Themis
Anmelden
Landgericht Köln·23 O 274/09·07.06.2011

PKV: Erstattung von Zirkonoxid-Zahnimplantaten und Periimplantitis-Behandlung

ZivilrechtVersicherungsrechtTeilweise stattgegeben

KI-Zusammenfassung

Der privat krankenversicherte Kläger verlangte Erstattung mehrerer zahnärztlicher Rechnungen (u.a. Zirkonoxidimplantate, Periimplantitis-OP, Narkose). Streitpunkt waren insbesondere die medizinische Notwendigkeit, ein vereinbarter Leistungsausschluss für Komplikationen nach Keramikimplantaten sowie GOZ-/Tarifeinwände. Das LG Köln sprach dem Kläger den überwiegenden Teil der Behandlungskosten zu, da die Maßnahmen nach Sachverständigengutachten medizinisch notwendig waren und der Leistungsausschluss die Periimplantitis-Behandlung nicht erfasste. Abgewiesen wurden u.a. vorgerichtliche Anwaltskosten wegen fehlender Aktivlegitimation (§ 86 VVG) sowie einzelne Positionen (Praxis-material).

Ausgang: Klage auf Kostenerstattung aus privater Krankenversicherung überwiegend zugesprochen; im Übrigen (u.a. Anwaltskosten/Einzelpositionen) abgewiesen.

Abstrakte Rechtssätze

1

Medizinische Notwendigkeit in der privaten Krankheitskostenversicherung liegt vor, wenn die Behandlung nach objektiven medizinischen Befunden und wissenschaftlichen Erkenntnissen im Behandlungszeitpunkt vertretbar ist.

2

Ein vertraglicher Leistungsausschluss ist nach seinem Wortlaut auszulegen und erfasst nur solche Folgebehandlungen, die unter die konkret ausgeschlossenen Komplikationen oder Verluste fallen.

3

Die operative Behandlung einer Periimplantitis zur Rettung bestehenden Zahnersatzes fällt nicht unter einen Leistungsausschluss für Komplikationen/Verluste von Implantaten, wenn die Ursache nicht im Implantatmaterial oder dessen Einbringung liegt.

4

Eine Tarifklausel, die die Erstattungsfähigkeit von über dem 3,5-fachen GOZ-Satz liegenden Gebühren von einer vorherigen schriftlichen Leistungszusage abhängig macht, ist aus Sicht des Versicherungsnehmers nicht dahin auszulegen, dass der Versicherer bei medizinisch notwendiger und gebührenrechtlich zulässiger Abrechnung ein freies Ermessen zur Zusageverweigerung hat.

5

Vorgerichtliche Anwaltskosten kann der Versicherungsnehmer nach Forderungsübergang (§ 86 VVG) nur geltend machen, wenn er seine Aktivlegitimation bzw. eine Ermächtigung des Rechtsnachfolgers substantiiert darlegt und ggf. beweist.

Relevante Normen
§ 192 VVG§ 291 BGB§ 133 BGB§ 157 BGB§ 288 I BGB§ 86 VVG

Tenor

Die Be­klag­te wird ver­urteilt, an den Klä­ger 12.192,74 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 05.10.2009 zu zah­len.

Im üb­ri­gen wird die Klage ab­ge­wie­sen.

Die Kos­ten des Rechts­streits tra­gen der Klä­ger zu 2 % und die Be­klag­te zu 98 %.

Das Urteil ist vor­läu­fig voll­streck­bar, für den Klä­ger je­doch nur gegen Si­cher­heits­leis­tung in Höhe von 120 % des zu voll­stre­cken­den Be­tra­ges.

Rubrum

1

Tat­be­stand

2

Der Klä­ger unter­hielt wäh­rend des streit­gegen­ständ­li­chen Zeit­raums eine pri­va­te Krank­heits­kos­ten­ver­si­che­rung nach dem hier ein­schlä­gi­gen Tarif Voll­Med Ak­zent bei der Be­klag­ten. Dem Ver­si­che­rungs­ver­hält­nis lagen die aus der Akte er­sicht­li­chen Ver­si­che­rungs- und Ta­rif­be­din­gun­gen zu­grun­de.

