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BGH·XII ZB 392/19·04.12.2019

Betreuungssache: Erforderlichkeit der erneuten persönlichen Anhörung des Betroffenen bei Einholung eines ergänzenden Sachverständigengutachtens im Beschwerdeverfahren

ZivilrechtBetreuungsrechtFamilienrechtZurückverwiesen

KI-Zusammenfassung

Der Betroffene rügt die Bestellung einer Betreuung; das Landgericht stützte seine Zurückweisung der Beschwerde auf eine ergänzende Stellungnahme der Sachverständigen. Der BGH hebt die Entscheidung auf und verweist zurück. Er stellt fest, dass bei Heranziehung eines nach dem erstinstanzlichen Gutachten datierten ergänzenden Gutachtens eine erneute persönliche Anhörung des Betroffenen erforderlich ist.

Ausgang: Beschluss des Landgerichts aufgehoben; Sache wegen unterbliebener erneuter persönlicher Anhörung an das Landgericht zurückverwiesen

Abstrakte Rechtssätze

1

Nach § 278 Abs. 1 FamFG ist der Betroffene vor der Bestellung eines Betreuers persönlich anzuhören; diese Pflicht gilt grundsätzlich auch im Beschwerdeverfahren nach § 68 Abs. 3 FamFG.

2

Das Beschwerdegericht kann von einer erneuten Anhörung nur absehen, wenn die erste Anhörung im ersten Rechtszug ohne Verfahrensmängel erfolgt ist und durch eine weitere Anhörung keine neuen Erkenntnisse zu erwarten sind.

3

Zieht das Beschwerdegericht für seine Entscheidung ein ergänzendes Sachverständigengutachten heran, das nach der amtsgerichtlichen Entscheidung datiert ist, begründet dies regelmäßig die Pflicht zur erneuten persönlichen Anhörung des Betroffenen.

4

Eine Entscheidung, die unter Verletzung der Pflicht zur erneuten persönlichen Anhörung getroffen wurde und auf dem ergänzenden Gutachten beruht, ist aufhebungsbedürftig, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Anhörung das Ergebnis beeinflusst hätte.

Zitiert von (12)

12 zustimmend

Relevante Normen
§ 68 Abs 3 S 1 FamFG§ 68 Abs 3 S 2 FamFG§ 278 Abs 1 FamFG§ 278 Abs. 1 Satz 1 FamFG§ 68 Abs. 3 Satz 1 FamFG§ 278 Abs. 1 FamFG

Vorinstanzen

vorgehend LG Gießen, 9. August 2019, Az: 7 T 124/19

vorgehend AG Friedberg (Hessen), 3. April 2019, Az: 820 XVII M 660/18

Leitsatz

Hat das Beschwerdegericht in einem Betreuungsverfahren ein ergänzendes Sachverständigengutachten eingeholt, auf das es seine Entscheidung zu stützen beabsichtigt, ist der Betroffene vor der Entscheidung erneut persönlich anzuhören (im Anschluss an Senatsbeschlüsse vom 24. Juli 2019 - XII ZB 160/19, FamRZ 2019, 1735 und vom 2. Dezember 2015 - XII ZB 227/12, FamRZ 2016, 300).

Tenor

Auf die Rechtsbeschwerde des Betroffenen wird der Beschluss der 7. Zivilkammer des Landgerichts Gießen vom 9. August 2019 aufgehoben.

Die Sache wird zur erneuten Behandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsbeschwerdeverfahrens, an das Landgericht zurückverwiesen.

Wert: 5.000 €

Gründe

I.

1

Der Betroffene wendet sich gegen die Bestellung eines Betreuers.

2

Das Amtsgericht hat nach Einholung eines Sachverständigengutachtens für den Betroffenen eine Betreuung mit einer Überprüfungsfrist bis spätestens April 2026 eingerichtet und die weitere Beteiligte als Betreuerin bestellt. Der Aufgabenkreis der Betreuung umfasst die Gesundheitssorge einschließlich der Zustimmung zu einer ärztlichen Heilbehandlung, die Aufenthaltsbestimmung, die Vermögenssorge ohne Kontovollmacht, Wohnungsangelegenheiten sowie Rechts-/Antrags- und Behördenangelegenheiten. Die Beschwerde des Betroffenen hat das Landgericht nach Einholung einer ergänzenden Stellungnahme der Sachverständigen zu ihrem fachärztlichen Gutachten zurückgewiesen. Mit seiner Rechtsbeschwerde wendet sich der Betroffene weiterhin gegen die Einrichtung der Betreuung.

II.

3

Die Rechtsbeschwerde ist begründet. Sie führt zur Aufhebung der angefochtenen Entscheidung und zur Zurückverweisung der Sache an das Beschwerdegericht.

4

Die Rechtsbeschwerde rügt zu Recht als verfahrensfehlerhaft, dass das Beschwerdegericht unter Verstoß gegen §§ 278 Abs. 1 Satz 1, 68 Abs. 3 Satz 1 FamFG ohne persönliche Anhörung des Betroffenen entschieden hat.

5

Nach § 278 Abs. 1 FamFG hat das Gericht den Betroffenen vor der Bestellung eines Betreuers oder der Anordnung eines Einwilligungsvorbehalts persönlich anzuhören und sich einen persönlichen Eindruck von ihm zu verschaffen. Die Pflicht zur persönlichen Anhörung des Betroffenen besteht nach § 68 Abs. 3 Satz 1 FamFG grundsätzlich auch im Beschwerdeverfahren. Zwar räumt § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG dem Beschwerdegericht auch in einem Betreuungsverfahren die Möglichkeit ein, von einer erneuten Anhörung des Betroffenen abzusehen. Dies setzt jedoch voraus, dass die Anhörung bereits im ersten Rechtszug ohne Verletzung von zwingenden Verfahrensvorschriften vorgenommen worden ist und von einer erneuten Anhörung im Beschwerdeverfahren keine neuen Erkenntnisse zu erwarten sind. Zieht das Beschwerdegericht für seine Entscheidung mit einem ergänzenden Sachverständigengutachten eine neue Tatsachengrundlage heran, die nach der amtsgerichtlichen Entscheidung datiert, so ist eine erneute Anhörung des Betroffenen dagegen geboten (vgl. Senatsbeschlüsse vom 24. Juli 2019 - XII ZB 160/19 - FamRZ 2019, 1735 Rn. 11 und vom 2. Dezember 2015 - XII ZB 227/12 - FamRZ 2016, 300 Rn. 9).

6

Danach durfte das Landgericht von einer persönlichen Anhörung des Betroffenen nicht absehen, weil es seine Entscheidung ausdrücklich auf die von ihm eingeholte ergänzende Stellungnahme der Sachverständigen vom 14. Juni 2019 gestützt hat.

7

Die angefochtene Entscheidung beruht auch auf diesem Verfahrensfehler, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass das Beschwerdegericht bei erneuter Anhörung des Betroffenen zu einer anderen Entscheidung gelangt wäre.

KlinkhammerNedden-BoegerKrüger
GünterBotur