Themis
Anmelden
BVerfG·2 BvR 228/12·10.02.2012

Ablehnung des Erlasses einer eA: Zwangsmedikation eines im Maßregelvollzug Untergebrachten - Kein Überwiegen der für ein Ergehen der eA sprechenden Gesichtspunkte im Rahmen der Folgenabwägung - Gefahr der gravierenden Schädigung Dritter

Öffentliches RechtVerfassungsrechtMaßregelvollzug/UnterbringungsrechtAbgewiesen

KI-Zusammenfassung

Der Beschwerdeführer beantragt einstweilige Anordnung, die Maßregelvollzugseinrichtung von Zwangsmedikation abzuhalten. Das BVerfG prüft nach § 32 BVerfGG die Folgenabwägung und verlangt ein deutliches Überwiegen der für die Anordnung sprechenden Gründe. Die eA wird abgelehnt, da bei Absetzung der Medikamente eine erhebliche Gefahr gravierender Schädigung Dritter droht. Prozesskostenhilfe wird mangels Erfolgsaussicht versagt.

Ausgang: Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung zum Verbot der Zwangsmedikation abgewiesen; Folgenabwägung ergab kein deutliches Überwiegen der Untersagungsgründe; PKH mangels Erfolgsaussicht versagt.

Abstrakte Rechtssätze

1

Eine einstweilige Anordnung nach § 32 BVerfGG kommt nur in Betracht, wenn die Folgenabwägung ein deutliches Überwiegen der für den Erlass sprechenden Gründe ergibt.

2

Bei Anordnungen zur Unterlassung oder Untersagung zwangsmedizinischer Maßnahmen sind konkret drohende Gefahren für Dritte und das Gemeinwohl in die Abwägung einzubeziehen; besteht die Gefahr gravierender Schädigung Dritter, kann dies gegen den Erlass sprechen.

3

Tatsächliche Feststellungen der Klinik und der Strafvollstreckungskammer zur Wiederholungs- und Gefährdungsprognose sind in die Prüfung der Erfolgsaussichten der Verfassungsbeschwerde einzustellen und können das erforderliche deutliche Überwiegen der Beschwerdegründe verhindern.

4

Prozesskostenhilfe und Beiordnung eines Rechtsanwalts sind für das Verfahren über eine einstweilige Anordnung zu versagen, wenn das Begehren mangels Erfolgsaussicht aussichtslos ist (§§ 114 ff. ZPO).

Relevante Normen
§ 32 Abs 1 BVerfGG§ 22 PsychKG SN 2007§ 23 PsychKG SN 2007§ 32 Abs. 1 BVerfGG§ 114 ff. ZPO

Vorinstanzen

vorgehend OLG Dresden, 11. Januar 2012, Az: 2 Ws 515/11, Beschluss

vorgehend LG Leipzig, 18. Oktober 2011, Az: II StVK 781/11, Beschluss

nachgehend BVerfG, 20. Februar 2013, Az: 2 BvR 228/12, Beschluss

Tenor

Der Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe und Beiordnung von Rechtsanwalt L. für das Verfahren über den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung wird abgelehnt.

Der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung wird abgelehnt.

Gründe

1

1.Der Beschwerdeführer beantragt den Erlass einer einstweiligen Anordnung dahingehend, dass der Maßregelvollzugseinrichtung, in der er untergebracht ist, eine Zwangsmedikation des Beschwerdeführers untersagt werde.

