PKH: Aufhebung der Ratenpflicht bei nachträglicher wesentlicher Vermögensänderung
KI-Zusammenfassung
Die Antragstellerin beschwerte sich gegen Entscheidungen des Familiengerichts zur Prozesskostenhilfe (PKH) und zur Ratenzahlungspflicht. Zentrale Frage war, ob eine nachträglich geltend gemachte wesentliche Verschlechterung der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse zu berücksichtigen ist. Das OLG Köln gab der Beschwerde statt: Die Ratenpflicht ist ab Jan. 1993 aufzuheben; der Entzug der PKH wurde aufgehoben, weil die Änderung dauerhaft und die verspätete Geltendmachung unschädlich war.
Ausgang: Beschwerde der Antragstellerin stattgegeben: PKH-Ratenpflicht ab Jan. 1993 aufgehoben und Entzug der PKH aufgehoben
Abstrakte Rechtssätze
Eine wesentliche Änderung der für die Prozesskostenhilfe maßgeblichen persönlichen oder wirtschaftlichen Verhältnisse ist bei Entscheidungen über die Ratenpflicht zu berücksichtigen, auch wenn sie erst nachträglich und zeitlich verzögert geltend gemacht wird.
§ 120 Abs. 4 ZPO eröffnet die Möglichkeit, eine einmal festgesetzte Ratenzahlungsverpflichtung zu ändern, wenn die geänderten Verhältnisse andauern; das Gericht hat insoweit zu prüfen, ob die Änderung vorübergehend oder dauerhaft ist.
Eine zeitliche Verzögerung der Antragstellung steht der Berücksichtigung der Änderung nicht entgegen; die in § 120 Abs. 4 S. 3 ZPO geregelte Sperre gilt zu Gunsten der hilfsbedürftigen Partei, nicht zu ihren Ungunsten.
Übt das Gericht sein Ermessen bei Festsetzung oder Änderung der Ratenpflicht unrichtig aus, kann die Beschwerde zur Änderung der Entscheidung führen.
Vorinstanzen
Amtsgericht Köln, 316 F 115/92
Leitsatz
Eine wesentliche Änderung der für die Prozeßkostenhilfe maßgebenden persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der hilfsbedürftigen Partei ist auch dann zu berücksichtigen, wenn diese Änderung erst nachträglich, längere Zeit nach ihrem Eintritt, geltend gemacht wird.
Tenor
1. Auf die Beschwerde der Antragstellerin wird der Beschluß des Amtsgerichts - Familiengericht - Köln vom 24. Januar 1994 abgeändert und wie folgt neu gefaßt: Die der Antragstellerin durch Beschluß des Amtsgerichts - Familiengericht - Köln vom 23. Oktober 1992 bewilligte Prozeßkostenhilfe ist für die Zeit ab Januar 1993 ratenfrei. 2. Auf die Beschwerde der Antragstellerin wird der Beschluß des Amtsgerichts - Familiengericht - Köln vom 7. Februar 1994 aufgehoben.
Gründe
Die Beschwerden der Antragstellerin gegen die in der vorstehenden Entscheidungsformel genannten Be-schlüsse des Familiengerichts sind zulässig und be-gründet.
Dem Antrag der Antragstellerin, ihr für die Zeit ab Januar 1993 die Verpflichtung zur Zahlung von Prozeßkostenhilferaten zu erlassen, ist gemäß § 120 Abs. 4 Satz 1 ZPO stattzugeben. Denn in den wirt-schaftlichen Verhältnissen der Antragstellerin ha-ben sich wesentliche Veränderungen ergeben, derent-wegen die Ratenzahlungsverpflichtung nicht mehr bei Bestand bleiben kann. Als ihr durch Beschluß vom 23. Oktober 1992 Prozeßkostenhilfe bewilligt wurde, bezog sie Sozialhilfeleistungen und verfügte außerdem über Einnahmen aus einer Putztätigkeit in Höhe von etwa 400,00 DM monatlich. Dies veranlaßte das Familiengericht, eine Ratenzahlungsverpflich-tung in Höhe von 90,00 DM monatlich festzusetzen. Ob dies der Sach- und Rechtslage gerecht wurde, kann dahinstehen. Jedenfalls hat die Antragstelle-rin seit Anfang Januar 1993, wie sie im einzelnen dargelegt hat, keine Einnahmen mehr, sie bezieht keine Sozialhilfeleistungen mehr und hat auch keine Einkünfte mehr aus einer Arbeitstätigkeit. Nach ihren Angaben, deren Richtigkeit sie an Eides statt versichert hat, ist sie derzeit vielmehr völlig mittellos und ganz darauf angewiesen, von ihrem Lebensgefährten, bei welchem sie wohnt, unterhalten zu werden. Daß sie gegen diesen keinerlei Ansprüche hat, bei deren Durchsetzung sie etwa weiterhin die seinerzeit festgesetzten Prozeßkostenraten zah-len könnte, bedarf keiner näheren Darlegung. Unter diesen Umständen ist für eine Ratenzahlungsver-pflichtung der Antragstellerin kein Raum mehr. Daß die Antragstellerin die Befreiung von der genann-ten Verpflichtung erst Januar 1994 beantragt hat, bleibt für das Ergebnis ohne Bedeutung. Zum einen hat sie nachvollziehbar dargelegt, wie es zu der Verzögerung gekommen ist. Zum anderen kennt das Gesetz zwar in § 120 Abs. 4 Satz 3 ZPO eine zeitli-che Sperre zugunsten einer hilfsbedürftigen Partei, eine solche zuungunsten derselben aber nicht. Über-dies ist es der Regelung in § 120 Abs. 4 Satz 1 ZPO immanent, daß eine Entscheidung über die Änderung der Ratenzahlungsverpflichtung stets erst einige Zeit nach dem Eintritt der wesentlichen Änderungen erfolgt. Denn auf sie kann das Gericht erst rea-gieren, wenn sie ihm bekanntgeworden ist. Das aber wird in aller Regel eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Außerdem hat das Gericht dann zu prüfen, ob die geänderten Verhältnisse andauern oder nur vorübergehenden Charakter haben. Nur im erstgenann-ten Fall kann eine Entscheidung nach § 120 Abs. 4 Satz 1 ZPO in Frage kommen.
Nach alledem kann dahinstehen, ob die Formulierung "Das Gericht kann ... ändern" lediglich die Zustän-digkeit oder eine Ermessensfreiheit des Gerichtes ausdrückt. Letzteren Falles ist festzuhalten, daß das Familiengericht bei den hier gegebenen Verhält-nissen sein Ermessen unrichtig angewandt, nämlich auf eine tatsächlich eingetretene wesentliche Ver-änderung der wirtschaftlichen Verhältnisse der An-tragstellerin nicht sachgerecht reagiert hat.
Nach dem Vorgesagten kann der Beschluß des Fami-liengerichts vom 7. Februar 1994, durch welchen der Antragstellerin die ihr bewilligte Prozeßkostenhil-fe gemäß § 124 Ziff. 4 ZPO entzogen worden ist, nicht bestehen bleiben. Ihm ist durch die Entschei-dung über die Beschwerde der Antragstellerin gegen den Beschluß des Familiengerichts vom 24. Janu-ar 1994 der Boden entzogen worden.