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OLG Stuttgart 6. Zivilsenat·6 U 451/19·22.10.2020

Verbraucherdarlehensvertrag zur Kfz-Finanzierung: Unzureichende Angaben zur Vorfälligkeitsentschädigung; Informationen zum Verfahren bei der Kündigung

ZivilrechtSchuldrechtVerbraucherdarlehenAbgewiesen

KI-Zusammenfassung

Der Kläger focht den Widerruf eines Verbraucherdarlehens zur Kfz‑Finanzierung an; das Landgericht wies die Klage ab. Das OLG Stuttgart befand die Berufung als offensichtlich aussichtslos und bestätigte, dass unzureichende Angaben zur Vorfälligkeitsentschädigung den Beginn der 14‑tägigen Widerrufsfrist nicht verhindern. Angaben zum Kündigungsverfahren bei befristeten Darlehen sind nach Art.247 §6 Abs.1 Nr.5 EGBGB nicht erforderlich.

Ausgang: Berufung des Klägers gegen die Abweisung seiner Widerrufsklage als unbegründet abgewiesen; Widerrufsfrist verfristet

Abstrakte Rechtssätze

1

Unzureichende Angaben zur Vorfälligkeitsentschädigung hindern nicht den Ablauf der 14‑tägigen Widerrufsfrist bei Verbraucherdarlehensverträgen.

2

Angaben zum bei Kündigung einzuhaltenden Verfahren bei einem befristeten Darlehensvertrag sind nicht erforderlich, um die Pflichtangaben nach Art.247 §6 Abs.1 Nr.5 EGBGB zu erfüllen.

3

Die Angabe eines Tageszinses mit einem Betrag über "0,00 Euro" in der Widerrufsinformation steht dem Schutz des Musterwiderrufs nicht zwingend entgegen, sofern insgesamt korrekt über die gesetzlichen Widerrufsfolgen informiert wird.

4

Die Pflichtangabe nach Art.247 §6 Abs.1 Nr.5 EGBGB bezieht sich auf das in §500 Abs.1 BGB verankerte Kündigungsrecht und betrifft insbesondere unbefristete Darlehensverträge.

Relevante Normen
§ Art 247 § 6 Abs 1 Nr 5 BGBEG§ Art. 247 § 6 Abs. 1 Nr. 5 EGBGB§ 522 Abs. 2 S. 1 ZPO§ 552a ZPO§ 522 Abs. 2 S. 2 ZPO§ 500 Abs. 1 BGB

Vorinstanzen

vorgehend LG Stuttgart, 14. August 2019, 46 O 126/19, Urteil

nachgehend BGH, 8. Juni 2021, XI ZR 631/20, Beschluss

Orientierungssatz

1. Möglicherweise unzureichende Angaben zur Vorfälligkeitsentschädigung hindern den Anlauf der 14tägigen Widerrufsfrist nicht (BGH, 28. Juli 2020, XI ZR 288/19).(Rn.15) (Rn.16)

2. Informationen zum einzuhaltenden Verfahren bei der Kündigung eines befristeten Darlehensvertrages sind nicht erforderlich, um dem Pflichtangabenerfordernis des Art. 247 § 6 Abs. 1 Nr. 5 EGBGB zu genügen.(Rn.18)

Tenor

Streitwert des Berufungsverfahrens: Bis 35.000 €

Gründe

I.

1

Die Parteien streiten um Wirksamkeit und Rechtsfolgen des Widerrufs eines vom Kläger bei der beklagten Bank zur Finanzierung eines PKW-Kaufs abgeschlossenen Verbraucherdarlehensvertrages. Das Landgericht hat die Klage abgewiesen.

2

Bezüglich der Einzelheiten und der erstinstanzlichen Anträge wird auf den Tatbestand des landgerichtlichen Urteils und auf den Hinweisbeschluss des Senats vom 20. August 2020 (Bl. 263 ff. d. A.) Bezug genommen.

3

Der Kläger verfolgt sein erstinstanzliches Begehren weiter und beantragt in der Berufung,

4

das Urteil des Landgerichts Stuttgart vom 14.08.2019 – 46 O 126/19 – abzuändern und

5

1. festzustellen, dass die primären Leistungspflichten des Klägers aus dem mit der Beklagten geschlossenen Darlehensvertrag vom 01.12.2016 über 23.000,00 EUR zur Zahlung von Zinsen und zur Erbringung von Tilgungsleistungen aufgrund des erklärten Widerrufs vom 26.02.2019 erloschen sind.

6

2. die Beklagte zu verurteilen, an den Kläger 22.450,50 EUR nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem jeweiligen Basiszinssatz auf diesen Betrag seit Rechtshängigkeit zu zahlen Zug-um-Zug gegen [hilfsweise: nach] Herausgabe des XY mit der Fahrzeugidentifikationsnummer ...7 nebst Fahrzeugschlüssel;

7

3. festzustellen, dass sich die Beklagte mit der Rücknahme des unter vorstehender Ziffer 2 genannten Fahrzeugs nebst Fahrzeugschlüssel in Annahmeverzug befindet;

8

4. festzustellen, dass die Beklagte verpflichtet ist, an den Kläger sämtliche Geldbeträge nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten [hilfsweise: 2,5 Prozentpunkten] über dem jeweiligen Basiszinssatz seit dem jeweiligen Eingang auf dem Darlehenskonto zurückzugewähren, die zwischen dem 27.02.2019 und der Rechtskraft dieses Urteils [hilfsweise: zwischen dem Tag nach der mündlichen Verhandlung und dem Zeitpunkt der Rechtskraft dieses Urteils] auf das zum unter 1. genannte Darlehen gehörende Konto geflossen sind.

