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BVerwG·9 B 47/12·23.05.2013

BVerwG: Beschwerde gegen Abweisung wegen unbestimmten Klageantrags verworfen

VerfahrensrechtVerwaltungsprozessrechtZulässigkeit von KlagenVerworfen

KI-Zusammenfassung

Die Klägerin legte Beschwerde gegen die Abweisung ihrer Klage wegen Unbestimmtheit des Klageantrags ein. Das BVerwG weist die Beschwerde zurück, weil die Verfahrensrüge nicht durchdrang und die Zulassung der Revision nicht für alle tragenden Erwägungen geltend gemacht war. Eine unterbliebene Aufforderung nach §82 Abs.2 VwGO ist kein Verfahrensmangel, wenn die Klage die formellen Mindestangaben enthielt; der Vorsitzende durfte Bedenken spätestens in der mündlichen Verhandlung rügen.

Ausgang: Beschwerde gegen die Abweisung der Klage wegen Unbestimmtheit des Antrags als unbegründet verworfen

Abstrakte Rechtssätze

1

Erhebt die Vorinstanz die Klageabweisung mit mehreren selbstständig tragenden Erwägungen, setzt die Zulassung der Revision voraus, dass für jede dieser Erwägungen ein Revisionszulassungsgrund des §132 Abs.2 VwGO geltend gemacht und substantiiert vorgebracht wird.

2

Eine unterlassene Aufforderung nach §82 Abs.2 VwGO begründet nur dann einen Verfahrensmangel, wenn die Klage nicht die in §82 Abs.1 VwGO genannten Mindestangaben enthält; weitergehende materiellrechtliche Ergänzungsanforderungen erfasst §82 Abs.2 nicht.

3

Die Vorschrift des §82 Abs.1 Satz 2 VwGO über einen bestimmten Klageantrag ist als Sollvorschrift zu behandeln; zur Wahrung des rechtlichen Gehörs genügt in einfach gelagerten Fällen grundsätzlich ein Hinweis des Vorsitzenden auf Bestimmtheitsbedenken spätestens in der mündlichen Verhandlung.

4

Bei anwaltlicher Vertretung besteht keine Verpflichtung des Gerichts, die Partei bei der Formulierung des Klageantrags zu beraten; die Partei kann stattdessen um Bedenkzeit zur Klarstellung bitten, andernfalls trifft sie die Darlegungslast für mangelnde Konkretisierbarkeit.

Relevante Normen
§ 132 Abs. 2 VwGO§ 137 Abs. 1 VwGO§ 132 Abs. 2 Nr. 3 VwGO§ 82 Abs. 2 Satz 1 VwGO§ 82 Abs. 1 VwGO§ 17e Abs. 5 FStrG

Vorinstanzen

vorgehend Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, 9. August 2012, Az: 8 A 10.40048, Urteil

Gründe

1

Die auf alle Revisionszulassungsgründe des § 132 Abs. 2 VwGO gestützte Beschwerde hat keinen Erfolg.

2

Der Verwaltungsgerichtshof hat die Klage mit mehreren selbstständig tragenden Erwägungen abgewiesen: Sie sei wegen nicht hinreichender Bestimmtheit des Klageantrags sowie wegen fehlender Klagebefugnis unzulässig, darüber hinaus sei sie aus verschiedenen Gründen unbegründet. Bei einer solchen Mehrfachbegründung kann die Revision nur zugelassen werden, wenn hinsichtlich jeder dieser Begründungen ein Zulassungsgrund geltend gemacht wird und vorliegt (stRspr, vgl. Beschluss vom 8. August 2008 - BVerwG 9 B 31.08 - Buchholz 310 § 137 Abs. 1 VwGO Nr. 33 S. 8). Diese Voraussetzung liegt hier nicht vor. Denn bereits mit der gegen die erste Begründung gerichteten Verfahrensrüge dringt die Klägerin nicht durch. Auf die weiteren (Grundsatz- und Divergenz-)Rügen, die sich auf die anderen tragenden Erwägungen beziehen, kommt es mithin nicht mehr an.

