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Landgericht Köln·23 O 357/08·22.02.2011

Klage auf Erstattung von IVF/ICSI-Kosten wegen fehlender medizinischer Notwendigkeit abgewiesen

ZivilrechtVersicherungsrechtMedizinrechtAbgewiesen

KI-Zusammenfassung

Die Klägerin forderte Erstattung der Kosten für zwei IVF/ICSI-Behandlungen aus ihrer privaten Krankenversicherung. Streitpunkt war, ob ein Versicherungsfall vorliegt, insbesondere organisch bedingte Sterilität und eine mindestens 15%ige Erfolgsaussicht. Das Gericht folgte dem Sachverständigengutachten: Es fehlten objektive Befunde für organische Sterilität und für die Indikation der ICSI. Die Klage wurde daher als unbegründet abgewiesen.

Ausgang: Klage auf Kostenerstattung für IVF/ICSI als unbegründet abgewiesen; kein Versicherungsfall wegen fehlender organisch bedingter Sterilität und fehlender Indikation für ICSI.

Abstrakte Rechtssätze

1

Leistungen für künstliche Befruchtungsmaßnahmen sind nur dann als medizinisch notwendige Heilbehandlung erstattungsfähig, wenn eine organisch bedingte Sterilität vorliegt, die Maßnahme das einzig mögliche Mittel ist und eine deutliche Erfolgsaussicht (mindestens 15 %) besteht.

2

Die Pflicht zur Darlegung und zum Nachweis der medizinischen Notwendigkeit und der Erfolgsaussicht trifft die versicherte Person; nüchterne, objektive Befunde sind erforderlich, um organische Sterilität zu begründen.

3

Die Rechtsprechung des BGH ist dahin auszulegen, dass nicht jede Form der Unfruchtbarkeit ohne organische Ursache eine Erstattungsverpflichtung begründet; der Begriff der Sterilität ist auf organisch bedingte Fälle zu beschränken.

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Die ICSI-Behandlung ist nur dann medizinisch indiziert (und damit erstattungsfähig), wenn die Voraussetzungen gemäß berufsrechtlich verbindlicher Richtlinien vorliegen (z.B. fehlende oder unzureichende Befruchtung nach IVF); ohne entsprechende Indikation besteht keine Kostentragungspflicht des Versicherers.

Zitiert von (1)

1 neutral

Relevante Normen
§ 1, 49, 178a VVG a.F.§ 91 Abs. 1, 708 Nr. 11, 711, 709 S. 2 ZPO

Tenor

Die Klage wird ab­ge­wie­sen.

Die Kos­ten des Rechts­streits trägt die Klä­ge­rin.

Das Urteil ist vor­läu­fig voll­streck­bar. Der Klä­ge­rin wird nach­ge­las­sen, die Voll­stre­ckung gegen Si­cher­heits­leis­tung in Höhe von 120 % des zu voll­stre­cken­den Be­tra­ges ab­zu­wen­den, wenn nicht die Be­klag­te vor der Voll­stre­ckung Si­cher­heit in glei­cher Höhe leis­tet

Rubrum

1

Tat­be­stand

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Die Par­tei­en strei­ten um die Er­stat­tung von Kos­ten für künst­li­che Be­fruch­tungs­maß­nah­men.

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Die am 12.02.1964 ge­bo­re­ne Klä­ge­rin unter­hält bei der Be­klag­ten eine pri­va­te Krank­heits­kos­ten­ver­si­che­rung nach Tarif VSPO. Die, die MB/KK 94 um­fas­sen­den AVB sowie die Ta­rif­be­din­gun­gen der Be­klag­ten sind Ge­gen­stand des Ver­tra­ges.

4

Der Kin­der­wunsch der Klä­ge­rin und ihres eben­falls pri­vat ver­si­cher­ten Ehe­man­nes ließ sich auf na­tür­li­chem Weg nicht er­fül­len. Nach­dem es im De­zem­ber 2007 in­fol­ge einer Hor­mon­be­hand­lung der Ehe­frau zu einer Spon­tan­schwan­ger­schaft kam, die je­doch in einem Abort en­de­te, ent­schied sich das Paar für die Durch­füh­rung künst­li­cher Be­fruch­tungs­maß­nah­men. So fan­den in der Zeit vom 02.05. bis zum 23.05.2008 sowie vom 01.09. bis zum 08.09.2008 die zwei streit­ge­gen­ständ­li­che IVF/ICSI-Be­hand­lun­gen in der re­pro­duk­ti­ons­me­di­zi­ni­schen Ein­rich­tung des Dr. N in Köln statt.

