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Verfassungsgerichtshof NRW·VerfGH 16/16·20.11.2017

Unvereinbarkeit der 2,5%-Sperrklausel in der Landesverfassung mit Wahlgleichheit

Öffentliches RechtVerfassungsrechtKommunalwahlrechtStattgegeben

KI-Zusammenfassung

Die Verfassungsgerichtshof NRW prüft die Einführung einer 2,5%-Sperrklausel in Art.78 Abs.1 Satz3 LV und deren Umsetzung in §33 KWahlG. ZentralesProblem ist, ob eine verfassungsunmittelbare Sperrklausel höherrangiges Landesverfassungsrecht verletzt. Das Gericht stellte Verstöße gegen das Wahlgleichheitsgebot fest, weil die Begründung und prognostischen Annahmen nicht tragfähig waren.

Ausgang: Feststellung der Verletzung des Wahlgleichheitsgebots durch Einführung der 2,5%-Sperrklausel; Antragsschrift wurde stattgegeben

Abstrakte Rechtssätze

1

Eine durch Einführung einer verfassungsunmittelbaren Sperrklausel bewirkte Verfassungswidrigkeit kann nur festgestellt werden, wenn die Regelung höherrangiges Landesverfassungsrecht verletzt.

2

Die materiellen Schranken der Verfassungsänderung nach Art.69 Abs.1 Satz2 LV sind bei kommunalwahlrechtlichen Änderungen maßgeblich und inkorporieren die Homogenitäts- und Gleichheitsanforderungen des Art.28 Abs.1 GG.

3

Der Grundsatz der Gleichheit der Wahl bildet einen änderungsfesten Bestandteil des Demokratieprinzips; differenzierende Wahlregelungen bedürfen eines besonderen, sachlich gerechtfertigten und zwingenden Grundes.

4

Zur Rechtfertigung einer Sperrklausel sind tragfähige, in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht hinreichend belegte Prognosen erforderlich; bloße pauschale Befürchtungen genügen nicht.

5

Einfachgesetzliche Bestimmungen, die dem Vollzug einer verfassungswidrigen verfassungsunmittelbaren Regel dienen, verletzen ebenfalls das Wahlgleichheitsgebot, soweit sie auf der verfassungswidrigen Regel beruhen.

Relevante Normen
§ Art. 69 Abs. 1 Satz 2 LV§ Art. 28 Abs. 1 GG§ Art. 69 Abs. 1 Satz 2 LV i. V. m. Art. 28 Abs. 1 Satz 2 GG§ Art. 78 Abs. 1 Satz 3 LV§ Art. 78 Abs. 1 Satz 3 LV i. V. m. Art. 69 Abs. 1 Satz 2 LV i. V. m. Art. 28 Abs. 1 Satz 2 GG§ 33 Abs. 1 Sätze 2 bis 4 KWahlG

Leitsatz

1. Einen durch Einführung einer verfassungsunmittelbaren Sperrklausel für Kommunalwahlen bewirkten Verfassungsverstoß kann der Verfassungsgerichtshof nur feststellen, wenn diese Regelung höherrangiges Landesverfassungsrecht verletzt.

2. Höherrangiges Landesverfassungsrecht, an dem eine nachträglich in die Landesverfassung eingefügte kommunalwahlrechtliche Sperrklausel zu messen ist, sind die in Art. 69 Abs. 1 Satz 2 LV normierten materiellen Grenzen der Verfassungsänderung.

3. Art. 69 Abs. 1 Satz 2 LV inkorporiert die grundgesetzlichen Homogenitätsvorgaben gemäß Art. 28 Abs. 1 Sätze 1 und 2 GG in das Landesverfassungsrecht.

4. Ein gemäß Art. 69 Abs. 1 Satz 2 LV i. V. m. Art. 28 Abs. 1 Satz 2 GG änderungsfester Bestandteil des Demokratieprinzips ist der Grundsatz der Gleichheit der Wahl der Volksvertretungen in den Gemeinden und Kreisen, nach dem differenzierende Regelungen stets eines besonderen, sachlich legitimierten, „zwingenden“ Grundes bedürfen. Ein spezifischer Spielraum des landesverfassungsändernden Gesetzgebers für Differenzierungen innerhalb der Wahlgleichheit besteht insoweit nicht.

5. Dass die 2,5 %-Sperrklausel in Art. 78 Abs. 1 Satz 3 LV zur Sicherung der Funktionsfähigkeit der Gemeinderäte und Kreistage erforderlich ist, ist weder im Gesetzgebungsverfahren noch im Rahmen des Organstreitverfahrens in der gebotenen Weise deutlich gemacht worden. Die gesetzgeberische Prognose drohender Funktionsstörungen aufgrund einer parteipolitischen Zersplitterung entbehrt einer tragfähigen, in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht vollständigen Grundlage. Auch ist die gegebene Begründung nicht in jeder Hinsicht nachvollziehbar.

6. Die 2,5 %-Sperrklausel in Art. 78 Abs. 1 Satz 3 LV lässt sich hinsichtlich der Wahlen der Gemeinderäte und Kreistage auch weder mit der Erwägung rechtfertigen, sie diene der Integration des Wahlvolkes, indem sie verhindere, dass Vertreter kleiner Parteien und Wählervereinigungen oder Einzelbewerber einen gemessen am Wahlerfolg weit überproportionalen Einfluss auf Entscheidungen erlangen, noch damit, sie entfalte kommunenübergreifend eine Gleichstellungswirkung, indem sie Unterschiede in den faktischen Sperrklauseln einebne.

7. Aus den gleichen Gründen, aus denen die verfassungsunmittelbare 2,5 %-Sperrklausel in Art. 78 Abs. 1 Satz 3 LV mit Art. 69 Abs. 1 Satz 2 LV i. V. m. Art. 28 Abs. 1 Satz 2 GG unvereinbar ist, soweit sie für die Gemeinderats- und Kreistagswahlen gilt, verletzen auch die ihrem Vollzug dienenden einfachgesetzlichen Bestimmungen in § 33 Abs. 1 Sätze 2 bis 4 KWahlG den Grundsatz der Gleichheit der Wahl.

Tenor

Der Antragsgegner hat das Recht der Antragstellerin auf Gleichheit der Wahl aus Art. 69 Abs. 1 Satz 2 LV i. V. m. Art. 28 Abs. 1 Satz 2 GG dadurch verletzt, dass er durch das Gesetz zur Änderung der Verfassung für das Land Nordrhein-Westfalen und wahlrechtlicher Vorschriften (Kommunalvertretungsstärkungsgesetz) vom 14. Juni 2016 (GV. NRW. S. 442) in Art. 78 Abs. 1 Satz 3 LV und § 33 Abs. 1 Sätze 2 bis 4 KWahlG eine 2,5 %-Sperrklausel eingeführt hat, soweit diese für die Wahlen der Räte der Gemeinden und der Kreistage gilt.

Die notwendigen Auslagen der Antragstellerin sind vom Land Nordrhein-Westfalen zu erstatten.