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Landgericht Köln·15 O 155/12·13.02.2013

Kick-back-Aufklärung bei Fondsberatung: Vermutung aufklärungsrichtigen Verhaltens trotz Tod

ZivilrechtBankrechtKapitalanlagerechtTeilweise stattgegeben

KI-Zusammenfassung

Die Testamentsvollstreckerin verlangte aus fehlerhafter Anlageberatung Rückzahlung von Einlage und Agio für eine Fondsbeteiligung. Streitpunkt war u.a. die unterlassene Aufklärung über Rückvergütungen (Kick-backs) sowie die Kausalität der Pflichtverletzung, obwohl die Anlegerin verstorben war. Das LG bejahte einen Anlageberatungsvertrag und eine Pflichtverletzung, da der Prospekt die Vergütung der Bank nicht hinreichend offenlegte. Die Vermutung aufklärungsrichtigen Verhaltens greife auch bei Erben/Testamentsvollstreckerin und sei nicht widerlegt; zugesprochen wurden Einlage und Agio, nicht aber entgangene 4%-Zinsen mangels konkreten Alternativvortrags.

Ausgang: Klage auf Rückzahlung von Einlage und Agio (Zug um Zug gegen Übertragung) zugesprochen, weitergehender Zins-/Schadensposten abgewiesen.

Abstrakte Rechtssätze

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Ein Testamentsvollstrecker ist nach § 2205 BGB befugt, einen zum Nachlass gehörenden Schadensersatzanspruch wegen fehlerhafter Anlageberatung gerichtlich geltend zu machen.

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Kommt es im Vorfeld einer Kapitalanlage zu einem Beratungsgespräch mit anlegerbezogener Einstufung und produktspezifischer Empfehlung, kann darin ein konkludent geschlossener Anlageberatungsvertrag liegen.

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Eine beratende Bank verletzt ihre Pflichten aus dem Anlageberatungsvertrag, wenn sie nicht ordnungsgemäß über erhaltene Rückvergütungen (Kick-backs) aufklärt; ein Prospekthinweis genügt nur, wenn daraus Empfänger und Höhe der Vergütung für die Bank hinreichend erkennbar sind.

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Die Vermutung aufklärungsrichtigen Verhaltens gilt auch dann, wenn der Anleger verstorben ist und der Anspruch von Erben bzw. dem Testamentsvollstrecker verfolgt wird; der Berater trägt das Risiko der Unaufklärbarkeit des hypothetischen Kausalverlaufs.

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Entgangener Gewinn in Form eines hypothetischen Anlagezinses ist nur ersatzfähig, wenn der Geschädigte konkrete Anknüpfungstatsachen zu einer alternativen Anlageentscheidung darlegt; ein allgemeiner Erfahrungssatz einer Verzinsung von 4 % besteht nicht.

Relevante Normen
§ 280 Abs. 1 BGB§ 2205 BGB§ 756 ZPO§ 249 BGB§ 275 Abs. 1 BGB§ 326 Abs. 1 BGB

Leitsatz

Die Vermutung aufklärungsrichtigen Verhaltens (BGH, Ur. v. 08.05.2012 - XI ZR 262/10 gilt auch dann, wenn dem Beklagten der Beweis rechtmäßigen Alternativverhaltens durch Parteivernehmung des klagenden Anlegers deshalb abgeschnitten ist, weil der Anleger verstorben ist.

Tenor

Die Be­klag­te wird ver­urteilt, an die Klä­ge­rin 15.750 € zu­züg­lich Zin­sen in Hö­he von 5 Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz seit dem 29.10.2011 zu ­zahl­en, Zug um Zug gegen Über­tra­gung der Be­tei­li­gung an der W GmbH & Co. KG mit der An­teils-Nr. #### und einer Be­tei­li­gungs­sum­me von 15.000 €.

 

Im Übrigen wird die Klage abgewiesen.

 

Die Be­klag­te trägt die Kos­ten des Rechts­streits.

 

Das Urteil ist vor­läu­fig voll­streck­bar gegen Si­cher­heits­leis­tung in Hö­he von 110 % des je­weils zu voll­stre­cken­den Be­tra­ges.