5

Auf die Vor­la­ge zweier für den ers­ten Be­fruch­tungs­ver­such er­stell­ter Re­zep­te, lehn­te die Be­klag­te unter dem 30.05.2008 eine Kos­ten­über­nah­me mit der Be­grün­dung feh­len­der Er­folgs­aus­sicht ab. Nach Ein­rei­chung einer wei­te­ren Li­qui­da­tion vom 26.05.2008 über 3.097.83 € leis­te­te die Be­klag­te zu­nächst, for­der­te den Be­trag aber unter dem 07.08.2008 wie­der zu­rück, mit der Er­läu­te­rung, dass die Zah­lungs­an­wei­sung auf einem Ver­se­hen be­ru­he. Da die Klä­ge­rin eine Rück­er­stat­tung ab­lehn­te, ver­rech­ne­te die Be­klag­te in der Fol­ge­zeit meh­re­re, nicht im Zu­sam­men­hang mit den Be­fruch­tungs­ver­su­chen ste­hen­de Li­qui­da­tio­nen, mit die­sem Be­trag.

6

Auch auf die wei­te­ren (zum Teil erst nach Rechts­hän­gig­keit) vor­ge­leg­ten Rech­nun­gen, die die Klä­ge­rin mit einem Ge­samt­be­trag von 12.917,54 € be­zif­fert, lehnt die Be­klag­te eine Er­stat­tung voll­um­fäng­lich ab.

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Die Klä­ge­rin be­haup­tet, sämt­li­che Be­fruch­tungs­maß­nah­men seien me­di­zi­nisch not­wen­dig ge­we­sen. Sie ist der An­sicht, dass dies nicht nur im Falle einer or­ga­nisch be­ding­ten Ste­ri­li­tät an­ge­nom­men wer­den könne, son­dern dass die Recht­spre­chung es aus­rei­chen lasse, wenn die Un­frucht­bar­keit auf eine an­de­re Ur­sa­che, wie z.B. die bei ihr di­ag­nos­ti­zier­te Fol­li­kel­rei­fe­stö­rung, zu­rück­zu­füh­ren sei.

8

Die Klä­ge­rin be­an­tragt,

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die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an sie 12.917,54 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz seit Rechts­hän­gig­keit zu zah­len;

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fest­zu­stel­len, dass die Be­klag­te zur Rück­for­de­rung eines er­stat­te­ten Be­trags in Höhe von 3.097,83 € aus der Rg.-Nr. 48 nicht be­rech­tigt ist;

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fest­zu­stel­len, dass die Be­klag­te zur Er­stat­tung der (künf­ti­gen) Be­hand­lungs- und Arz­nei­mit­tel­kos­ten für die zwei­te Maß­nah­me der künst­li­chen Be­fruch­tung be­gon­nen im Au­gust 2008 mit Punk­tion am 06.09.2008 ver­pflich­tet ist.

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Die Be­klag­te be­an­tragt,

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die Klage ab­zu­wei­sen.

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Die Be­klag­te be­strei­tet be­reits das Vor­lie­gen eines krank­haf­ten Be­fun­des. Über­dies stel­le eine Fol­li­kel­rei­fe­stö­rung al­lein keine In­di­ka­tion für eine künst­li­che Be­fruch­tung dar. Fer­ner be­strei­tet die Be­klag­te die me­di­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit sämt­li­cher durch­ge­führ­ter Be­hand­lun­gen. Ins­be­son­de­re läge auf­grund des Al­ters der Klä­ge­rin die Er­folgs­aus­sicht einer Schwan­ger­schaft in Folge künst­li­cher Be­fruch­tung deut­lich unter 15 %. Die Be­klag­te ist über­dies der An­sicht, dass sie je­den­falls für die ICSI-Be­hand­lun­gen nicht ein­tritts­pflich­tig sei.