2

a) Gemäß § 32 Abs. 1 BVerfGG kann das Bundesverfassungsgericht im Streitfall einen Zustand durch einstweilige Anordnung vorläufig regeln, wenn dies zur Abwehr schwerer Nachteile, zur Verhinderung drohender Gewalt oder aus einem anderen wichtigen Grund zum gemeinen Wohl dringend geboten ist. Dabei haben die Gründe, die für die Verfassungswidrigkeit des angegriffenen Hoheitsakts vorgetragen werden, grundsätzlich außer Betracht zu bleiben, es sei denn, die Verfassungsbeschwerde erwiese sich als von vornherein unzulässig oder offensichtlich unbegründet. Muss der Ausgang des Verfassungsbeschwerdeverfahrens als offen angesehen werden, sind die Folgen, die eintreten würden, wenn die einstweilige Anordnung nicht erginge, die Verfassungsbeschwerde später aber Erfolg hätte, gegen die Nachteile abzuwägen, die entstünden, wenn die begehrte einstweilige Anordnung erlassen würde, der Verfassungsbeschwerde der Erfolg aber zu versagen wäre (vgl. BVerfGE 91, 70 <74 f.>; 105, 365 <370 f.>; stRspr). Eine einstweilige Anordnung kann nur ergehen, wenn diese Abwägung ein deutliches Überwiegen der Gründe ergibt, die für den Erlass der Anordnung sprechen (vgl. BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats vom 15. November 2006 - 2 BvQ 63/06 -, juris; Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 30. Juli 2009 - 2 BvR 1422/09 -, juris; Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 3. Februar 2011 - 2 BvR 132/11 -, juris).

3

b) Danach ist eine einstweilige Anordnung hier nicht zu erlassen. Zwar ist die Verfassungsbeschwerde nicht offensichtlich unbegründet (vgl. BVerfG, Beschlüsse des Zweiten Senats vom 23. März 2011 - 2 BvR 882/09 -, EuGRZ 2011, S. 321 ff. und vom 12. Oktober 2011 - 2 BvR 633/11 -, NJW 2011, S. 3571 f.). Die gebotene Abwägung führt jedoch zu dem Ergebnis, dass die begehrte einstweilige Anordnung nicht ergehen kann, weil die für den Erlass einer einstweiligen Anordnung sprechenden Belange nicht in der erforderlichen Weise deutlich überwiegen.

4

Ergeht die einstweilige Anordnung nicht, erweist sich die Verfassungsbeschwerde aber später als begründet, muss der Beschwerdeführer einen schwerwiegenden Grundrechtseingriff bis auf weiteres hinnehmen. Unabhängig von etwaigen nachteiligen Wirkungen des Medikaments, das dem Beschwerdeführer verabreicht werden soll, läge auch bereits in der zwangsweisen Verabreichung als solcher ein schwerer Eingriff. Nach den Annahmen, von denen im vorliegenden Verfahren die Klinik und die Strafvollstreckungskammer ausgegangen sind und die beim gegenwärtigen Verfahrensstand nach den hier maßgeblichen Abwägungsgrundsätzen (s. unter 1.) hypothetisch als zutreffend zu unterstellen sind (vgl. BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 3. Februar 2011 - 2 BvR 132/11 -, juris), können Belange von erheblichem Gewicht aber auch dann beeinträchtigt werden, wenn die begehrte einstweilige Anordnung ergeht, die Verfassungsbeschwerde sich aber später als unbegründet erweist. Die angeordnete Zwangsbehandlung erfolgt nach den Angaben der Klinik und nach den Feststellungen in gerichtlichen Entscheidungen, die der Beschwerdeführer mit seiner Verfassungsbeschwerde vorgelegt hat, unter anderem deshalb, weil sie nach bisherigen Erfahrungen erforderlich ist, um zu verhindern, dass der Beschwerdeführer erneut in Verhaltensweisen wie tätliche Angriffe auf Pflegepersonal, Onanieren vor Anderen und Schmierereien mit Kot zurückfällt. Wie der zurückliegende Fall erheblicher Verletzung eines Pflegers zeigt, könnte sich im Fall des Erlasses einer einstweiligen Anordnung, die zur Absetzung der Medikamente zwingt, insbesondere die Gefahr gravierender Schädigung Dritter - mit möglicherweise irreversiblen Folgen - realisieren. Unter diesen Umständen kann das erforderliche deutliche Überwiegen der für den Erlass einer einstweiligen Anordnung sprechenden Gründe nicht festgestellt werden (vgl. BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 3. Februar 2011 - 2 BvR 132/11 -, juris).

5

2. Die beantragte Prozesskostenhilfe und Beiordnung von Rechtsanwalt L. ist für das Verfahren über den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung mangels Erfolgsaussicht abzulehnen (§§ 114 ff. ZPO).

6

Diese Entscheidung ist unanfechtbar.