Erfolgloser Eilantrag auf einstweilige Einstellung der Zwangsvollstreckung aus einem erstinstanzlichen Zivilurteil - Subsidiarität des eA-Antrags nach § 32 Abs 1 BVerfGG gegenüber einfachrechtlichen Rechtsbehelfen (§ 718 ZPO; § 719 Abs 1 iVm § 707 ZPO) - keine Vorabentscheidung geboten
KI-Zusammenfassung
Der Antragsteller beantragte einstweilige Einstellung der Zwangsvollstreckung gegen ein klageabweisendes Urteil vor dem BVerfG. Streitpunkt war, ob das Gericht nach § 32 Abs.1 BVerfGG eingreifen darf, obwohl fachgerichtliche Eilmittel (§§ 718, 719 Abs.1 i.V.m. § 707 ZPO) nicht ausgeschöpft wurden. Das BVerfG hielt den Antrag für unzulässig und lehnte ihn ab; maßgeblich waren die Subsidiarität nach § 90 Abs.2 BVerfGG und der strenge Maßstab zur Unzumutbarkeit des Zuwartens.
Ausgang: Eilantrag auf einstweilige Anordnung mangels Ausschöpfung fachgerichtlicher Eilmittel als unzulässig verworfen
Abstrakte Rechtssätze
Das Bundesverfassungsgericht kann nach § 32 Abs.1 BVerfGG einstweilige Maßnahmen nur zur Abwehr schwerer Nachteile, zur Verhinderung drohender Gewalt oder aus einem andern wichtigen Grund zum gemeinen Wohl treffen; die Verfassungsbeschwerdegründe bleiben regelmäßig außer Betracht, sofern die Hauptsache nicht von vornherein unzulässig oder offensichtlich unbegründet ist.
Nach dem Subsidiaritätsprinzip (§ 90 Abs.2 BVerfGG) ist ein verfassungsgerichtlicher Eilantrag nur zulässig, wenn der Antragsteller zuvor bestehende fachgerichtliche Eilrechtsschutzmöglichkeiten ausgeschöpft hat.
Im Verfahren nach § 32 Abs.1 BVerfGG ist ein strenger Maßstab anzulegen, ob dem Antragsteller das Abwarten fachgerichtlicher Entscheidungen unzumutbar ist; das Verfahren ist nicht darauf angelegt, umfassenden vorläufigen Rechtsschutz zu bieten oder das fachgerichtliche Verfahren vorwegzunehmen.
Wurden verfügbare einfachrechtliche Eilanträge (insbesondere Anträge nach §§ 718 bzw. 719 Abs.1 i.V.m. § 707 ZPO) nicht gestellt, ist ein Antrag auf einstweilige Anordnung beim BVerfG mangels Erschöpfung des fachgerichtlichen Rechtswegs unzulässig und zurückzuweisen.
Zitiert von (3)
3 zustimmend
Vorinstanzen
vorgehend LG Kiel, 5. Mai 2023, Az: 5 O 78/22, Beschluss
Tenor
Der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung wird abgelehnt.
Gründe
Die Voraussetzungen für den Erlass einer einstweiligen Anordnung liegen nicht vor, da der Antrag unzulässig ist.
1. Nach § 32 Abs. 1 BVerfGG kann das Bundesverfassungsgericht im Streitfall einen Zustand durch einstweilige Anordnung vorläufig regeln, wenn dies zur Abwehr schwerer Nachteile, zur Verhinderung drohender Gewalt oder aus einem anderen wichtigen Grund zum gemeinen Wohl dringend geboten ist. Dabei haben die Gründe, die für die Verfassungswidrigkeit des angegriffenen Hoheitsakts vorgetragen werden, grundsätzlich außer Betracht zu bleiben, es sei denn, die Verfassungsbeschwerde wäre von vornherein unzulässig oder offensichtlich unbegründet (vgl. BVerfGE 7, 367 <371>; 103, 41 <42>; 121, 1 <15>; 134, 138 <140 Rn. 6 m.w.N.>; stRspr). Der Antragsteller hat daher substantiiert darzulegen, dass der Antrag in der zugehörigen Hauptsache weder unzulässig noch offensichtlich unbegründet ist. Auch im verfassungsgerichtlichen Eilrechtsschutzverfahren gilt der Grundsatz der Subsidiarität (vgl. § 90 Abs. 2 BVerfGG). Der Erlass einer einstweiligen Anordnung nach § 32 Abs. 1 BVerfGG kommt daher nur in Betracht, wenn der Antragsteller bestehende Möglichkeiten, fachgerichtlichen Eilrechtsschutz zu erlangen, ausgeschöpft hat (vgl. BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 26. September 2022 - 2 BvR 1627/22 -, Rn. 1).
2. Daran gemessen hat der Antragsteller vorliegend den Rechtsweg gegen die von ihm beanstandete Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit des klageabweisenden Urteils nicht ordnungsgemäß erschöpft.
Er hat mit Blick auf die eingelegte Berufung weder einen (Eil)Antrag nach § 719 Abs. 1 in Verbindung mit § 707 ZPO noch einen isolierten Antrag gemäß § 718 ZPO gestellt. § 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG zielt darauf ab, eine ordnungsgemäße Vorprüfung der Beschwerdepunkte durch die zuständigen gerichtlichen Instanzen zu gewährleisten, dadurch das Bundesverfassungsgericht zu entlasten und für seine eigentliche Aufgabe des Verfassungsschutzes freizumachen (vgl. BVerfGE 4, 193 <198>; Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 23. Juni 2021 - 2 BvQ 63/21 -, Rn. 2).
3. Im vorliegenden Fall ist eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts auch nicht deshalb geboten, weil das Verfahren von allgemeiner Bedeutung oder dem Antragsteller das Abwarten der fachgerichtlichen Entscheidungen unzumutbar im Sinne des § 90 Abs. 2 Satz 2 BVerfGG wäre (vgl. BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 23. Juni 2021 - 2 BvQ 63/21 -, Rn. 3).
a) Bei der Prüfung der Voraussetzungen des § 32 Abs. 1 BVerfGG und auch bei der Frage, ob dem Antragsteller ein Zuwarten bis zu einer fachgerichtlichen Entscheidung unzumutbar ist, weil ihm ein schwerer oder unabwendbarer Nachteil drohte (vgl. § 90 Abs. 2 Satz 2 BVerfGG), ist ein strenger Maßstab zugrunde zu legen. Das Verfahren des einstweiligen Rechtsschutzes vor dem Bundesverfassungsgericht ist - anders als der vorläufige Rechtsschutz im fachgerichtlichen Verfahren - nicht darauf angelegt, möglichst lückenlos vorläufigen Rechtsschutz zu bieten. Erst recht ist das Verfahren nach § 32 Abs. 1 BVerfGG nicht darauf angelegt, das fachgerichtliche Verfahren vorwegzunehmen (vgl. BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 23. Juni 2021 - 2 BvQ 63/21 -, Rn. 4).
b) Nach diesen Maßstäben sind Gründe für die Unzumutbarkeit des Zuwartens auf eine etwaige Entscheidung des Berufungsgerichts über entsprechend zu stellende Anträge nach § 719 Abs. 1 in Verbindung mit § 707 oder § 718 ZPO weder dargetan noch sonst ersichtlich.
Diese Entscheidung ist unanfechtbar.