Rubrum

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Tat­be­stand

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Die Klä­ge­rin ist Tes­ta­ments­voll­stre­cke­rin über das Ver­mö­gen der Frau P. Sie geht im We­ge der Teil­kla­ge we­gen Auf­klä­rungs­pflicht­ver­let­zun­gen bei der Be­ra­tung über eine treu­hän­de­ri­sche Be­tei­li­gung am W GmbH & Co. KG Fonds gegen die Be­klag­te vor.

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Die Erb­las­se­rin zeich­ne­te in den Jah­ren 2005 bis 2008 im Al­ter von 85 bis 88 Jah­ren Be­tei­li­gun­gen an einem ge­schlos­se­nen Im­mo­bi­lien­fonds, einem Er­trags­wert­fonds, einem Schiffs­fonds und dem al­lei­ne streit­gegen­ständ­li­chen Fonds W GmbH & Co. KG. Am 26.02.2007 er­warb die Erb­las­se­rin die Be­tei­li­gung am W1 Fonds für 15.000 € zu­züg­lich 5 % Agio. Mit an­walt­li­chem Schrei­ben vom 14.10.2011 ließ die Klä­ge­rin die Be­klag­te unter Frist­set­zung bis zum 28.10.2011 unter an­de­rem zur Rück­zah­lung die­ser Be­trä­ge auf­for­dern.

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Die Klä­ge­rin be­haup­tet, die Be­klag­te ha­be die Erb­las­se­rin vor der Zeich­nung be­ra­ten. Es sei kei­ne Auf­klä­rung über Rück­ver­gü­tun­gen an die Be­klag­te er­folgt, ob­wohl die Be­klag­te sol­che er­hal­ten ha­be. Auch sei nicht über wirt­schaft­li­che Ri­si­ken bis hin zum To­tal­ver­lust­ri­si­ko auf­ge­klärt wor­den. Die Erb­las­se­rin sei an si­che­ren An­la­gen in­te­res­siert ge­we­sen. Bei pflicht­ge­mä­ßer Auf­klä­rung hät­te die Erb­las­se­rin von der Zeich­nung der Be­tei­li­gung ab­ge­se­hen und das Geld mit 4%iger Ver­zin­sung an­ge­legt. Sie ist der An­sicht, zu ihren Guns­ten grei­fe die Ver­mu­tung auf­klä­rungs­rich­ti­gen Ver­hal­tens.

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Die Klä­ge­rin be­an­tragt,

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die Be­klag­te zu ver­urtei­len, an sie 18.974,89 € nebst Zin­sen hie­raus in Hö­he von fünf Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz ab dem 29.10.2011 zu be­zah­len, Zug um Zug gegen Über­tra­gung der von der Klä­ge­rin ge­hal­te­nen Be­tei­li­gung an der W GmbH & Co. KG mit der An­teils-Nr. #### und einer Be­tei­li­gungs­sum­me von 15.000 €.

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Die Be­klag­te be­an­tragt,

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              die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

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Die Be­klag­te be­haup­tet, der Erb­las­se­rin sei der Pros­pekt recht­zei­tig vor der Zeich­nung über­ge­ben wor­den. Die­ser ent­hal­te auf S. 32 und 77 aus­rei­chen­de Hin­wei­se auf sie als Emp­fän­ge­rin von Pro­vi­sio­nen. Die Erb­las­se­rin hät­te die Be­tei­li­gung auch bei wei­ter­ge­hen­der Auf­klä­rung über Pro­vi­sio­nen ge­zeich­net. Die Erb­las­se­rin ha­be ein wachs­tums­orien­tier­tes An­le­ger­pro­fil ge­habt. Sie ist der An­sicht, die Tes­ta­ments­voll­stre­cke­rin sei nicht zur Pro­zess­füh­rung be­fugt und kön­ne sich nicht auf die Ver­mu­tung auf­klä­rungs­rich­ti­gen Ver­hal­tens stüt­zen.

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We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten wird auf die ge­wech­sel­ten Schrift­sät­ze nebst An­la­gen Be­zug ge­nom­men, die Gegen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung wa­ren.

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Ent­schei­dungs­grün­de

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Die zu­läs­si­ge Kla­ge ist zum Teil be­grün­det.