3

Im Juli 2007 wur­den dem Klä­ger durch den be­han­deln­den Zahn­arzt Dr. W im Unter­kie­fer rechts 3 Im­plan­ta­te in regio 45, 46 und 47 und im Unter­kie­fer links 2 Im­plan­ta­te in regio 36 und 37 ge­setzt. Es han­del­te sich dabei um Ke­ra­mik­im­plan­ta­te (Zir­kon­oxid­im­plan­ta­te). Sei­ner­zeit er­stat­te­te die Be­klag­te die Be­hand­lungs­kos­ten, nach­dem der Klä­ger unter dem 24.07.2007 fol­gen­de Er­klä­rung unter­schrie­ben hatte:

4

„Die L-Krankenversicherung AG zahlt mir für die im­plan­to­lo­gi­schen Maß­nah­men in Form von Ke­ra­mi­kim­pan­ta­ten (Heil- und Kos­ten­plä­ne über 7.359,06 € und 5.194,38 €) die ta­rif­ge­mä­ßen Auf­wen­dun­gen aus An­lass mei­ner an­ste­hen­den zahn­ärzt­li­chen Be­hand­lung in der Ta­ges­kli­nik Dr. W und Dr. T, wie im Schrei­ben vom 09.07.2007 zu­ge­sagt. So­fern sich in den nächs­ten 5 Jah­ren – ge­rech­net ab dem Datum der In­ser­tion der Im­plan­ta­te im Unter­kie­fer – he­raus­stellt, dass die Ver­sor­gung mit Ke­ra­mik­im­plan­ta­ten nicht zu dem er­war­ten­den dauer­haf­ten Be­hand­lungs­er­folg ge­führt haben, er­klä­re ich mich damit ein­ver­stan­den, dass die Kos­ten für die even­tu­el­le Be­hand­lung auf­grund von Kom­pli­ka­tio­nen bzw. von Ver­lus­ten der Im­plan­ta­te im Unter­kie­fer sowie einer even­tu­el­len Neu­ver­sor­gung des Zahn­er­sat­zes nicht von der L-Krankenversicherung AG über­nom­men wer­den.“

5

Im Jahr 2008 begab sich der Klä­ger er­neut in zahn­ärzt­li­che Be­hand­lung der Zahn­ärz­te Dr. H und Prof. Dr. L2. Es wurde eine Neu­ver­sor­gung der regio 47 auf­grund ein­ge­tre­te­ner Pe­ri­im­plan­ti­tis am Im­plan­tat in regio 47 vor­ge­nom­men. Der Klä­ger reich­te  die Rech­nun­gen des be­han­deln­den Zahn­arz­tes vom 31.08.2008 und vom 13.07.2008 bei der Be­klag­ten zur Er­stat­tung ein, des wei­te­ren Rech­nun­gen vom 16.04.2009, 05.04.2009, 26.06.2009, 12.06.2009, 28.07.2009 und 26.07.2006. Letz­te­re be­tref­fen die In­ser­tion von Ke­ra­mik­im­plan­ta­ten in den Re­gio­nen 15, 16 und 23, 24, 25 und deren Nach­sor­ge. Wegen der Ein­zel­hei­ten wird auf die vor­ge­nann­ten Rech­nun­gen Bezug ge­nom­men. Die Be­klag­te lehn­te Er­stat­tungs­leis­tun­gen ab mit Aus­nah­me einer Tei­lers­tat­tung auf die Rech­nung vom 12.06.2009 in Höhe von 47,52 €, die mit dem Selbst­be­halt ver­rech­net wurde. Nach Rechts­hän­gig­keit wurde auf die Rech­nung vom 28.07.2009 ein wei­te­rer Be­trag in Höhe von 38,94 € an­erkannt. Auch die­ser wurde mit dem Selbst­be­halt ver­rech­net. Die Selbst­be­hal­te für die Jahre 2008 und 2009 sind un­strei­tig nun­mehr aus­ge­schöpft.

