Nichtannahmebeschluss: Fachgerichtliche Versagung von einstweiligem Rechtsschutz bei entsprechendem Anerkenntnis der Gegenseite begründet keinen "besonders schweren Nachteil" iSd § 93a Abs 2 Buchst b BVerfGG - Anerkenntnis auch ohne Annahme durch Gegenseite bindend
KI-Zusammenfassung
Die Beschwerdeführerin rügt die Versagung einstweiligen Rechtsschutzes durch das Sozialgericht und die Zurückweisung der Anhörungsrüge, nachdem der Träger der Grundsicherung ein Anerkenntnis einschließlich Kostenanerkenntnis abgegeben hatte. Das BVerfG nimmt die Verfassungsbeschwerde nicht an, weil kein besonders schwerer Nachteil iSv. §93a Abs.2 BVerfGG vorliegt. Das Anerkenntnis bindet die Gegenseite auch ohne Annahme, und wegen des Kostenanerkenntnisses droht der Beschwerdeführerin keine Kostenlast.
Ausgang: Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung angenommen; kein besonderer Nachteil iSv. §93a Abs.2 BVerfGG gegeben
Abstrakte Rechtssätze
Die Annahme einer Verfassungsbeschwerde nach §93a Abs.2 BVerfGG setzt voraus, dass durch die angegriffene Entscheidung ein besonders schwerer Nachteil entstanden ist.
Ein Anerkenntnis ist eine einseitige, nicht zustimmungsbedürftige Erklärung, an die der Erklärende gebunden ist, und es wirkt auch ohne ausdrückliche Annahme durch den Adressaten.
Für die Wahrung des rechtlichen Gehörs muss das Gericht sicherstellen, dass Parteien die eingeräumte Äußerungsfrist effektiv ausschöpfen können; für formlose Übersendungen besteht keine Vermutung des Zugangs.
Liegt aufgrund eines wirksamen Kostenanerkenntnisses keine Belastung durch außergerichtliche Kosten vor, fehlt regelmäßig der für die Annahme einer Verfassungsbeschwerde erforderliche besonders schwere Nachteil.
Zitiert von (1)
1 zustimmend
Vorinstanzen
vorgehend SG Berlin, 26. Juni 2014, Az: S 167 AS 15238/14 ER RG, Beschluss
vorgehend SG Berlin, 10. Juni 2014, Az: S 167 AS 12266/14 ER, Beschluss
Gründe
I.
Die Verfassungsbeschwerde betrifft die Ablehnung eines Antrags auf Gewährung einstweiligen Rechtsschutzes sowie die Zurückweisung der anschließenden Anhörungsrüge.
1. Die Beschwerdeführerin beantragte vor dem Sozialgericht die Anordnung der aufschiebenden Wirkung ihres Widerspruchs gegen einen Aufhebungs- und Erstattungsbescheid des Trägers der Grundsicherung für Arbeitsuchende. Dieser gab im gerichtlichen Verfahren ein diesbezügliches Anerkenntnis ab und erklärte sich dem Grunde nach zur Übernahme der notwendigen außergerichtlichen Kosten der Beschwerdeführerin bereit.
Das Sozialgericht sandte den entsprechenden Schriftsatz mit Schreiben vom 28. Mai 2014 an die Beschwerdeführerin mit der Bitte um Stellungnahme binnen einer Woche, ob sich der Antrag damit erledigt habe. Mit Beschluss vom 10. Juni 2014 lehnte das Sozialgericht den Antrag mangels Rechtsschutzbedürfnis ab, da sie sich auf das abgegebene Anerkenntnis nicht mehr geäußert habe. Kosten seien nicht zu erstatten.
Am 11. Juni 2014 teilte die Beschwerdeführerin dem Sozialgericht mit, das Verfahren werde in der Sache für erledigt erklärt und das Kostengrundanerkenntnis angenommen. Die Erklärung erfolge entgegen den Ausführungen des Sozialgerichts fristgerecht, da ihr das gerichtliche Schreiben erst am 4. Juni 2014 zugegangen sei.
2. Mit ihrer Verfassungsbeschwerde rügt die Beschwerdeführerin eine Verletzung von Art. 103 Abs. 1 GG. Durch die Entscheidung vor Ablauf der gesetzten Frist habe das Sozialgericht ihr die Möglichkeit genommen, Anerkenntnis und Kostenanerkenntnis des Trägers der Grundsicherung für Arbeitsuchende anzunehmen; zudem werde sie mit den außergerichtlichen Kosten belastet.
II.
Die Verfassungsbeschwerde ist ungeachtet der Frage, ob die Beschwerdeführerin in Art. 103 Abs. 1 GG verletzt ist, nicht zur Entscheidung anzunehmen. Annahmegründe im Sinne von § 93a Abs. 2 BVerfGG liegen nicht vor. Die Verfassungsbeschwerde hat weder grundsätzliche Bedeutung noch ist ihre Annahme zur Durchsetzung der in § 90 Abs. 1 BVerfGG genannten Rechte angezeigt.
Zwar hat das Sozialgericht entgegen seiner aus Art. 103 Abs. 1 GG resultierenden Verpflichtung zur Sicherung rechtlichen Gehörs keine Vorkehrungen getroffen, um festzustellen, ob tatsächlich eine Frist versäumt worden war, denn eine Vermutung für den Zugang einer formlos übersandten Mitteilung gibt es nicht (vgl. BVerfGE 36, 85 <88 f.>; 42, 243 <246>; BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom 19. Juni 2013 - 2 BvR 1960/12 -, NJW 2013, S. 2658) und das Gericht muss sicherstellen, dass jede Partei die ihr zur Wahrnehmung ihres rechtlichen Gehörs eingeräumte Äußerungsfrist effektiv ausschöpfen kann (vgl. BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Ersten Senats vom 19. Dezember 2013 - 1 BvR 859/13 -, juris). Doch entsteht der Beschwerdeführerin durch die Entscheidung des Sozialgerichts in dem Verfahren des einstweiligen Rechtsschutzes im Ergebnis vorliegend kein besonders schwerer Nachteil. In der Sache hat der Träger der Grundsicherung für Arbeitsuchende die aufschiebende Wirkung ihres Widerspruchs bereits beachtet. Aufgrund des Kostenanerkenntnisses ist er zudem verpflichtet, der Beschwerdeführerin ihre notwendigen außergerichtlichen Kosten für das sozialgerichtliche Verfahren zu erstatten. Beteiligte bleiben an eine solche Erklärung gebunden, auch wenn diese nicht angenommen worden ist, denn es handelt sich bei dem Anerkenntnis um eine einseitige, nicht zustimmungsbedürftige Erklärung (vgl. BSG, Urteil vom 6. Mai 2010 - B 13 R 16/09 R -, juris, Rn. 21 m.w.N.). Der von der Beschwerdeführerin befürchtete Nachteil der Kostenlast besteht mithin nicht.
Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.
Diese Entscheidung ist unanfechtbar.