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Die Klä­ge­rin hat gegen die Be­klag­ten einen An­spruch auf Zah­lung von 15.750 € nebst Zin­sen aus § 280 Abs. 1 BGB i.v.m einem zwi­schen der Erb­las­se­rin und der Be­klag­ten be­stehen­den An­la­ge­be­ra­tungs­ver­trag.

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1.) Die Klä­ge­rin ist als Tes­ta­ments­voll­stre­cke­rin nach § 2205 BGB zur Gel­tend­ma­chung des Scha­dens­ersatz­an­spruchs be­fugt, weil der Scha­dens­ersatz­an­spruch Teil des Nach­las­ses ist. Die Ein­wän­de der Be­klag­ten be­zie­hen sich auf die Fä­hig­keit der Klä­ge­rin, im Gegen­zug die Be­tei­li­gung an der Ge­sell­schaft im We­ge der Vor­teils­aus­glei­chung zu über­tra­gen. Dies ist – un­ab­hän­gig von der Be­rech­ti­gung der Ein­wän­de – nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. Ist die Vor­teils­aus­glei­chung bei nicht­gleich­arti­gen Vor­tei­len durch­zu­füh­ren, ist der Scha­dens­ersatz­an­spruch nur mit der Ein­schrän­kung be­grün­det, dass gleich­zei­tig die Vor­tei­le he­raus­ge­geben wer­den (BGH, Urt. v. 12.05.1958, II ZR 103/57, juris Rn. 15, Pa­landt-Grü­ne­berg, 72. Aufl., 2013, Vorb. v. § 249 BGB Rn. 71). Dem wird durch die Zug-um-Zug-Ver­urtei­lung Rech­nung ge­tra­gen, die das gegen­sei­ti­ge Ab­hän­gig­keits­ver­hält­nis zum Aus­druck bringt. Die Er­brin­gung der Gegen­leis­tung bei einer Zug-um-Zug-Ver­urtei­lung ist nach § 756 ZPO erst im Rah­men der Zwangs­voll­stre­ckung und nicht im Er­kennt­nis­ver­fah­ren zu prü­fen. Die Klä­ge­rin hat auch nicht be­an­tragt, den An­nah­me­ver­zug der Be­klag­ten fest­zu­stel­len. Der An­spruch der Klä­ge­rin ent­fällt auch nicht nach den §§ 275 Abs. 1, 326 Abs. 1 BGB we­gen Un­mög­lich­keit der Er­brin­gung der Gegen­leis­tung. Die hier al­lei­ne denk­ba­re sub­jek­ti­ve Un­mög­lich­keit wä­re nur dann an­zu­neh­men, wenn die Klä­ge­rin auch unter Mit­wir­kung Drit­ter nicht in der Lage wä­re, die Be­tei­li­gung zu über­tra­gen (vgl. allg. Pa­landt-Grü­ne­berg, 72. Aufl., 2013, § 275 BGB Rn. 23). Es fehlt aber an An­halts­punk­ten da­für, dass die Erben nicht be­reit wä­ren, nö­ti­gen­falls an einer Über­tra­gung mit­zu­wir­ken.

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2.) Zwi­schen den Par­tei­en ist ein An­la­ge­be­ra­tungs­ver­trag zu­stan­de ge­kom­men. Un­strei­tig gab es vor der Zeich­nung der streit­gegen­ständ­li­chen Be­tei­li­gung einen Kon­takt zwi­schen der Erb­las­se­rin und der Be­klag­ten, bei dem ihr – nach An­ga­ben der Be­klag­ten – der Fonds­pros­pekt über­ge­ben wur­de. Die dar­le­gungs­be­las­te­te Par­tei ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht zu einer nä­he­ren Subs­tan­tiie­rung zu zeit­li­chen und ört­li­chen Um­stän­den oder zu be­stimm­ten Äu­ße­run­gen ver­pflich­tet (vgl. zu­letzt be­zo­gen auf den In­halt eines Be­ra­tungs­ge­sprächs BGH, Urt. v. 06.12.2012, III ZR 66/12). Die un­strei­ti­gen Um­stän­de tragen die recht­li­che Be­wer­tung des Kon­takts als An­la­ge­be­ra­tungs­ver­trag.