6

Der Klä­ger be­haup­tet, es habe sich bei den streit­gegen­ständ­li­chen Zahn­be­hand­lun­gen ins­ge­samt um me­di­zi­nisch not­wen­di­ge Heil­be­hand­lun­gen ge­han­delt, ins­be­son­de­re sei die Ver­wen­dung des Werk­stof­fes Zir­kon­oxid als me­di­zi­nisch not­wen­dig an­zu­se­hen. Der Klä­ger leide an einer Ti­tan­un­ver­träg­lich­keit. Der Klä­ger ist der Auf­fas­sung, die Neu­ver­sor­gung der regio 47 sei nicht von der Er­klä­rung vom 24.07.2007 er­fasst, da diese sich nur auf die spe­zi­fi­schen Ri­si­ken be­zie­he, die sich ge­ra­de aus der Ver­wen­dung der Ke­ra­mik­im­plan­ta­te er­gä­ben, ins­be­son­de­re der be­klag­ten­seits be­haup­te­ten er­höh­ten Bruch­ge­fahr oder der Spö­dig­keit, der ge­rin­ge­ren Elas­ti­zi­tät bzw. der er­höh­ten An­fäl­lig­keit auf Zug­span­nun­gen. Vor­lie­gend hät­ten sich diese Ri­si­ken aber sämt­lich nicht rea­li­siert.

7

Der Klä­ger hat ur­sprüng­lich be­an­tragt, 1. die Be­klag­te zur Zah­lung von 12.500,54 € nebst 5 % Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz der EZB zu ver­urtei­len, 2. die Be­klag­te zur Zah­lung wei­te­rer 1.338,27 € nebst 5 % Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz der EZB zu ver­urtei­len. Die Par­tei­en haben mit Rück­sicht auf die An­erken­nung eines wei­te­ren Teil­rech­nungs­be­tra­ges durch die Be­klag­te den Rechts­streit in Höhe eines Teil­be­tra­ges von 38,94 € in der Haupt­sa­che für er­le­digt er­klärt und wech­sel­sei­ti­ge Kos­ten­an­trä­ge ge­stellt.

8

Der Klä­ger be­an­tragt nun­mehr,

9

1. die Be­klag­te zur Zah­lung von 12.461,60 € nebst 5 % Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz der EZB zu ver­urtei­len,

10

2. die Be­klag­te zur Zah­lung wei­te­rer 1.338,27 € nebst 5 % Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz der EZB zu ver­urtei­len.

11

Die Be­klag­te be­an­tragt,

12

die Klage ab­zu­wei­sen.

13

Die Be­klag­te ist der Auf­fas­sung, dass die mit den  Li­qui­da­tio­nen vom 31.08.2008 und vom 13.07.2008 ab­ge­rech­ne­te Neu­ver­sor­gung der regio 47 von der Er­klä­rung des Klä­gers vom 24.07.2007 er­fasst wür­den. Da­rüber hi­naus be­strei­tet die Be­klag­te hin­sicht­lich sämt­li­cher Rech­nun­gen die me­di­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit der Be­hand­lung. In­so­weit be­haup­tet sie, es lägen keine hin­rei­chen­den wis­sen­schaft­li­chen Daten zur Ver­wen­dung des Werk­stof­fes Zir­kon­oxid vor. Die Be­klag­te be­strei­tet eine Ti­tan­al­ler­gie des Klä­gers. Auch die Se­da­tions­form (Voll­nar­ko­se bzw. TIVA) sei nicht me­di­zi­nisch not­wen­dig ge­we­sen.  Da­rüber hi­naus er­hebt die Be­klag­te ge­büh­ren­recht­li­che und ta­rif­li­che Ein­wen­dun­gen. Wegen der dies­be­züg­li­chen Ein­zel­hei­ten wird auf die Schrift­sät­ze vom 30.11.2009 und vom 08.03.2010 Bezug ge­nom­men. Die Be­klag­te be­ruft sich wei­ter­hin auf die feh­len­de Fäl­lig­keit, da ihr eine Kopie der Rech­nung des Her­stel­lers des ver­wen­de­ten Im­plan­tat­sys­tems sowie hin­sicht­lich der Rech­nun­gen vom 31.08.2008, 13.07.2008 und 16.04.2009 die zahn­ärzt­li­chen Be­fund­unter­la­gen nicht vor­ge­le­gen hät­ten. Die Be­klag­te er­hebt des wei­te­ren Ein­wen­dun­gen gegen die gel­tend ge­mach­ten vor­ge­richt­li­chen An­walts­kos­ten. Wegen der Ein­zel­hei­ten wird auf den Schrift­satz vom 30.11.2009 Bezug ge­nom­men.