9

Mit dem bereits zitierten Beschluss vom 20. August 2020 hat der Senat darauf hingewiesen, dass die Berufung nach übereinstimmender Auffassung des Senats keine Aussicht auf Erfolg habe. Ein Widerrufsrecht des Klägers sei bei Abgabe der Widerrufserklärung verfristet gewesen.

10

Der Kläger hat dazu mit Schriftsatz vom 22. Oktober 2020 Stellung genommen.

II.

11

Die zulässige Berufung hat weiterhin nach übereinstimmender Auffassung des Senats offensichtlich keine Aussicht auf Erfolg, die Rechtssache hat keine grundsätzliche Bedeutung, die Fortbildung des Rechts oder die Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung erfordern keine Entscheidung des Berufungsgerichts und eine mündliche Verhandlung ist nicht geboten (§ 522 Abs. 2 S. 1 ZPO).

1.

12

Zur Begründung wird zunächst auf den Senatsbeschluss vom 20. August 2020 verwiesen.

2.

13

Die Ausführungen in der Stellungnahme des Klägers vom 22. Oktober 2020 geben keinen Anlass zu einer anderen Entscheidung.

a)

14

Soweit die Stellungnahme meint, die Angabe des Tageszinses mit einem Betrag über „0,00 Euro“ in der Widerrufsinformation lasse den Musterschutz entfallen, setzt sie lediglich ihre eigene Auffassung an die Stelle derer des für das Verbraucherdarlehensrecht speziell zuständigen Zivilsenats des Bundesgerichtshofs, der – wie im Hinweisbeschluss unter I. 2. b) bb) (2) bereits ausgeführt und zitiert – ausdrücklich entschieden hat, dass die Beklagte damit zutreffend über die gesetzlichen Widerrufsfolgen informiert und die Gestaltungshinweise korrekt umgesetzt hat (BGH, Urteil vom 28. Juli 2020 – XI ZR 288/19 –, Rn. 17, juris). Seine Rechtsprechung hat der Bundesgerichtshof zwischenzeitlich in einem Hinweis gemäß §§ 552a, 522 Abs. 2 S. 2 ZPO bestätigt (vgl. BGH, Schreiben vom 25. August 2020 – XI ZR 7/20; die Revision wurde daraufhin zurückgenommen; Vorinstanz Senat, Urteil vom 22. Oktober 2019 – 6 U 202/18).

b)

15

Ob die von der Beklagten zur Vorfälligkeitsentschädigung gegebenen Informationen den gesetzlichen Anforderungen genügen, kann offen bleiben. Ein Verstoß lässt jedenfalls das Anlaufen der 14tägigen Widerrufsfrist unberührt (BGH, Urteil vom 28. Juli 2020 – XI ZR 288/19 –, Rn. 23 ff., juris; Schreiben vom 25. August 2020 – XI ZR 7/20).

16

Soweit die Stellungnahme meint, möglicherweise unzureichende Angaben im Vertrag zur Vorfälligkeitsentschädigung würden den Anlauf der Widerrufsfrist hindern, setzt sie wiederum ihre eigene Auffassung an die Stelle derer des Bundesgerichtshofs.

c)

17

Dem Lauf der Widerrufsfrist steht auch nicht entgegen, dass die Beklagte über den in Ziff. VI.2. der Darlehensbedingungen enthaltenen Hinweis auf die Möglichkeit der Kündigung aus wichtigem Grund hinaus keine näheren Angaben zum bei Kündigung einzuhaltenden Verfahren gemacht hat.

18

Informationen zum einzuhaltenden Verfahren bei der Kündigung eines – wie hier – befristeten Darlehensvertrages waren nicht erforderlich, um dem Pflichtangabenerfordernis des Art. 247 § 6 Abs. 1 Nr. 5 EGBGB zu genügen. Vielmehr bezieht sich die Vorschrift nur auf das – in der Verbraucherkreditrichtlinie 2008/48/EG vorgesehene – Kündigungsrecht nach § 500 Abs. 1 BGB, welches nur für unbefristete Darlehensverträge gilt (vgl. BGH, Urteile vom 28. Juli 2020 – XI ZR 288/19 –, Rn. 32; vom 5. November 2019 – XI ZR 11/19 –, Rn. 24 – 36; – XI ZR 650/18 –, Rn. 26 – 39; Senat, Urteil vom 28. Mai 2019 – 6 U 78/18 –, Rn. 72 – 80, jeweils juris).

d)

19

Anlass zur Vorlage des Verfahrens an den Europäischen Gerichtshof oder zur Aussetzung des Verfahrens besteht bei alledem nicht (vgl. Hinweisbeschluss, dort unter I. 2. c)).

20

Auch die Voraussetzungen für eine Entscheidung gemäß § 522 Abs. 2 ZPO liegen entgegen der von der Stellungnahme vertretenen Auffassung vor, zumal sämtliche dort nochmals erörterten Aspekte vom Bundesgerichtshof bereits entschieden wurden.

III.

21

Die Kostenentscheidung beruht auf § 97 Abs. 1 ZPO, die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit auf §§ 708 Nr. 10, 711 ZPO.