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Tritt ein An­la­ge­in­te­res­sent an eine Bank oder der An­la­ge­be­ra­ter einer Bank an einen Kun­den he­ran, um über die An­la­ge eines Geld­be­tra­ges be­ra­ten zu wer­den bzw. zu be­ra­ten, so wird das da­rin lie­gen­de An­ge­bot zum Ab­schluss eines Be­ra­tungs­ver­tra­ges still­schwei­gend durch die Auf­nah­me des Be­ra­tungs­ge­sprächs an­ge­nom­men (BGH, Urt. v. 06.07.1993, XI ZR 12/93). Die Al­ter­na­ti­ve zum Be­ra­tungs­ver­trag be­steht in einer Be­wer­tung des Kon­takts als An­la­ge­ver­mitt­lungs­ver­trag; eine un­ver­bind­li­che Aus­kunft schei­det in An­be­tracht der dau­ern­den Ge­schäfts­be­zie­hung und des Um­fangs der An­ge­le­gen­heit aus. Einen An­la­ge­be­ra­ter wird der Ka­pi­tal­an­le­ger im All­ge­mei­nen hin­zu­zie­hen, wenn er selbst kei­ne aus­rei­chen­den wirt­schaft­li­chen Kennt­nis­se und kei­nen ge­nü­gen­den Über­blick über wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­hän­ge hat. Er er­war­tet dann nicht nur die Mit­tei­lung von Tat­sa­chen, son­dern ins­be­son­de­re de­ren fach­kun­di­ge Be­wer­tung und Be­urtei­lung. Häu­fig wünscht er eine auf sei­ne per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se zu­ge­schnit­te­ne Be­ra­tung, die er auch be­son­ders ho­no­riert. In einem sol­chen Ver­trags­ver­hält­nis hat der Be­ra­ter re­gel­mä­ßig weit­ge­hen­de Pflich­ten gegen­über dem be­treu­ten Ka­pi­tal­an­le­ger. Als un­ab­hän­gi­ger in­di­vi­du­el­ler Be­ra­ter, dem weit­rei­chen­des per­sön­li­ches Ver­trau­en ent­gegen­ge­bracht wird, muss er be­son­ders dif­fe­ren­ziert und fun­diert be­ra­ten. Dem An­la­ge­ver­mitt­ler, der für eine be­stimm­te Ka­pi­tal­an­la­ge im In­te­res­se des Ka­pi­tal­su­chen­den und auch mit Rück­sicht auf die ihm von die­sem ver­spro­che­ne Pro­vi­sion den Ver­trieb über­nom­men hat, tritt der An­la­ge­in­te­res­sent da­gegen selb­stän­di­ger gegen­über. An ihn wen­det er sich in der Re­gel in dem Be­wusst­sein, dass der wer­ben­de und an­prei­sen­de Cha­rak­ter der Aus­sa­gen im Vor­der­grund steht. Der zwi­schen dem An­la­ge­in­te­res­sen­ten und einem sol­chen An­la­ge­ver­mitt­ler zu­stan­de ge­kom­me­ne Ver­trag zielt le­dig­lich auf Aus­kunfts­er­tei­lung ab. Er ver­pflich­tet den Ver­mitt­ler zu rich­ti­ger und voll­stän­di­ger In­for­ma­tion über die­je­ni­gen tat­säch­li­chen Um­stän­de, die für den An­la­ge­ent­schluss des In­te­res­sen­ten von be­son­de­rer Be­deu­tung sind (BGH, Urt. v. 13.05.1993, III ZR 25/92).

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Die Be­klag­te trägt hier selbst vor, dass es im Ja­nu­ar 2006 zu einem Ge­spräch mit der Erb­las­se­rin und ihrem Mit­arbei­ter Herr O ge­kom­men sei, bei dem auch eine Ein­stu­fung der Erb­las­se­rin in Ri­si­ko­klas­sen vor­ge­nom­men wur­de. Dies be­legt, dass die Be­klag­te sich um eine ge­ra­de auf die In­te­res­sen der Erb­las­se­rin zu­ge­schnit­te­ne Emp­feh­lung be­müh­te. Die Viel­zahl unter­schied­li­cher Pro­duk­te, die die Erb­las­se­rin nach Kon­tak­ten zur Be­klag­ten er­warb und bei denen jeden­falls für die Erb­las­se­rin nicht er­kenn­bar war, dass die Be­klag­te beim Ver­trieb die­ser Pro­duk­te im La­ger des Ka­pi­tal­su­chen­den ge­stan­den hät­te, spre­chen eben­falls für die An­nah­me einer Be­ra­tungs­si­tu­a­tion. Wenn die Be­klag­te die Erb­las­se­rin in der Ver­gan­gen­heit aber des Öf­te­ren be­ra­ten hat, dann ist kein Grund er­sicht­lich, wa­rum die In­te­res­sen­la­ge bei dem Kon­takt vor der Zeich­nung des W1-Fonds an­ders ge­la­gert ge­we­sen sein soll­te.