14

Wegen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf die zwi­schen den Par­tei­en ge­wech­sel­ten Schrift­sät­ze sowie die zu den Akten ge­reich­ten Urkun­den Bezug ge­nom­men.

15

Die Klage ist der Be­klag­ten am 05.10.2009 zu­ge­stellt wor­den. Die Kam­mer hat Be­weis er­ho­ben gemäß dem Be­weis­be­schluss vom 21.01.2010 in Ver­bin­dung mit dem Be­schluss vom 18.10.2010 durch Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens und schrift­li­che Er­gän­zung des­sel­ben. Wegen des Er­geb­nis­ses der Be­weis­auf­nah­me wird auf das Gut­ach­ten vom 30.07.2010 und die er­gän­zen­de Stel­lung­nah­me des Sach­ver­stän­di­gen vom 03.02.2011 Bezug ge­nom­men.

16

Ent­schei­dungs­grün­de

17

Die Klage ist zu­läs­sig und ganz über­wie­gend be­grün­det. Die Klä­ge­rin hat gegen die Be­klag­te einen An­spruch auf Er­stat­tung von Be­hand­lungs­kos­ten in Höhe des te­no­rier­ten Be­tra­ges aus dem zwi­schen den Par­tei­en be­stehen­den Krank­heits­kos­ten­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges in Ver­bin­dung mit §§ 192 VVG, 1 I, II AVB.

18

Gemäß § 1 I a  der dem Ver­si­che­rungs­ver­trag zu­grun­de lie­gen­den AVB der Be­klag­ten ge­währt der Ver­si­che­rer im Ver­si­che­rungs­fall den Er­satz von Auf­wen­dun­gen für Heil­be­hand­lun­gen. Ver­si­che­rungs­fall ist gemäß § 1 II der AVB die me­di­zi­nisch not­wen­di­ge Heil­be­hand­lung einer ver­si­cher­ten Per­son wegen Krank­heit. Da­run­ter ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung zu ver­ste­hen, dass es nach den ob­jek­ti­ven me­di­zi­ni­schen Be­fun­den und wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­sen zum Zeit­punkt der Be­hand­lung ver­tret­bar ist, die Maß­nah­me des be­han­deln­den Arz­tes als me­di­zi­nisch not­wen­dig an­zu­se­hen. Ver­tret­bar ist eine Heil­be­hand­lung dann, wenn sie in fun­dier­ter und nach­voll­zieh­ba­rer Weise das zu­grun­de lie­gen­de Lei­den diag­nos­tisch hin­rei­chend er­fasst und eine ihm ad­äqua­te ge­eig­ne­te The­ra­pie an­wen­det (vgl. BGH VersR 1979, 221; BGH VersR 1987, 287; BGH VersR 1991, 987; OLG Köln r+s 1995, 431; OLG Köln r+s 1998, 34; OLG Kob­lenz r+s 2002, 173). Davon ist dann aus­zu­ge­hen, wenn eine Be­hand­lungs­me­tho­de zur Ver­fü­gung steht und an­ge­wen­det wird, die ge­eig­net ist, die Krank­heit zu hei­len, zu lin­dern oder ihrer Ver­schlim­me­rung ent­gegen­zu­wir­ken.

