Entbindung einer ehrenamtlichen Richterin wegen Beschäftigung als Fraktionsassistentin (§ 22 Nr. 3 VwGO)
KI-Zusammenfassung
Der Präsident des Verwaltungsgerichts Aachen beantragt die Entbindung einer ehrenamtlichen Richterin, weil sie als Fraktionsassistentin im öffentlichen Dienst beschäftigt sei. Streitfrage ist, ob Fraktionsbeschäftigte dem öffentlichen Dienst im Sinne des § 22 Nr. 3 VwGO zuzuordnen sind. Das Oberverwaltungsgericht beantwortet dies bejahend und entbindet die Richterin, da Fraktionen als teilrechtsfähige Teilgliederungen des Vertretungsorgans Organisationsformen des öffentlichen Rechts darstellen. Der Beschluss ist unanfechtbar.
Ausgang: Antrag des Präsidenten auf Entbindung wegen Beschäftigung als Fraktionsassistentin nach § 22 Nr. 3 VwGO stattgegeben; Beschluss unanfechtbar.
Abstrakte Rechtssätze
Nach § 22 Nr. 3 VwGO sind Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst von der Bestellung zu ehrenamtlichen Richtern ausgeschlossen.
Zum öffentlichen Dienst gehören auch Beschäftigte von Fraktionen, weil Fraktionen als mit eigenen Rechten ausgestattete Teilgliederungen des Vertretungsorgans Organisationsformen des öffentlichen Rechts sind.
Der Zweck von § 22 Nr. 3 VwGO ist die Vermeidung von Interessen‑ und Pflichtenkollisionen und die Sicherung der richterlichen Unabhängigkeit gegenüber Verwaltungsträgern.
Die Beschäftigung als Fraktionsassistent begründet daher die Unvereinbarkeit mit dem Amt einer ehrenamtlichen Richterin und rechtfertigt deren Entbindung.
Beschlüsse nach § 24 Abs. 3 VwGO über die Entbindung sind unanfechtbar (§ 24 Abs. 3 Satz 3 VwGO).
Zitiert von (1)
1 neutral
Vorinstanzen
Verwaltungsgericht Aachen
Tenor
Frau Peggy C. -C1. , In den I. 8, I1. , wird von ihrem Amt einer ehrenamtlichen Richterin bei dem Verwaltungsgericht Aachen entbunden.
Gründe
I.
Der Präsident des Verwaltungsgerichts Aachen hat beantragt, Frau C. -C1. vom Amt der ehrenamtlichen Richterin zu entbinden, weil sie als Fraktionsassistentin im öffentlichen Dienst beschäftigt sei. Deshalb dürften die Voraussetzungen des Hinderungsgrunds des § 22 Nr. 3 VwGO (Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst) erfüllt sein; zum öffentlichen Dienst zählten auch Beschäftigte einer Fraktion als einer teilrechtsfähigen Teilgliederung des jeweiligen Vertretungsorgans.
II.
Frau C. -C1. ist gemäß § 24 Abs. 3, Abs. 1 Nr. 1 und § 22 Nr. 3 VwGO auf Antrag des Präsidenten des Verwaltungsgerichts Aachen von ihrem Amt als ehrenamtliche Richterin zu entbinden; denn sie ist als Fraktionsassistentin Angestellte im öffentlichen Dienst im Sinne des § 22 Nr. 3 VwGO.
Der Zweck der Vorschrift des § 22 Nr. 3 VwGO liegt darin, Interessen- und Pflichtenkollisionen zu vermeiden, die richterliche Unabhängigkeit zu gewährleisten und das Verwaltungsgericht, vor dem typischerweise ein Staatsbürger Rechtsschutz gegenüber der Behörde einer staatlichen oder gemeindlichen Institution begehrt, nicht in den Verdacht zu bringen, dass es die Verwaltung zum Nachteil des Bürgers schütze. Durch die Inkompatibilitätsnorm des § 22 Nr. 3 VwGO soll daher erreicht werden, dass der Rechtssuchende auf der Richterbank neben den Berufsrichtern nicht ehrenamtliche Richter antrifft, die ihrerseits etwa der Verwaltung des Bundes, eines Landes, einer Kommune oder einer anderen juristischen Person des öffentlichen Rechts als Beamte oder Angestellte unmittelbar angehören.
Etwa OVG NRW, Beschluss vom 17. September 2012 - 16 F 19/12 -, juris, m. w. N; Stelkens/Panzer, in: Schoch/Schneider/Bier, Loseblatt-Kommentar zur VwGO, Stand: April 2013, § 22 Rn. 7 f.
Hiervon ausgehend ist der Begriff des öffentlichen Dienstes weit auszulegen.
So OVG NRW in ständiger Rechtsprechung, Beschlüsse vom 27. April 1961 ‑ VIII E 16/61 -, DÖV 1961, 910, vom 26. Januar 1984 - 16 E 38/83 ‑, NVwZ 1984, 593, vom 26. April 1985 - 16 E 102/85 ‑, NVwZ 1986, 1029, vom 17. August 1993 - 16 F 215/93 ‑, NVwZ-RR 1994, 704, und vom 17. Dezember 2012 - 16 F 19/12 -, a. a. O.
Danach beurteilt ist Frau C. -C1. eine Angestellte im öffentlichen Dienst im Sinne von § 22 Nr. 3 VwGO. Fraktionen stellen nämlich regelmäßig eine mit eigenen Rechten ausgestattete Teilgliederung des Vertretungsorgans dar. Sie sind Zusammenschlüsse von Mitgliedern der Volksvertretungen in Ausübung von deren organschaftlichen Mitgliedschaftsrechten und daher Organisationsformen des öffentlichen Rechts.
Vgl. OVG NRW, Beschluss vom 19. Januar 1989 ‑ 16 E 82/88 -, DÖD 1990, 197; Ziekow, in: Sodan/Ziekow, Kommentar zur VwGO, 3. Aufl. 2010, § 22 Rn. 16.
Dies hat zur Folge, dass ein Fraktionsassistent im öffentlichen Dienst beschäftigt ist und nicht zu einem ehrenamtlichen Richter bestellt werden darf.
Dieser Beschluss ist unanfechtbar (§ 24 Abs. 3 Satz 3 VwGO).