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3.) Die Be­klag­te hat die ihr als be­ra­tend tä­ti­ger Bank ob­lie­gen­de Pflicht ver­letzt, die Erb­las­se­rin über Rück­ver­gü­tun­gen auf­zu­klä­ren (vgl. et­wa BGH, Be­schl. v. 24.08.2011, XI ZR191/10). Die Be­klag­te ist der Be­haup­tung der Klä­ge­rin, sie ha­be Rück­ver­gü­tun­gen für die Emp­feh­lung der streit­gegen­ständ­li­chen Be­tei­li­gung er­hal­ten wenn über­haupt nur un­zu­rei­chend ent­gegen­ge­tre­ten (zur se­kun­dä­ren Dar­le­gungs­last in die­sen Fäl­len vgl. OLG Köln, Urt. v. 14.02.2012, 18 U 142/11 juris Rn. 125f.). Der Vor­trag der Be­klag­ten zur Auf­klä­rung über Rück­ver­gü­tun­gen ge­nügt nicht. Sie be­haup­tet eine Auf­klä­rung an­hand der Sei­ten 32 und 77 des Fonds­pros­pekts. Den in Be­zug ge­nom­me­nen Pas­sa­gen lässt sich nur ent­neh­men, dass die A AG mit der Plat­zie­rung des Kom­man­dit­ka­pi­tals be­auf­tragt wur­de und hier­für eine Ver­gü­tung von 7 % des Kom­man­dit­ka­pi­tals zu­züg­lich des Agios i.H.v. 5 % er­hielt. Wei­ter heißt es, dass die A Ver­triebs­be­auf­trag­te ein­schal­te, mit denen ent­spre­chen­de Ver­triebs­ver­ein­ba­run­gen ge­trof­fen wür­den. Dem lässt sich nicht ent­neh­men, dass auch mit der Be­klag­ten eine sol­che Ver­ein­ba­rung ge­trof­fen wur­de. Ins­be­son­de­re lässt sich dem Pros­pekt nicht ent­neh­men, in wel­cher Hö­he die Be­klag­te ver­gü­tet wur­de.

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4.) Die Pflicht­ver­let­zung war für die Ent­schei­dung der Erb­las­se­rin ur­säch­lich.

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a) Die Be­haup­tung der Be­klag­ten, die Erb­las­se­rin hät­te die An­la­ge auch für den Fall der Auf­klä­rung über Rück­ver­gü­tun­gen ge­zeich­net, ist nicht man­gels ord­nungs­ge­mä­ßen Be­strei­tens nach § 138 Abs. 3 ZPO zu­ge­stan­den wor­den. Da­bei kann es da­hin­ste­hen, ob der Klä­ge­rin ein Be­strei­ten mit Nicht­wis­sen mög­lich war, weil sie sich nicht hie­rauf be­schränkt hat. Die Klä­ge­rin hat in der Kla­ge­schrift die Be­haup­tung auf­ge­stellt, die Erb­las­se­rin hät­te die Be­tei­li­gung nicht ge­zeich­net, wenn sie von den Pro­vi­sio­nen ge­wusst hät­te, weil sie dann er­kannt hät­te, dass die Be­klag­te ihr die Be­tei­li­gun­gen mög­li­cher­wei­se nur des­halb emp­fiehlt, weil sie selbst da­von pro­fi­tiert. Da­mit hat die Klä­ge­rin ihrer Dar­le­gungs­last ge­nügt. Die­se Be­haup­tung der Klä­ge­rin ist auch nicht we­gen eines Ver­sto­ßes gegen die Wahr­heits­pflicht (§ 138 Abs. 1 ZPO) un­be­acht­lich, weil die Klä­ge­rin na­tur­ge­mäß kei­ne ver­läss­li­chen Er­kennt­nis­se über ein hypo­the­ti­sches Ver­hal­ten der Erb­las­se­rin ha­ben kann. Be­haup­tet eine Par­tei Tat­sa­chen als an­spruchs­be­grün­dend, die sie in der Re­gel nicht wis­sen kann, ver­stößt dies nicht gegen § 138 Abs. 1 ZPO, der nur die be­wuss­te Lü­ge ver­bie­tet (Zöl­ler-Gre­ger, 29. Aufl., 2012, § 138 ZPO Rn. 2).