15

Wegen des wei­te­ren Sach- und Streit­stan­des wird auf die zwi­schen den Par­tei­en ge­wech­sel­ten Schrift­sät­ze sowie die zu den Akten ge­reich­ten Ur­kun­den Bezug ge­nom­men.

16

Die Kam­mer hat gemäß Be­weis­be­schluss vom 07.07.2009 Be­weis er­ho­ben durch Ein­ho­len eines schrift­li­chen Sachverständigengutachtens. Wegen des Er­geb­nis­ses der Be­weis­auf­nah­me wird auf das Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen Prof. Dr. C vom 15.09.2010 ver­wie­sen.

17

Ent­schei­dungs­grün­de

18

Die Klage ist zu­läs­sig, aber un­be­grün­det.

19

Die Klä­ge­rin hat gegen die Be­klag­te kei­nen An­spruch aus dem, zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­den Krank­heits­kos­ten­ver­si­che­rungs­ver­trag in Ver­bin­dung mit §§ 1, 49, 178 a VVG a.F. auf ta­rif­li­che Er­stat­tung der durch die künst­li­chen Be­fruch­tungs­maß­nah­men ent­stan­den Kos­ten.

20

Gemäß § 1 Zif­fer 1a der dem Ver­trag zu­grun­de lie­gen­den AVB der Be­klag­ten ge­währt der Ver­si­che­rer im Ver­si­che­rungs­fall den Er­satz von Auf­wen­dun­gen von Heil­be­hand­lun­gen. Ver­si­che­rungs­fall wie­de­rum ist gemäß § 1 Zif­fer 2 der AVB die me­di­zi­nisch not­wen­di­ge Heil­be­hand­lung wegen Krank­heit oder Un­fall­fol­gen.

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Maß­nah­men der künst­li­chen Be­fruch­tung sind nach stän­di­ger Recht­spre­chung dann me­di­zi­nisch not­wen­dig, wenn die ver­si­cher­te Per­son an einer or­ga­nisch be­ding­ten Ste­ri­li­tät lei­det, die Maß­nah­me wei­ter­hin das ein­zig mög­li­che Mit­tel zur Her­bei­füh­rung einer Schwan­ger­schaft ist und eine deut­li­che Er­folgs­aus­sicht der Maß­nah­me be­steht, die dann zu be­ja­hen ist, wenn die Er­folgs­wahr­schein­lich­keit min­des­tens 15 % be­trägt (vgl. dazu BGH VersR 2006, 1673 = NJW 2006, 3560 [3561]; BGHZ 164, 122 [128] = VersR 2005, 1673 = NJW 2005, 3738; 133, 208 [215] = VersR 1996, 1224 [1226] = NJW 1996, 3074; 99, 228 [235] = VersR 1987, 278 [280]).

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So­weit die Klä­ge­rin unter Be­zug­nah­me auf das Urteil des BGH vom 17.12.1986, IV a ZR 78/85, NJW 1987, 703 ar­gu­men­tiert, dass auch an­de­re Fälle der Ste­ri­li­tät die Be­klag­te zur Er­stat­tung ver­pflich­ten wür­den, war dem nicht zu fol­gen. Wenn es in dem zi­tier­ten Urteil wört­lich heißt, dass „auch die or­ga­nisch be­ding­te Ste­ri­li­tät als sol­che – un­ab­hän­gig von ihren kon­kre­ten kör­per­li­chen Krank­heits­ur­sa­chen – als re­gel­wid­ri­ger Kör­per­zu­stand ein­zu­ord­nen ist“, dann ist eine Aus­le­gung da­hin­ge­hend, dass auch an­de­re For­men der Ste­ri­li­tät, un­ab­hän­gig von einer or­ga­ni­schen Ur­sa­che, die Er­stat­tungs­pflicht be­grün­den wür­den, nicht ge­bo­ten. Zwar trifft es zu, dass der BGH durch das Urteil die Rech­te kin­der­lo­ser Ehe­leu­te hat er­wei­tern wol­len. Gleich­zei­tig hat er aber eine Be­gren­zung auf Fälle or­ga­nisch be­ding­ter Ste­ri­li­tät vor­ge­nom­men. Der Pas­sus „auch be­ding­te Ste­ri­li­tät“  ist dem­gegen­über viel­mehr als Be­zug­nah­me auf an­de­re, eine Er­stat­tungs­pflicht be­grün­den­de Krank­heits­bil­der zu ver­ste­hen. Die­ses Er­geb­nis wird auch durch den nach­fol­gen­den Satz in dem he­ran­ge­zo­ge­nen Urteil ge­stützt. Dort hält der BGH ein­deu­tig fest, dass der „or­gan­be­dingt ste­ri­le Ehe­part­ner“ als krank im Sinne der Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen an­zu­se­hen ist.

