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BGH·XII ZB 334/23·17.01.2024

Notwendige Prüfung zur Sachkunde des Sachverständigen in Betreuungsverfahren

VerfahrensrechtFamilienverfahrensrechtBetreuungsrechtZurückverwiesen

KI-Zusammenfassung

Die Betroffene wandte sich mit Rechtsbeschwerde gegen einen Beschluss des Landgerichts, das sich überwiegend auf ein psychiatrisches Gutachten stützte. Kernfrage ist, ob das Gericht die Sachkunde des Sachverständigen zu prüfen und in der Entscheidung darzulegen hatte. Der BGH hebt den Beschluss auf, weil weder Gutachten noch Auftrag die Qualifikation ausweisen und das Gericht keine gesonderten Feststellungen traf. Die Sache wird zur erneuten Entscheidung an das Landgericht zurückverwiesen.

Ausgang: Beschluss des Landgerichts aufgehoben; Sache wegen fehlender Feststellungen zur Sachkunde des Sachverständigen an das Landgericht zurückverwiesen.

Abstrakte Rechtssätze

1

In Betreuungsverfahren, in denen ein Gutachten eingeholt wird, muss der mit der Erstellung beauftragte Sachverständige Arzt für Psychiatrie oder ein Arzt mit Erfahrung auf dem Gebiet der Psychiatrie sein (§ 280 Abs. 1 Satz 2 FamFG).

2

Ergibt sich die erforderliche Qualifikation nicht ohne Weiteres aus der Fachbezeichnung des Sachverständigen, hat das Gericht dessen Sachkunde zu prüfen und die diesbezüglichen Feststellungen in der Entscheidung darzulegen.

3

Der akademische Grad ‚Dr. med.‘ allein begründet nicht ohne Weiteres die für psychiatrische Gutachten erforderliche Sachkunde.

4

Stützt das Gericht seine Entscheidung maßgeblich auf ein Sachverständigengutachten, führt das Unterlassen von Feststellungen zur Sachkunde des Gutachters zur Mängelbegründung und kann Aufhebung und Zurückverweisung rechtfertigen.

Zitiert von (1)

1 neutral

Relevante Normen
§ 280 Abs 1 S 2 FamFG§ 36 Abs. 3 GNotKG§ 74 Abs. 5, Abs. 6 Satz 1 und 2 FamFG§ 280 Abs. 1 Satz 2 FamFG

Vorinstanzen

vorgehend LG Nürnberg-Fürth, 23. Juni 2023, Az: 13 T 889/23

vorgehend AG Erlangen, 17. Januar 2023, Az: 4 XVII 1204/16

Tenor

Auf die Rechtsbeschwerde der Betroffenen wird der Beschluss der 13. Zivilkammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth vom 23. Juni 2023 aufgehoben.

Die Sache wird zur erneuten Behandlung und Entscheidung, auch über die außergerichtlichen Kosten des Rechtsbeschwerdeverfahrens, an das Landgericht zurückverwiesen.

Das Verfahren der Rechtsbeschwerde ist gerichtskostenfrei.

Eine Wertfestsetzung (§ 36 Abs. 3 GNotKG) ist nicht veranlasst.

Gründe

1

Die Rechtsbeschwerde hat Erfolg. Sie führt zur Aufhebung des angefochtenen Beschlusses und zur Zurückverweisung der Sache an das Beschwerdegericht (§ 74 Abs. 5, Abs. 6 Satz 1 und 2 FamFG).

2

Zu Recht macht die Rechtsbeschwerde mit ihrer Verfahrensrüge geltend, dass das Beschwerdegericht keine Feststellungen zur Sachkunde des zuletzt tätigen Sachverständigen Dr. med. H. getroffen hat.

3

1. Gemäß § 280 Abs. 1 Satz 2 FamFG soll der - in einem Betreuungsverfahren mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragte - Sachverständige Arzt für Psychiatrie oder Arzt mit Erfahrung auf dem Gebiet der Psychiatrie sein. Ergibt sich die Qualifikation nicht ohne Weiteres aus der Fachbezeichnung des Arztes, ist seine Sachkunde vom Gericht zu prüfen und in der Entscheidung darzulegen (st. Rspr. des Senats, vgl. etwa Senatsbeschluss vom 23. November 2016 - XII ZB 385/16 - FamRZ 2017, 234 Rn. 8 mwN).

4

2. Dem wird der angefochtene Beschluss nicht gerecht. Das Beschwerdegericht hat seine Entscheidung maßgeblich auf das vom Amtsgericht eingeholte Gutachten des Sachverständigen Dr. med. H. vom 7. November 2022 gestützt. Dem Sachverständigengutachten lassen sich aber ebenso wenig wie dem Gutachtensauftrag des Amtsgerichts eine Facharztbezeichnung oder sonstige Angaben zur Qualifikation des Sachverständigen entnehmen. Gesonderte Feststellungen zu dessen Sachkunde auf dem Gebiet der Psychiatrie sind weder vom Amtsgericht noch vom Beschwerdegericht getroffen worden. Das Beschwerdegericht hat zwar den Inhalt des Gutachtens weitgehend wörtlich wiedergegeben und sich diesen zu eigen gemacht; es hat jedoch nicht geprüft oder jedenfalls in seiner Entscheidung nicht dargelegt, ob der Sachverständige über die für die Erstattung psychiatrischer Gutachten notwendige Sachkunde verfügt. Allein aus seinem akademischen Grad „Dr. med.“ lässt sich ebenfalls nicht auf eine den Anforderungen des § 280 Abs. 1 FamFG genügende Qualifikation des Sachverständigen schließen.

5

3. Die Zurückverweisung gibt dem Landgericht auch Gelegenheit, konkrete tatrichterliche Feststellungen zum objektiven Betreuungsbedarf (vgl. etwa Senatsbeschluss vom 15. November 2023 - XII ZB 222/23 - juris Rn. 6 mwN) für alle Bereiche des angeordneten Aufgabenkreises zu treffen.

GuhlingBoturRecknagel
KlinkhammerKrüger