19

Nach Maß­ga­be die­ser Grund­sät­ze steht der Klä­ge­rin ein Er­stat­tungs­an­spruch gegen die Be­klag­te in der te­no­rier­ten Höhe zu. Im Ein­zel­nen:

20

Hin­sicht­lich der Rech­nun­gen vom 31.08.2008 und vom 13.07.2008 liegt nach dem Er­geb­nis der durch­ge­führ­ten Be­weis­auf­nah­me ins­ge­samt eine me­di­zi­nisch not­wen­di­ge Heil­be­hand­lung der Klä­ge­rin vor, deren Kos­ten von der Be­klag­ten in Höhe von 1.852,82 € zu er­stat­ten sind. Die Kam­mer folgt in­so­weit in vol­lem Um­fang den über­zeu­gen­den und nach­voll­zieh­ba­ren Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen in sei­nem Gut­ach­ten, der die durch­ge­führ­te Be­hand­lung zur Ret­tung des be­stehen­den Zahn­er­sat­zes und zur Be­hand­lung der Pe­ri­im­plan­ti­tis als not­wen­dig er­ach­tet hat. Auch die me­di­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit der zum Ein­satz ge­lang­ten Voll­nar­ko­se hat der Sach­ver­stän­di­ge nach­voll­zieh­bar mit dem Ein­griffs­um­fang be­grün­det. Das Gut­ach­ten ist über­zeu­gend, dabei über­aus fun­diert. Die Fach­kun­de des Sach­ver­stän­di­gen steht außer Zwei­fel. Die Be­klag­te ist auf der Grund­la­ge der Fest­stel­lun­gen des Sach­ver­stän­di­gen auch nicht auf­grund der von dem Klä­ger am 24.07.2007 ab­ge­ge­be­nen Er­klä­rung leis­tungs­frei ge­wor­den. Denn die Be­hand­lung wird unter Zu­grun­de­le­gung der Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen nach Auf­fas­sung der Kam­mer nicht von dem Wort­laut des ver­ein­bar­ten Leis­tungs­aus­schlus­ses er­fasst. Der Sach­ver­stän­di­ge hat in­so­weit aus­ge­führt, es habe sich nicht um eine Neu­ver­sor­gung der regio 47 mit Zahn­er­satz ge­han­delt, son­dern um die ope­ra­ti­ve Be­hand­lung einer Pe­ri­im­plan­ti­tis. Dabei sei  die Im­plan­tat­ober­flä­che in regio 47 ge­säu­bert wor­den, um das zu hohe Ein­wach­sen so­ge­nann­ter nicht fi­xier­ter Schleim­haut im Im­plan­tat­be­reich zu re­du­zie­ren. Aus­lö­ser für die­sen Ein­griff sei ver­mut­lich die Be­las­sung von Ze­ment­res­ten nach Ein­ze­men­tierung einer Brü­cke auf den dort be­find­li­chen Im­plan­ta­ten ge­we­sen. Diese Ent­zün­dung sei wohl nicht durch die Im­plan­ta­te selbst oder durch deren feh­ler­haf­te Ein­brin­gung ver­ur­sacht wor­den, son­dern durch das Be­las­sen von Ze­ment­res­ten auf den Im­plan­ta­ten. Der Ein­griff habe der Ret­tung des be­stehen­den Zahn­er­sat­zes ge­dient. Han­delt es sich damit weder um eine Neu­ver­sor­gung des Zahn­er­sat­zes noch um eine Be­hand­lung des Klä­gers auf­grund von durch die Im­plan­ta­te selbst, ihren Werk­stoff oder die feh­ler­haf­te Ein­brin­gung ge­ra­de der Im­plan­ta­te her­vor­ge­ru­fe­ne Kom­pli­ka­tio­nen bzw. Ver­lus­ten der Im­plan­ta­te, ist der Leis­tungs­aus­schluss nicht ein­schlä­gig.

21

Die Be­klag­te kann sich, nach­dem ihr die von dem Sach­ver­stän­di­gen bei­ge­zo­ge­nen Be­fund­unter­la­gen zur Ein­sicht vor­ge­le­gen haben, auch nicht mit Er­folg auf eine feh­len­de Fäl­lig­keit be­ru­fen. Ge­büh­ren­recht­li­che Ein­wen­dun­gen sind sei­tens der Be­klag­ten nicht subs­tan­tiiert er­ho­ben wor­den. Der Selbst­be­halt für 2008 ist un­strei­tig er­reicht und kann nicht in Abzug ge­bracht wer­den.