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b) Für die Ur­säch­lich­keit spricht die Ver­mu­tung auf­klä­rungs­rich­ti­gen Ver­hal­tens, wie sie durch die Ent­schei­dung des XI. Zi­vil­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs vom 08.05.2012 (Az.: XI ZR 262/10) aus­ge­stal­tet wor­den ist. Die Ver­mu­tung auf­klä­rungs­rich­ti­gen Ver­hal­tens gilt auch für den Fall, dass der Be­ra­te­ne ver­stor­ben ist und ein Scha­dens­ersatz­an­spruch erst­mals von den Erben gel­tend ge­macht wird (eben­so LG Ber­lin, Urt. v. 07.08.2009, 4 O 404/08; LG Köln, Urt. v. 12.01.2012, 30 O 524/10). Die ent­gegen­ste­hen­de Auf­fas­sung des OLG Frank­furt be­zo­gen auf eine unter­las­se­ne Auf­klä­rung von Rück­ver­gü­tun­gen (Urt. v. 18.11.2011, 19 U 68/11, Rn. 29), die sich die Be­klag­te zu eigen macht, ist nach An­sicht der Kam­mer jeden­falls durch die neu­e­re Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs über­holt.

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Das OLG Frank­furt be­grün­det sei­ne Ent­schei­dung mit zwei Er­wä­gun­gen: Zum einen kön­ne die Ver­mu­tung auf­klä­rungs­rich­ti­gen Ver­hal­tens nur dann zum Tra­gen kom­men, wenn der Be­ra­te­ne durch die Kla­ge­erhe­bung und da­mit durch sein eige­nes Ver­hal­ten zum Aus­druck brin­ge, dass er bei Kennt­nis von den Pro­vi­sio­nen von der Zeich­nung Ab­stand ge­nom­men hät­te. Zum an­de­ren sei es einer Bank beim Ab­le­ben des Be­ra­te­nen nicht zu­zu­mu­ten, die Ver­mu­tung auf­klä­rungs­rich­ti­gen Ver­hal­tens ent­kräf­ten zu müs­sen, weil ihr dann die Mög­lich­keit fehle, die Par­tei­ver­neh­mung des An­le­gers zu be­an­tra­gen.

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Mit dem ers­ten Ar­gu­ment stellt das OLG Frank­furt auf eine em­pi­ri­sche, auf Er­fah­rungs­wer­ten be­ru­hen­de Be­trach­tung ab. Nur wenn der An­le­ger we­nigs­tens im Nach­hi­nein, nach­dem er von den Pro­vi­sio­nen er­fah­ren hat, durch sein Ver­hal­ten zum Aus­druck bringt, dass dies aus sei­ner Sicht einer Ver­trags­durch­füh­rung ent­gegen­steht, kön­ne da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass er sich auch bei an­fäng­li­cher Auf­klä­rung gegen den Ver­tag ent­schie­den hät­te. Von einem sol­chen Be­grün­dungs­mus­ter ist der BGH in der ge­nann­ten Ent­schei­dung ab­ge­rückt. Die Be­weis­last­um­kehr be­ruht nicht auf der Ver­mu­tung, der An­le­ger hät­te sich in einer be­stimm­ten Art und Wei­se ver­hal­ten, son­dern ist durch den be­son­de­ren Schutz­zweck der Auf­klä­rungs­pflicht ge­recht­fer­tigt (BGH, a.a.O. Rn. 35, zum Wech­sel von einer em­pi­ri­schen zu einer nor­ma­ti­ven Be­grün­dung Schwab, NJW 2012, 3274): Dem Er­satz­be­rech­tig­ten wä­re we­nig da­mit ge­dient, wenn er sei­nen Ver­trags­geg­ner zwar an sich aus schuld­haf­ter Ver­let­zung einer sol­chen Auf­klä­rungs­pflicht in An­spruch neh­men könn­te, aber re­gel­mä­ßig da­ran schei­tern wür­de, den Be­weis zu er­brin­gen, wie er auf den Hin­weis, wenn er denn ge­ge­ben wor­den wä­re, re­agiert hät­te. Der Auf­klä­rungs­pflichti­ge da­gegen hät­te we­nig zu be­fürch­ten, wenn er sich bei Ver­let­zung sei­ner Hin­weis­pflicht da­rauf zu­rück­zie­hen könn­te, dass kaum zu be­wei­sen sei, was der an­de­re Teil auf den Hin­weis hin ge­tan hät­te. Da­durch wür­de der mit der Auf­klä­rungs­pflicht ver­folg­te Schutz­zweck ver­fehlt (BGH a.a.O.).

