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BGH·VII ZA 2/21·30.08.2023

PKH für Rechtsbeschwerde zur Anrechnung von Kindergeld/Unterhaltsvorschuss auf Pfändungsfreibetrag

VerfahrensrechtZivilprozessrechtZwangsvollstreckungsrechtTeilweise stattgegeben

KI-Zusammenfassung

Der Schuldner beantragt ratenfreie Prozesskostenhilfe für die Rechtsbeschwerde gegen die Abänderung eines Pfändungs- und Überweisungsbeschlusses; strittig ist, ob und in welcher Höhe Kindergeld- und Unterhaltsvorschusszahlungen auf laufende gesetzliche Unterhaltspflichten anzurechnen sind. Der BGH bewilligt Prozesskostenhilfe beschränkt auf den zugelassenen Streitstoff und hält fest, dass die Zulassungsbeschränkung in den Gründen wirksam ist.

Ausgang: Prozesskostenhilfe für die Rechtsbeschwerde hinsichtlich der Anrechnung von Kindergeld/Unterhaltsvorschuss auf den Pfändungsfreibetrag beschränkt bewilligt

Abstrakte Rechtssätze

1

Die Bewilligung von Prozesskostenhilfe für ein Rechtsbeschwerdeverfahren richtet sich nach §§ 114 ff. ZPO; sie kann nur für denjenigen Teil des Rechtsmittels gewährt werden, für den die Rechtsbeschwerde wirksam zugelassen ist.

2

Eine Beschränkung der Zulassung der Rechtsbeschwerde kann in den Gründen erfolgen und ist wirksam, wenn sie einen tatsächlich und rechtlich selbständigen, abtrennbaren Teil des Gesamtstreitstoffs betrifft.

3

Fehlt für einen nicht in den Zulassungsgründen erfassten Teil der Rechtsbeschwerde die Statthaftigkeit, fehlt der Verfolgung dieses Teils die Aussicht auf Erfolg, sodass hierfür Prozesskostenhilfe nicht zu gewähren ist.

4

Anträge auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe sind nach dem Umfang der wirksamen Zulassung auszulegen; nur insoweit ist eine Rechtsverfolgung hinreichend aussichtsreich und förderungsfähig.

Relevante Normen
§ 850c ZPO§ 850k Abs. 4 ZPO§ 114 ff. ZPO§ 114 Abs. 1 ZPO§ 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO

Vorinstanzen

vorgehend LG Neuruppin, 15. Juni 2021, Az: 2 T 8/21

vorgehend AG Schwedt, 18. August 2020, Az: 13 M 101/20

Tenor

Dem Schuldner wird unter Beiordnung von Rechtsanwalt Prof. Dr. Vorwerk ratenfreie Prozesskostenhilfe für das Verfahren der Rechtsbeschwerde gegen den Beschluss der 2. Zivilkammer des Landgerichts Neuruppin vom 15. Juni 2021 bewilligt, soweit das Beschwerdegericht den Beschluss des Amtsgerichts Schwedt/Oder vom 18. August 2020 - 13 M 101/20 - zum Nachteil des Schuldners insoweit abgeändert hat, als es den pfändungsfreien Betrag im Hinblick auf die Deckung des Unterhaltsanspruchs der Tochter eingeschränkt hat.

Gründe

I.

1

Der Gläubiger betreibt gegen den Schuldner die Zwangsvollstreckung aufgrund des Versäumnisbeschlusses des Amtsgerichts T. vom 20. September 2018 wegen Unterhaltsrückständen für die Zeit vom 1. August 2013 bis 31. Januar 2020 betreffend den Sohn des Schuldners.

2

Der Gläubiger zahlt seit dem 1. Mai 2012 im Wege des Unterhaltsvorschusses Unterhalt für den am 2. April 2008 geborenen Sohn des Schuldners an die betreuende Kindesmutter.

3

Die am 5. Januar 2007 geborene Tochter des Schuldners wohnt seit Dezember 2018 bei dem Schuldner. Der Schuldner erhielt für sie bis Ende Dezember 2020 einen monatlichen Unterhaltsvorschuss in Höhe von 293 € sowie Kindergeld in Höhe von 204 € monatlich. Ab Januar 2021 betrugen der monatliche Unterhaltsvorschuss 309 € und das Kindergeld 219 € monatlich. Der Unterhaltsvorschuss und das Kindergeld gingen auf einem eigenen Konto der Tochter ein.

4

Mit Pfändungs- und Überweisungsbeschluss vom 4. Februar 2020 hat das Amtsgericht dem Schuldner einen Betrag von 825 € für den eigenen notwendigen Unterhalt sowie zur gleichmäßigen Befriedigung der Unterhaltsansprüche der berechtigten Personen, die dem Gläubiger gleichstehen, ½ Anteile des Nettoeinkommens, das nach Abzug des notwendigen Unterhalts des Schuldners verbleibt, höchstens jedoch die aus der Tabelle zu § 850c ZPO vorgesehenen Beträge, belassen.