22

Hin­sicht­lich der Rech­nun­gen vom 16.04.2009 und vom 05.04.2009 hat die Klä­ge­rin nach dem Er­geb­nis der durch­ge­führ­ten Be­weis­auf­nah­me eben­falls zur Über­zeu­gung der Kam­mer be­wei­sen kön­nen, dass die die­sen zu­grun­de lie­gen­de Be­hand­lung des Klä­gers me­di­zi­nisch not­wen­dig war. Der Sach­ver­stän­di­ge hat aus­ge­führt, die durch­ge­führ­te Be­hand­lung des Klä­gers mit Zir­kon­oxid­im­plan­ta­ten sei me­di­zi­nisch not­wen­dig ge­we­sen. Es habe auch bei be­reits be­stehen­der im­plan­to­lo­gi­scher Ver­sor­gung des Klä­gers im Unter­kie­fer mit Ke­ra­mik­im­plan­ta­ten kei­nen Sinn ge­macht, hier eine Ver­sor­gung mit einem an­de­ren Ma­te­rial durch­zu­füh­ren, zumal die Unter­kie­fer­im­plan­ta­te gut ein­ge­heilt ge­we­sen seien. Es komme hinzu, dass eine Al­ler­gie gegen Titan nicht zwei­fels­frei aus­zu­schlie­ßen sei. Auf­grund des Ein­griffs­um­fan­ges hat der Sach­ver­stän­di­ge auch die Nar­ko­se für me­di­zi­nisch not­wen­dig er­ach­tet.

23

Die Be­klag­te kann auch nicht mit ihrem Ein­wand durch­drin­gen, die in den Li­qui­da­tio­nen an­ge­setz­ten Stei­ge­rungs­sät­ze seien, so­weit sie über den 3,5 fa­chen Satz hi­naus­gin­gen, man­gels vor­he­ri­ger schrift­li­cher Leis­tungs­zu­sa­ge nach dem Ta­rif­be­din­gun­gen nicht er­stat­tungs­fä­hig, § 4 Zif­fer 2.2 der Ta­rif­be­din­gun­gen. Nach die­ser Vor­schrift sind Mehr­kos­ten durch be­son­de­re Ver­ein­ba­run­gen nur dann er­stat­tungs­fä­hig, wenn sie vor der Be­hand­lung schrift­lich zu­ge­sagt wor­den sind. Eine schrift­li­che Leis­tungs­zu­sa­ge ist sei­tens der Be­klag­ten vor­lie­gend un­strei­tig nicht er­teilt wor­den. Je­doch ist ihr von dem Klä­ger vor Durch­füh­rung der Be­hand­lung der Be­hand­lungs­plan über­mit­telt wor­den mit der Bitte um Er­tei­lung einer Kos­ten­zu­sa­ge. Dies hat sie ins­ge­samt ab­ge­lehnt. Lagen aber die Vo­raus­set­zun­gen vor, unter denen eine Li­qui­da­tion über dem 3,5fa­chen Satz er­fol­gen konn­te, be­stand für die Be­klag­te eine Ver­pflich­tung, eine ent­spre­chen­de Leis­tungs­zu­sa­ge zu er­tei­len. Denn die Ta­rif­be­din­gung kann aus Sicht eines ver­stän­di­gen Ver­si­che­rungs­neh­mers nicht da­hin­ge­hend aus­ge­legt wer­den, dass der Be­klag­ten hin­sicht­lich der Er­tei­lung von Leis­tungs­zu­sa­gen für me­di­zi­nisch not­wen­di­ge Be­hand­lun­gen, die in ge­büh­ren­recht­lich nicht zu be­an­stan­den­der Weise ab­ge­rech­net wer­den, ein Er­mes­sen zu­ste­hen soll, das nur auf Er­mes­sens­feh­ler hin zu über­prü­fen wäre. Viel­mehr soll diese Ta­rif­be­din­gung der Be­klag­ten nur die Mög­lich­keit ein­räu­men, um­fang­rei­che Be­hand­lungs­maß­nah­men und den be­ab­sich­tig­ten An­satz von den Ge­büh­ren­rah­men der GOZ über­stei­gen­den Stei­ge­rungs­sät­zen vorab zu über­prü­fen. Die Ab­rech­nung von Stei­ge­rungs­sät­zen über dem 3,5-fa­chen Satz ist bei be­stehen­der Ho­no­rar­ver­ein­ba­rung aber dann zu­läs­sig, wenn sie im Ein­zel­fall durch be­son­de­re Schwie­rig­kei­ten und/oder einen be­son­de­ren Auf­wand ge­recht­fer­tigt und dies vom be­han­deln­den Zahn­arzt ent­spre­chend be­grün­det wird. Dass diese Vo­raus­set­zun­gen vor­lie­gend ge­ge­ben sind, hat die Be­klag­te nicht be­strit­ten.