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Es ist der be­ra­tend tä­ti­gen Bank auch nicht un­zu­mut­bar, für den Fall von Erben­kla­gen auf das bei Rück­ver­gü­tungs­fäl­len re­gel­mä­ßig wich­tigs­te Be­weis­mit­tel, die Par­tei­ver­neh­mung des An­le­gers, ver­zich­ten zu müs­sen. Die Al­ter­na­ti­ve be­stün­de da­rin, den Erben des An­le­gers einen prak­tisch un­durch­führ­ba­ren Be­weis auf­zu­bürden. In bei­den Fäl­len ist die Zu­wei­sung der Be­weis­last häufig gleich­be­deu­tend mit dem Aus­gang des Pro­zes­ses. Wie der BGH in der an­ge­spro­che­nen Ent­schei­dung nä­her aus­ge­führt hat, folgt es aus dem Schutz­zweck der ver­letz­ten Auf­klä­rungs­pflicht, dass der Be­ra­ter das Ri­si­ko der Un­auf­klär­bar­keit des Ge­sche­hens zu tra­gen hat. Dem Be­ra­ter, der an­ders als der An­le­ger eine Pflicht aus dem Ver­trag ver­letzt hat, ist es auf­grund die­ser Pflicht­ver­let­zung eher zu­zu­mu­ten, das Ri­si­ko der Un­auf­klär­bar­keit zu tra­gen, als dem An­le­ger. Die­se Er­wä­gung ist un­ab­hän­gig von der Zahl und der Qua­li­tät der im Ein­zel­fall ver­füg­ba­ren Be­weis­mit­tel. Auch der Erb­fall än­dert hie­ran nichts. Es wi­der­sprä­che der Sys­te­ma­tik des BGB, nach der die Erben voll­um­fäng­lich in die Rechts­stel­lung des Erb­las­sers ein­tre­ten, ein­zig auf­grund des Erb­falls eine Ver­schlech­te­rung der Rechts­stel­lung her­bei­zu­füh­ren. Die Erben tre­ten in die ver­trag­li­che Stel­lung des Erb­las­sers ein und wer­den da­durch Be­güns­tig­te des Schutz­zwecks der ver­letz­ten Ver­trags­pflich­ten.

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c) Die Ver­mu­tung auf­klä­rungs­rich­ti­gen Ver­hal­tens ist von der Be­klag­ten nicht wi­der­legt wor­den. Das von der Be­klag­ten be­haup­te­te An­le­ger­pro­fil, wo­nach die Erb­las­se­rin an Wachs­tum und Ren­di­te­chan­cen orien­tiert war, be­sagt nichts über de­ren Ent­schei­dung für den Fall eines of­fen­ge­leg­ten In­te­res­sen­kon­flikts. Es wä­re der Erb­las­se­rin mög­lich ge­we­sen, auf an­de­re Pro­duk­te oder auch auf an­de­re Be­ra­ter aus­zu­wei­chen, mit denen sie die­ses An­la­ge­ziel eben­falls hät­te ver­wirk­li­chen kön­nen. Be­weis­an­ge­bo­ten zum be­strit­te­nen An­le­ger­pro­fil der Erb­las­se­rin war da­her nicht nach­zu­ge­hen. Die von der Be­klag­ten als An­la­ge B5 vor­ge­leg­te Kun­den­infor­ma­tion lässt kei­nen Be­zug zur kon­kre­ten An­la­ge er­ken­nen.