5

Auf den Antrag des Schuldners, den Pfändungsfreibetrag seines Pfändungsschutzkontos gemäß § 850k Abs. 4 ZPO in der bis zum 30. November 2021 geltenden Fassung auf monatlich 1.471,80 € anzuheben, hat das Amtsgericht mit Beschluss vom 18. August 2020 den Pfändungs- und Überweisungsbeschluss dahin abgeändert, dass dem Schuldner mit Wirkung vom 1. September 2020 ein unpfändbarer Betrag von 1.132,57 € monatlich sowie zur gleichmäßigen Befriedigung der Unterhaltsansprüche der berechtigten Personen, die dem Gläubiger gleichstehen, ½ Anteile des Nettoeinkommens, das nach Abzug des notwendigen Unterhalts des Schuldners verbleibt, zu belassen ist. Im Übrigen ist der Antrag ohne Erfolg geblieben.

6

Auf die sofortige Beschwerde des Gläubigers hat das Beschwerdegericht unter Abänderung des Beschlusses des Amtsgerichts entschieden, dass dem Schuldner ein unpfändbarer Betrag bis einschließlich 31. Oktober 2020 in Höhe von 859,90 €, für November und Dezember 2020 je 1.046,43 €, sowie ab Januar 2021 1.063,93 € monatlich zu belassen ist, sowie zur gleichmäßigen Befriedigung der Unterhaltsansprüche der berechtigten Person, die dem Gläubiger gleichsteht, ½ des diesen Betrag übersteigenden Guthabens, bis zur Deckung der gesamten Unterhaltsansprüche dieser Person von insgesamt monatlich 102,00 € bis zum 31.12.2020 und 109,50 € ab dem 1.1.2021, höchstens jedoch der unter Berücksichtigung der Unterhaltspflichten gemäß der Tabelle zu § 850c ZPO pfandfrei verbleibende Betrag.

7

Das Beschwerdegericht hat die Rechtsbeschwerde zugelassen. Es hat hierzu in den Gründen der Entscheidung ausgeführt, dass die Zulassung wegen Grundsatzbedeutung im Hinblick auf die Frage erfolge, ob und gegebenenfalls in welcher Höhe Kindergeld- und Unterhaltsvorschusszahlungen, die der Schuldner eines Unterhaltsanspruchs erhält, auf dessen laufende gesetzliche Unterhaltspflichten gegenüber einer dem Gläubiger gleichstehenden berechtigten Person, auf die sich die Zahlungen beziehen, anzurechnen sind.

II.

8

Dem Schuldner ist im tenorierten Umfang gemäß §§ 114 ff. ZPO Prozesskostenhilfe zu bewilligen.

9

1. Der Senat versteht den Antrag des Schuldners auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe für das Rechtsbeschwerdeverfahren dahin, dass diese nur im Rahmen der vom Beschwerdegericht beschränkt erfolgten Zulassung begehrt wird. Denn nur in diesem Rahmen kann eine Rechtsverfolgung hinreichende Aussicht auf Erfolg bieten; soweit eine Zulassung nicht erfolgt ist, hätte eine etwa beabsichtigte Rechtsverfolgung dagegen mangels Statthaftigkeit der Rechtsbeschwerde keine Aussicht auf Erfolg, § 114 Abs. 1 ZPO, § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO.

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2. Das Beschwerdegericht hat die Rechtsbeschwerde nur beschränkt zugelassen. Zwar ist die Zulassung im Tenor der angefochtenen Entscheidung ohne Beschränkung ausgesprochen. Wie bei der Revision kann aber auch bei der Rechtsbeschwerde die Beschränkung der Zulassung in den Gründen der Entscheidung erfolgen (vgl. BGH, Beschluss vom 5. August 2010 - VII ZB 101/09 Rn. 5 m.w.N., MDR 2010, 1214). Ein solcher Fall liegt hier vor. Aus den Gründen der Entscheidung geht mit ausreichender Klarheit hervor, dass die Zulassung der Rechtsbeschwerde nur im Hinblick auf die Frage erfolgen sollte, ob und gegebenenfalls in welcher Höhe Kindergeld- und Unterhaltsvorschusszahlungen, die der Schuldner eines Unterhaltsanspruchs erhält, auf dessen laufende gesetzliche Unterhaltspflichten gegenüber einer dem Gläubiger gleichstehenden berechtigten Person, auf die sich die Zahlungen beziehen, anzurechnen sind. Eine weitergehende Zulassung - etwa auch in Bezug auf die Frage, in welcher Höhe dem Schuldner ein unpfändbarer Betrag für den eigenen notwendigen Unterhalt zu verbleiben hat - war ersichtlich nicht beabsichtigt. Das Beschwerdegericht hat damit die Zulassung der Rechtsbeschwerde auf diesen Teil des Streitstoffs beschränkt. Die Beschränkung ist wirksam; sie bezieht sich auf einen tatsächlich und rechtlich selbständigen abtrennbaren Teil des Gesamtstreitstoffs (vgl. BGH, Beschluss vom 5. August 2010 - VII ZB 101/09 Rn. 6, MDR 2010, 1214).

11

3. In Bezug auf diesen Teil des Streitstoffs ist Prozesskostenhilfe für das Rechtsbeschwerdeverfahren gemäß §§ 114 ff. ZPO zu bewilligen.

PampKartzkeSacher
HalfmeierJurgeleit