24

So­weit die Be­klag­te man­gels ihr vor­pro­zes­sual vor­lie­gen­der Kran­ken­unter­la­gen zu­nächst die feh­len­de Prüf­bar­keit des Prei­ses der Im­plan­ta­te sowie ein­zel­ner Ge­büh­ren­zif­fern aus den vor­ge­nann­ten Rech­nun­gen ge­rügt hat, hat sie mög­li­che ge­büh­ren­recht­li­che Ein­wen­dun­gen  nach Ein­sicht­nah­me in die Kran­ken­unter­la­gen nicht wei­ter subs­tan­tiiert, so dass eine Aus­deh­nung der Be­weis­auf­nah­me in­so­weit nicht ver­an­lasst war. Nicht er­stat­tungs­fä­hig waren mit Rück­sicht auf § 4 III GOZ aber die Kos­ten des Spi­ral­boh­rers. Dabei han­delt es sich um Pra­xis­ma­te­rial im Sinne der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung, das dem Pa­tien­ten nicht ge­son­dert in Rech­nung ge­stellt wer­den kann. Er­stat­tungs­fä­hig sind aus den vor­ge­nann­ten Rech­nun­gen daher ins­ge­samt  6.835,14 €.

25

Hin­sicht­lich der Rech­nun­gen vom 26.06.2009 und vom 12.06.2009 ist eine me­di­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit eben­falls ge­ge­ben. Dies folgt zwang­los da­raus, dass es sich in­so­weit um Nach­sor­ge­be­hand­lun­gen hin­sicht­lich der zuvor in­se­rier­ten Ke­ra­mik­im­plan­ta­te han­delt. So­weit die Be­klag­te hin­sicht­lich der Kos­ten für die in­di­vi­du­el­le Farb­ge­stal­tung und die Kont­rol­le der Prä­pa­ra­tions­gren­zen unter dem Mik­ros­kop ge­büh­ren­recht­li­che Ein­wen­dun­gen er­ho­ben hat, kann sie hier­mit nicht durch­drin­gen. Zwar lie­gen den vor­ge­nann­ten Be­hand­lungs­maß­nah­men äs­the­ti­sche Grün­de zu­grun­de, je­doch be­steht eine Er­stat­tungs­pflicht nach der stän­di­gen Recht­spre­chung der Kam­mer den­noch. Denn die Be­klag­te ist auf­grund des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges ver­pflich­tet, die Kos­ten für Zahn­er­satz zu tra­gen. Dass die­ses Leis­tungs­ver­spre­chen auch die Kos­ten um­fasst, die dafür an­fal­len, dass der Zahn­er­satz äu­ßer­lich so ge­stal­tet wird, dass er in sei­nem Aus­se­hen dem Aus­se­hen na­tür­li­cher Zähne so weit wie mög­lich an­ge­nä­hert wird, ver­steht sich aus Sicht der Kam­mer von selbst. In Abzug zu brin­gen ist je­doch der vom Klä­ger in der Kla­ge­for­de­rung nicht be­rück­sich­tig­te von der Be­klag­ten be­reits vor­pro­zes­sual ge­leis­te­te Tei­lers­tat­tungs­be­trag in Höhe von 47,52 €, der durch An­rech­nung auf den Selbst­be­halt er­bracht wurde. Es ver­bleibt ein zu er­stat­ten­der Be­trag in Höhe von 3.404 ,90 €. 

