Revision verworfen: Gesamtbetrachtung von Geldstrafe und Fahrverbot im Verschlechterungsverbot
KI-Zusammenfassung
Der Angeklagte legte Revision gegen ein Berufungsurteil ein, mit dem die Tagessatzzahl reduziert, zugleich aber ein dreimonatiges Fahrverbot als Nebenstrafe angeordnet wurde. Zentrale Frage war, ob dadurch das Verschlechterungsverbot verletzt ist. Das OLG prüft Gesamtwirkung von Strafe und Nebenstrafe und verneint eine Verschlechterung; die Revision wird verworfen. Es fehlt ein Nachteil zugunsten des Angeklagten.
Ausgang: Revision als unbegründet verworfen; keine Verletzung des Verschlechterungsverbots bei Reduzierung der Geldstrafe und Verhängung eines dreimonatigen Fahrverbots
Abstrakte Rechtssätze
Bei der Prüfung des Verschlechterungsverbots sind die vom erst- und vom berichtigenden Gericht verhängten Strafen einschließlich etwaiger Nebenstrafen in ihrer Gesamtheit gegenüberzustellen, da zwischen Strafe und Nebenstrafe Wechselwirkungen bestehen.
Die Anordnung eines Fahrverbots als Nebenstrafe kann zulässig sein, sofern die Gesamtstrafe insoweit nicht verschlechtert wird; ein dreimonatiges Fahrverbot ist nicht ohne Weiteres mit einer bestimmten Anzahl von Tagessätzen gleichzusetzen.
Eine Reduzierung der Geldstrafe zugunsten der Verhängung eines Fahrverbots verstößt nicht gegen das Verschlechterungsverbot, wenn das damit verbundene Belastungsbild die Minderung der Geldstrafe nicht übersteigt.
Das Verschlechterungsverbot ist verletzt, wenn aus den Feststellungen hervorgeht, dass durch die Nebenstrafe ein über die Absenkung der Hauptstrafe hinausgehender, gewichtiger Nachteil entsteht; konkrete Anhaltspunkte für einen solchen Nachteil müssen vorgetragen oder festgestellt werden.
Vorinstanzen
Landgericht Münster, 5 Ns 98/16
Leitsatz
1.
Die vom Amtsgericht verhängte Strafe und die des Landgerichts (einschließlich der Nebenstrafe des Fahrverbots) sind in ihrer Gesamtheit gegenüberzustellen, wenn es um die Beurteilung eines Verbots gegen das Verschlechterungsverbot geht, denn zwischen Strafe und Nebenstrafe besteht eine Wechselwirkung.
2.
Das Strafübel eines dreimonatigen Fahrverbots ist nicht vergleichbar mit dem Strafübel einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen.
Tenor
Die Revision wird als unbegründet verworfen, da die Nachprüfung des Urteils aufgrund der Revisionsrechtfertigung keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben hat (§ 349 Abs. 2 StPO).
Die Kosten des Rechtsmittels trägt der Angeklagte (§ 473 Abs. 1 StPO).
Rubrum
Zusatz:
Dass das Landgericht zusätzlich zur Geldstrafe auf ein dreimonatiges Fahrverbot nach § 44 StGB erkannt hat, verstößt nicht gegen das Verschlechterungsverbot, welches von Amts wegen zu prüfen ist (Meyer-Goßner in: Meyer-Goßner/Schmitt, StPO, 60. Aufl., § 358 Rdn. 13 m.w.N.). Das Landgericht hat die Zahl der Tagessätze von 100 auf 50 verringert und dafür und an Stelle einer Entziehung der Fahrerlaubnis mit Sperrfrist auf ein dreimonatiges Fahrverbot erkannt. Die vom Amtsgericht verhängte Strafe und die des Landgerichts (einschließlich der Nebenstrafe des Fahrverbots) sind in ihrer Gesamtheit gegenüberzustellen, wenn es um die Beurteilung eines Verbots gegen das Verschlechterungsverbot geht, denn zwischen Strafe und Nebenstrafe besteht eine Wechselwirkung (BayObLG , Beschl. v. 03.10.1977 – RReg 1 St 136/77- juris). Bei einer Gesamtbetrachtung ist der Angeklagte aber durch die vom Landgericht verhängte Bestrafung nicht schlechter gestellt als durch das amtsgerichtliche Urteil. Die Geldstrafe, bei der auch die Gefahr der Verbüßung in Form einer Ersatzfreiheitsstrafe besteht (vgl. OLG Düsseldorf NZV 1993, 123, 124), wurde deutlich abgesenkt. Das Strafübel des dreimonatigen Fahrverbots, welches lediglich eine Erschwerung der Mobilität des Angeklagten bedeutet, überschreitet jedenfalls nicht den Umfang dieser Absenkung. Es kann nicht etwa ein Monat Fahrverbot mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen gleichgesetzt werden (offengelassen in BayObLG a.a.O.). Hinzu kommt, dass die Maßregel komplett entfallen ist (vgl. OLG Hamm, Beschl.v. 02.07.1973 – 4 Ss 464/73 – juris LS). Dass der Angeklagte durch das Fahrverbot etwa größeren wirtschaftlichen Schaden erleiden würde als durch eine höhere Geldstrafe (vgl. dazu: OLG Düsseldorf, ZfSch 2006, 587), ergeben die Feststellungen ebenfalls nicht.
Aus den vorgenannten Gründen kann der Senat vorliegend auch ausschließen, dass das Landgericht die Wechselwirkung zwischen Strafe und Nebenstrafe aus dem Auge verloren hat – auch wenn diese in der Strafzumessung nicht ausdrücklich erwähnt wird.