26

5.) Die Klä­ge­rin kann als Scha­den den An­la­ge­be­trag und das ge­zahl­te Agio gel­tend ma­chen.

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Ein ent­gan­ge­ner Ge­winn in Form eines ent­gan­ge­nen An­la­ge­zin­ses von 4 % steht der Klä­ge­rin nicht zu. Da­für, dass und in wel­cher Hö­he dem An­le­ger durch das schä­di­gen­de Er­eig­nis ein sol­cher Ge­winn ent­gan­gen ist, ist der Ge­schä­dig­te dar­le­gungs- und be­weis­pflich­tig. § 252 Satz 2 BGB ent­hält für den Ge­schä­dig­ten le­dig­lich eine die Re­ge­lung des § 287 ZPO er­gän­zen­de Be­weis­erleich­te­rung. Der Ge­schä­dig­te kann sich des­halb zwar auf die Be­haup­tung und den Nach­weis der An­knüp­fungs­tat­sa­chen be­schrän­ken, bei de­ren Vor­lie­gen die in § 252 Satz 2 BGB ge­re­gel­te Ver­mu­tung ein­greift. Die Wahr­schein­lich­keit einer Ge­winn­erzie­lung im Sin­ne von § 252 BGB auf­grund einer zeit­na­hen al­ter­na­ti­ven In­ves­ti­tions­ent­schei­dung des Ge­schä­dig­ten und de­ren Um­fang kann je­doch nur an­hand sei­nes Tat­sa­chen­vor­tra­ges da­zu be­urteilt wer­den, für wel­che kon­kre­te Form der Ka­pi­tal­an­la­ge er sich oh­ne das schä­di­gen­de Er­eig­nis ent­schie­den hät­te. Einen all­ge­mei­nen Er­fah­rungs­satz, dass sich ein zur Ver­fü­gung ste­hen­der Geld­be­trag zu­min­dest in Hö­he des ge­setz­li­chen Zins­sat­zes von 4% ver­zin­se, gibt es nicht (BGH, Urt. v. 24.04.2012, XI ZR 360/11). Die Klä­ge­rin be­nennt kei­ne kon­kre­ten Pro­duk­te, in die die Erb­las­se­rin al­ter­na­tiv in­ves­tiert hät­te, son­dern stellt le­dig­lich auf die durch­schnitt­li­che Per­for­mance be­stimm­ter Pro­dukt­grup­pen ab. Auch in­ner­halb die­ser Grup­pen gibt es aber Schwankun­gen. Zu­dem hat­te die Erb­las­se­rin nach dem un­be­strit­te­nen Vor­trag der Be­klag­ten auch in Ak­tien in­ves­tiert, oh­ne dass die Klä­ge­rin in­so­weit eine vo­ran­ge­hen­de Falsch­be­ra­tung be­haup­ten wür­de, wes­halb auch die­se An­la­ge­form als Al­ter­na­ti­ve zur streit­gegen­ständ­li­chen Be­tei­li­gung in Be­tracht ge­kom­men wä­re. Bei Ak­tien ist ein be­stimm­ter Wert­zu­wachs je­doch nicht vor­her­sag­bar.

28

Ein An­spruch auf Zah­lung von Ver­zugs­zin­sen seit dem 29.10.2011 folgt aus §§ 286, 288 BGB.

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6.) Die pro­zes­sua­len Neben­ent­schei­dun­gen be­ru­hen auf den §§ 91, 709 ZPO.

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7.) Die nicht­nach­ge­las­se­nen Schrift­sät­ze vom 31.01.2013 und vom 05.02.2013 ge­ben kei­nen An­lass zur Wie­der­eröff­nung der münd­li­chen Ver­hand­lung.

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Streit­wert: 15.750 €

32

Der als ent­gan­ge­ner Ge­winn gel­tend ge­mach­te Zins­vor­teil wirkt sich nicht auf den Streit­wert aus (vgl. BGH, Urt. v. 08.05.2012, XI ZR 261/10).