26

Hin­sicht­lich der Rech­nun­gen vom 28.07.2009 und vom 26.07.2009 steht nach dem Er­geb­nis der durch­ge­führ­ten Be­weis­auf­nah­me eben­falls die me­di­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit der die­sen Rech­nun­gen zu­grun­de lie­gen­den Be­hand­lung zur Über­zeu­gung der Kam­mer fest, dies auch ein­schließ­lich der von der Be­klag­ten be­an­stan­de­ten Ge­büh­ren­zif­fer 404 GOZ. Unter Be­rück­sich­ti­gung der über­ein­stim­men­den Er­le­di­gungs­er­klä­rung ver­bleibt ein von der Be­klag­ten zu er­stat­ten­der wei­te­rer Be­trag aus die­ser Be­hand­lung in Höhe von 99,88 €.

27

Der Zins­an­spruch be­ruht auf § 291 BGB. Der Kla­ge­an­trag war man­gels An­ga­be eines an­de­ren Datums da­hin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass Zin­sen ab Rechts­hän­gig­keit ver­langt wer­den, §§ 133, 157 BGB. Dies hat der Klä­ger im Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung auch klar­ge­stellt. Die Kla­ge­schrift wurde der Be­klag­ten am 05.10.2009 zu­ge­stellt. Die Zins­hö­he er­gibt sich aus dem Ge­setz, § 288 I BGB.

28

Ein An­spruch des Klä­gers auf Er­stat­tung vor­ge­richt­li­cher An­walts­kos­ten be­steht da­gegen nicht. Der Klä­ger hat seine Ak­tiv­le­gi­ti­ma­tion trotz Be­strei­tens durch die Be­klag­te weder be­legt noch ent­spre­chen­den Be­weis an­ge­bo­ten. Un­strei­tig steht hin­ter dem Klä­ger ein Rechts­schutz­ver­si­che­rer, der die vor­ge­richt­li­chen An­walts­ge­büh­ren in der gel­tend ge­mach­ten Höhe an den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers ent­rich­tet hat. Mit der Zah­lung ist die For­de­rung im Wege des ge­setz­li­chen For­de­rungs­über­gan­ges auf den Rechts­schutz­ver­si­che­rer über­ge­gan­gen, § 86 VVG. Der Klä­ger hat zwar vor­ge­tra­gen, von die­sem zur Gel­tend­ma­chung der vor­ge­richt­li­chen Rechts­an­walts­ge­büh­ren er­mäch­tigt wor­den zu sein, dies ist je­doch sei­tens der Be­klag­ten zu­läs­si­ger­wei­se be­strit­ten wor­den. Wei­te­rer Vor­trag des Klä­gers ist da­rauf­hin nicht er­folgt. Auch ein Beleg für die be­haup­te­te Er­mäch­ti­gung ist nicht vor­ge­legt, ein Be­weis nicht an­ge­tre­ten wor­den.

29

Die pro­zes­sua­len Neben­ent­schei­dun­gen be­ru­hen auf §§ 91 a, 92, 708 Nr. 11, 709 S. 1, 2 ZPO. So­weit die Par­tei­en den Rechts­streit über­ein­stim­mend für er­le­digt er­klärt haben, waren die Kos­ten nach bil­li­gem Er­mes­sen unter Be­rück­sich­ti­gung der Sach- und Rechts­la­ge der Be­klag­ten auf­zu­er­le­gen, § 91a ZPO. Denn sie hat sich durch die nach Rechts­hän­gig­keit er­folg­te Zah­lung auf eine vor­pro­zes­sual ab­ge­lehn­te Rech­nungs­posi­tion frei­wil­lig in die Rolle des Unter­le­ge­nen be­ge­ben.

30

Streit­wert:

31

bis zum 02.05.2011              12.500,54 €

32

seit­her                            12.461,60 €