23

Nach dem Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me steht nicht fest, dass die Klä­ge­rin an einer or­ga­nisch be­ding­ten Ste­ri­li­tät lei­det, noch an einer, die Fer­ti­li­tät ein­schrän­ken­den Fol­li­kel­rei­fe­stö­rung. Es ist der Klä­ge­rin mit­hin nicht ge­lun­gen, den ihr ob­lie­gen­den Be­weis der me­di­zi­ni­schen Not­wen­dig­keit zu füh­ren. Die Kam­mer folgt in­so­weit in vol­lem Um­fang den Fest­stel­lun­gen des Sach­ver­stän­di­gen C in sei­nem Gut­ach­ten. Die­ser ge­langt zu dem ein­deu­ti­gen Er­geb­nis, dass die Klä­ge­rin nicht unter einer or­ga­nisch be­ding­ten Ste­ri­li­tät leide. Sämt­li­chen vor­ge­leg­ten ärzt­li­chen Stel­lung­nah­men und gy­nä­ko­lo­gi­schen Be­rich­ten lie­ßen sich ob­jek­ti­ve Be­fun­de für das Vor­lie­gen einer or­ga­nisch be­ding­ten Ste­ri­li­tät nicht ent­neh­men. Der Sach­ver­stän­di­ge führt wei­ter zur Über­zeu­gung der Kam­mer aus, dass es über­dies auch an ob­jek­ti­ven Be­fun­den, die die Di­ag­no­se Fol­li­kel­rei­fe­stö­rung stüt­zen könn­ten, fehle. Zu­dem er­läu­tert er abschließend, dass selbst im Falle einer un­ter­stell­ten Fol­li­kel­rei­fe­stö­rung zwar eine hor­mo­nel­le Sti­mu­la­tion der Fol­li­kel­rei­fung in­di­ziert sei, nicht aber eine ICSI-Be­hand­lung. Der Sach­ver­stän­di­ge führt wei­ter­hin aus, dass je­den­falls die ICSI-Be­hand­lun­gen auch un­ab­hän­gig von einer or­ga­nisch be­ding­ten Ste­ri­li­tät vor­lie­gend nicht me­di­zi­nisch not­wen­dig ge­we­sen seien. Eine da­hin­ge­hen­de In­di­ka­tion be­ste­he laut Richt­li­nie der Bun­des­ärz­te­kam­mer und der ent­spre­chen­den be­rufs­recht­lich bin­den­den Richt­li­nie der Ärz­te­kam­mer Nord­rhein immer nur bei „feh­len­der oder un­zu­rei­chen­der Be­fruch­tung bei einem IVF-Ver­such“. Eine sol­che Si­tu­a­tion habe es im vor­lie­gen­den Fall nicht ge­ge­ben. Das Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen ist über­zeu­gend und nach­voll­zieh­bar. Der Sach­ver­stän­di­ge hat die in der Ge­richts­ak­te be­find­li­chen Unter­la­gen aus­ge­wer­tet und die wis­sen­schaft­li­che Stu­dien­la­ge be­rück­sich­tigt. An der Sach­kun­de des Sach­ver­stän­di­gen be­steht kein Zwei­fel.

24

Da es mit­hin an einem Ver­si­che­rungs­fall fehlt, hat die Klä­ge­rin auch mit ihren Fests­tel­lun­gan­trä­gen kei­nen Er­folg.

25

Die pro­zes­sua­len Ne­ben­ent­schei­dun­gen be­ru­hen auf §§ 91 I, 708 Nr. 11, 711, 709 S. 2  ZPO.

26

Streit­wert: 20.015,37 €