkretisierung der Einziehungsanordnung.

3

Kann aus den Urteilsgründen nicht eindeutig auf die konkret einzuziehenden Gegenstände geschlossen werden, ist die Einziehungsanordnung aufzuheben; eine Ergänzung durch das Revisionsgericht nach § 354 Abs. 1 StPO kommt nur in Betracht, wenn die Gründe die Konkretisierung tragen.

4

Die Aufhebung einer fehlerhaften Einziehungsanordnung erstreckt sich nach § 357 Satz 1 StPO auch auf nicht revidierende Mitangeklagte, soweit der Rechtsfehler deren Einziehung betrifft; der neue Tatrichter hat ggf. ergänzende Feststellungen zu treffen, ohne die bereits getroffenen Feststellungen zur Vermögenszuordnung grundsätzlich aufzuheben.

Zitiert von (4)

4 zustimmend

Relevante Normen
§ 74 StGB§ 357 StPO§ 74 Abs. 1 und 2 StGB§ 354 Abs. 1 StPO§ 353 Abs. 2 StPO§ 357 Satz 1 StPO

Vorinstanzen

vorgehend LG Passau, 3. Juni 2014, Az: KLs 14 Js 6589/13 jug

Tenor

1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Passau vom 3. Juni 2014, auch soweit es den Mitangeklagten E. W. betrifft, im Ausspruch über die Einziehung aufgehoben.

2. Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Jugendkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

3. Die weitergehende Revision des Angeklagten wird verworfen.

Gründe

1

Das Landgericht hat den Angeklagten wegen unerlaubter Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in Tateinheit mit unerlaubtem Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Gegen seinen Bruder, den nicht revidierenden Mitangeklagten E. W. , hat es wegen dieser Tat eine Jugendstrafe verhängt. Zudem hat das Landgericht die Einziehung von Gegenständen angeordnet.

2

1. Die Einziehungsentscheidung hält rechtlicher Überprüfung nicht stand. Das Landgericht hat die Einziehungsgegenstände nicht ausreichend konkret bezeichnet.

3

a) Nach ständiger Rechtsprechung müssen einzuziehende Gegenstände so genau angegeben werden, dass bei allen Beteiligten und den Vollstreckungsorganen Klarheit über den Umfang der Einziehung besteht (BGH, Beschlüsse vom 20. Juni 2007 - 1 StR 251/07 [insoweit in NStZ 2007, 713 f. nicht veröffentlicht] und vom 22. Juni 2010 - 4 StR 216/10, StraFo 2010, 424 mwN). Die Bezugnahme auf die Anklageschrift oder ein Asservatenverzeichnis genügt dafür nicht (BGH, Beschlüsse vom 25. August 2009 - 3 StR 291/09, NStZ-RR 2009, 384 [nur LS] und vom 22. Juni 2010 - 4 StR 216/10, StraFo 2010, 424 jeweils mwN).

4

b) Diesen Anforderungen wird die Einziehungsanordnung des angefochtenen Urteils nicht gerecht. Sie erschöpft sich im Tenor in dem Aufführen der im Sicherstellungsverzeichnis der Staatsanwaltschaft Passau verwendeten Kennzeichnungen der Gegenstände (etwa „ÜLNr. 1436/13, Ziff. 1"). Es ist jedoch nicht zu erkennen, um welche Gegenstände es sich dabei handelt.

5

c) Der Senat kann - was grundsätzlich möglich wäre (BGH, Beschlüsse vom 20. Juni 2007 - 1 StR 251/07 mwN und vom 22. Juni 2010 - 4 StR 216/10, StraFo 2010, 424) - auch nicht gemäß § 354 Abs. 1 StPO unter Rückgriff auf die Urteilsgründe die gebotene Konkretisierung hinsichtlich der Einziehungsgegenstände selbst vornehmen. Die Gründe beschränken sich insoweit auf die Wiedergabe des Gesetzestextes von § 74 Abs. 1 und 2 StGB (UA S. 45). Um welche Gegenstände es sich konkret gehandelt hat, ist dem nicht zu entnehmen. Es mag sich um die bei den Angeklagten sichergestellten Betäubungsmittel gehandelt haben; das Urteil lässt dies jedoch auch in seinem Gesamtzusammenhang nicht erkennen. Die Anordnung der Einziehung war daher aufzuheben.

6

Eine Aufhebung der dazu getroffenen Feststellungen war nicht veranlasst. Die mangelnde Konkretisierung wirkt sich auf die Feststellung, dass es sich um Gegenstände handelt, die den Angeklagten gehörten oder ihnen zustanden, nicht aus (§ 353 Abs. 2 StPO). Für die Konkretisierung der Einziehungsgegenstände erforderliche weitergehende, dazu nicht in Widerspruch stehende Feststellungen wird der neue Tatrichter zu treffen haben, an den die Sache im Umfang der Aufhebung zurückverwiesen wird.

7

d) Die Aufhebung der Einziehungsanordnung war gemäß § 357 Satz 1 StPO auf den nicht revidierenden Mitangeklagten E. W. zu erstrecken (vgl. BGH, Urteil vom 10. Mai 1966 - 1 StR 592/66, BGHSt 21, 66, 69; LR/Franke, StPO, 26. Aufl., § 357 Rn. 22). Da es sich nach den Feststellungen um Einziehungsgegenstände beider Angeklagter handelt, betrifft der Rechtsfehler auch den wegen derselben Tat verurteilten Mitangeklagten.

8

2. Die weitergehende Revision des Angeklagten ist aus den Gründen der Antragsschrift des Generalbundesanwalts vom 16. September 2014 unbegründet im Sinne von § 349 Abs. 2 StPO.

RothfußRadtkeFischer
GrafMosbacher