Nichtannahmebeschluss: Zur Befugnis des Gesetzgebers, auf eine von ihm abgelehnte Rspr mit einem "Korrekturgesetz" zu reagieren - hier: Rechtssatzverfassungsbeschwerde gegen § 7 SokaSiG unzulässig - iÜ Parallelentscheidung
KI-Zusammenfassung
Die Beschwerdeführerin rügt, § 7 SokaSiG verletze die Gewaltenteilung und sei wegen echter Rückwirkung verfassungswidrig; das BVerfG nimmt die Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung an. Das Gericht bestätigt, dass der Gesetzgeber mit „Korrekturgesetzen“ auf abgelehnte Rechtsprechung reagieren darf. Rückwirkende Neuregelungen sind nicht generell unzulässig, müssen aber verfassungsrechtlichen Anforderungen genügen. Die Beschwerde erfüllt die substantiierten Darlegungspflichten nach BVerfGG nicht.
Ausgang: Verfassungsbeschwerde gegen § 7 SokaSiG nicht zur Entscheidung angenommen; unzureichende darlegungs- und begründungsbezogene Voraussetzungen nach BVerfGG
Abstrakte Rechtssätze
Der Gesetzgeber ist befugt, mit einem "Korrekturgesetz" auf eine von ihm abgelehnte Rechtsprechung zu reagieren; dies ist nicht per se mit dem Gewaltenteilungsprinzip unvereinbar.
Rückwirkende gesetzliche Neuregelungen sind nicht grundsätzlich verfassungswidrig; die rückwirkende Wiederherstellung zuvor angenommener Rechtsverhältnisse kann zulässig oder sogar geboten sein, sofern die verfassungsrechtlichen Anforderungen an Rückwirkung gewahrt werden.
Eine behauptete Verletzung der Gewaltenteilung kann grundrechtsrelevante Folgen haben (z. B. für Art. 2 Abs. 1 GG), erfordert jedoch eine konkrete verfassungsrechtliche Auseinandersetzung und Substantiierung durch den Beschwerdeführer.
Die Verfassungsbeschwerde ist unzulässig, wenn sie die verfassungsrechtlichen Maßstäbe nicht hinreichend darlegt und damit den Darlegungsanforderungen des BVerfGG nicht genügt.
Zitiert von (20)
20 zustimmend
Tenor
Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.
Gründe
Die von der Beschwerdeführerin gegen das Sozialkassenverfahrensicherungsgesetz (SokaSiG) vom 16. Mai 2017 (BGBl I S. 1210) vorgebrachten Rügen greifen nicht durch.
1. Die Rüge, das Sozialkassenverfahrensicherungsgesetz verletze den Grundsatz der Gewaltenteilung, weil der Gesetzgeber damit eine ihm nicht genehme Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts praktisch leerlaufen lassen wolle, greift nicht durch. Zwar ist grundsätzlich denkbar, dass aus der Verletzung des Gewaltenteilungsprinzips auch ein Grundrechtsverstoß folgen kann. Denn jedenfalls Art. 2 Abs. 1 GG gewährt ein Recht, nur aufgrund solcher Vorschriften mit einem Nachteil belastet zu werden, die formal und materiell der Verfassung gemäß sind (vgl. BVerfGE 113, 29 <45> m.w.N.). Allerdings setzt sich die Verfassungsbeschwerde nicht hinreichend mit den verfassungsrechtlichen Maßstäben auseinander und genügt damit nicht den Anforderungen aus § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG (vgl. BVerfGE 140, 229 <232 Rn. 9> m.w.N.; BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Ersten Senats vom 20. November 2019 - 1 BvR 2400/17 -, Rn. 8). So hat das Bundesverfassungsgericht sich schon im Jahr 1957 (BVerfGE 7, 89) mit der Frage befasst, inwiefern der Gesetzgeber auf eine von ihm abgelehnte Rechtsprechung mit einem "Korrekturgesetz" reagieren darf. Danach führt die rechtsstaatliche Prüfung der Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen notwendig dazu, dass der Gesetzgeber Verhältnisse, die er gesetzlich geregelt glaubte, aber aufgrund gerichtlicher Entscheidung nicht oder anders geregelt findet, als er dies angenommen hat, auch rückwirkend neu regelt (vgl. BVerfGE 7, 89 <94>). Die rückwirkende Herstellung einer zuvor nur scheinbar vorhandenen Rechtslage ist daher nicht etwa aus Gründen der Gewaltenteilung unzulässig, sondern unter Umständen sogar rechtsstaatlich angezeigt. Der Gesetzgeber ist befugt, gegebenenfalls eine Rechtsprechung zu korrigieren, mit der er nicht einverstanden ist (vgl. BVerfGE 126, 369 <392>). Entscheidet er sich insoweit für rückwirkende Regelungen, muss diese den verfassungsrechtlichen Anforderungen an die Rückwirkung genügen (vgl. BVerfGE 135, 1 <15 Rn. 45>).
2. Die Rügen, wonach das Sozialkassenverfahrensicherungsgesetz aufgrund der mit ihm angeordneten echten Rückwirkung verfassungswidrig sei, greifen ebenfalls nicht durch. Insofern wird auf die Erwägungen der Kammer in dem Beschluss vom 11. August 2020 im Verfahren 1 BvR 2654/17 verwiesen.
3. Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.
Diese Entscheidung ist unanfechtbar.