3

Die Klägerin wendet sich erfolglos mit der Verfahrensrüge (§ 132 Abs. 2 Nr. 3 VwGO) gegen die Abweisung der Klage als unzulässig wegen Unbestimmtheit des Klageantrags.

4

Ein Verfahrensmangel ist nicht darin zu sehen, dass eine Anordnung nach § 82 Abs. 2 Satz 1 VwGO unterblieben ist. Danach hat der Vorsitzende oder der Berichterstatter den Kläger zu der erforderlichen Ergänzung innerhalb einer bestimmten Frist aufzufordern, wenn die Klage den Anforderungen des § 82 Abs. 1 VwGO nicht entspricht. Die Ergänzungsaufforderung bezieht sich in erster Linie auf die in § 82 Abs. 1 Satz 1 VwGO enthaltenen Mindestangaben (Bezeichnung des Klägers, des Beklagten und des Gegenstands des Klagebegehrens); insoweit war die am 3. November 2010 zunächst nur fristwahrend und noch ohne Ankündigung eines bestimmten Antrags erhobene Klage jedoch nicht unvollständig. Sie genügte vielmehr den rein formellen Anforderungen. Weitergehende materiellrechtlich bedingte Ergänzungen hat die Vorschrift demgegenüber nicht im Blick (BVerfG, Beschluss vom 8. Mai 1991 - 2 BvR 170/85 - NVwZ 1992, 259 <260>). Im Übrigen wurde die Klägerin mit der Eingangsverfügung vom 9. November 2010 ausdrücklich darum gebeten, innerhalb der Frist des § 17e Abs. 5 FStrG einen Antrag zu stellen und diesen zu begründen.

5

Bei dem Erfordernis eines bestimmten Klageantrags nach § 82 Abs. 1 Satz 2 VwGO handelt es sich um eine Sollvorschrift. Der Antrag dient zunächst der Verdeutlichung des Klagebegehrens; er wird lediglich angekündigt und erst in der mündlichen Verhandlung gestellt (vgl. § 103 Abs. 3 VwGO). Insoweit genügt es, dass der Vorsitzende - jedenfalls in einfach gelagerten Fällen wie hier - spätestens in der mündlichen Verhandlung auf Bedenken hinsichtlich der Bestimmtheit des Antrags hinweist (vgl. zur Hinweispflicht § 86 Abs. 3 VwGO). Dies ist hier ausweislich der Niederschrift der mündlichen Verhandlung ordnungsgemäß geschehen. Er musste die Klägerin insbesondere nicht bei der Formulierung des Klageantrags beraten, weil diese durch einen Rechtsanwalt vertreten war (vgl. BVerfG a.a.O.; BVerwG, Beschlüsse vom 14. Februar 1984 - BVerwG 3 B 111.81 - Buchholz 310 § 86 Abs. 3 VwGO Nr. 34 und vom 21. März 1989 - BVerwG 2 B 27.89 - Buchholz 310 § 86 Abs. 3 VwGO Nr. 38). Soweit die Klägerin bemängelt, ihr sei auf den erst in der mündlichen Verhandlung erfolgten Hinweis eine Bezeichnung der konkret zu schützenden Baugebiete "schlichtweg unmöglich" gewesen, kann dem schon deshalb nicht gefolgt werden, weil die betroffenen Gemeindeteile bereits in der Klagebegründung vom 13. Dezember 2010 (S. 4 f.) bezeichnet worden sind. Hiervon abgesehen hätte es ihr freigestanden, um eine Bedenkzeit zur Klarstellung des Antrags zu bitten. Sie hat indessen noch nicht einmal geltend gemacht, dass sie den Antrag nicht konkretisieren kann oder ihr dies in der Kürze der Zeit in der mündlichen Verhandlung nicht möglich gewesen wäre (vgl. UA S. 7).