Ausländerrecht: Anhörung des Betroffenen im Beschwerdeverfahren gegen die Abschiebehaftanordnung
KI-Zusammenfassung
Ein algerischer Betroffener beantragte Verfahrenskostenhilfe für eine Rechtsbeschwerde gegen die Zurückweisung einer Erinnerung gegen Abschiebehaft; er wurde vor Beschlussausfertigung abgeschoben. Das Landgericht hielt eine erneute Anhörung für entbehrlich und lehnte VKH mangels Erfolgsaussicht ab. Akteneinsicht in Verwaltungsakten ist nicht Sache des Beschwerdegerichts.
Ausgang: Antrag auf Bewilligung von Verfahrenskostenhilfe für die Rechtsbeschwerde wegen fehlender Erfolgsaussicht abgewiesen
Abstrakte Rechtssätze
Die Gewährung von Verfahrenskostenhilfe setzt hinreichende Erfolgsaussichten der beabsichtigten Rechtsverfolgung voraus.
Eine erneute Anhörung des Betroffenen im Rechtsmittelverfahren kann entbehrlich sein, wenn der Betroffene in erster Instanz persönlich angehört wurde, der Sachverhalt einfach gelagert ist und das Rechtsmittelgericht nach Aktenlage entscheiden kann.
Das Beschwerdegericht ist nicht verpflichtet, Einsicht in der Verwaltungsbehörde vorliegende Verwaltungsakten zu gewähren; hierfür sind die jeweiligen Verwaltungsbehörden zuständig.
Die Rechtmäßigkeit einer durch die Verwaltungsbehörde angeordneten Abschiebung braucht von den Zivilgerichten nicht geprüft zu werden, wenn sich die Ausreisepflicht aus einer bestandskräftigen Abschiebungsverfügung ergibt.
Zitiert von (8)
8 zustimmend
Vorinstanzen
vorgehend LG Koblenz, 30. November 2009, Az: 2 T 763/09, Beschluss
vorgehend AG Westerburg, 1. Oktober 2009, Az: 7 XIV 11/09 B
Tenor
Der Antrag des Betroffenen, ihm für eine Rechtsbeschwerde gegen den Beschluss der 2. Zivilkammer des Landgerichts Koblenz vom 30. November 2009 Verfahrenskostenhilfe zu bewilligen, wird zurückgewiesen.
Gründe
I.
Der Betroffene ist algerischer Staatsangehöriger. Nach seiner Einreise nach Deutschland am 31. März 2008 beantragte er die Anerkennung als Asylberechtigter. Der Antrag wurde von dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit Bescheid vom 24. April 2009 abgelehnt. Der Betroffene war seit dem 15. Mai 2009 vollziehbar zur Ausreise aus dem Bundesgebiet verpflichtet. Hiergegen gerichtete Rechtsmittel sind erfolglos geblieben.
Nachdem der Betroffene am 29. September 2009 und am 30. September 2009 jeweils nicht in seiner Wohnung angetroffen wurde, hat das Amtsgericht nach Anhörung des Betroffenen die Sicherungshaft bis längstens 5. Oktober 2009 und die sofortige Wirksamkeit der Entscheidung angeordnet. Die dagegen erhobene Beschwerde hat das Landgericht zurückgewiesen.
Hiergegen will sich der Betroffene mit der Rechtsbeschwerde wenden. Für die Durchführung des Verfahrens beantragt er die Bewilligung von Verfahrenskostenhilfe.
Am 5. Oktober 2009 ist der Betroffene nach Algerien abgeschoben worden.
II.
Das Beschwerdegericht meint, die Entscheidung des Amtsgerichts sei rechtmäßig. Es habe der Haftgrund des § 62 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 AufenthG bestanden, Abschiebungshindernisse lägen nicht vor. Eine Anhörung des Betroffenen im Beschwerdeverfahren sei nicht erforderlich.
III.
Die beabsichtigte Rechtsverfolgung hat keine Aussicht auf Erfolg.
1. Das Beschwerdegericht war nicht zu einer Anhörung des Betroffenen verpflichtet (§ 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG). Sie ist zwar auch im Rechtsmittelverfahren grundsätzlich erforderlich. Davon kann aber - auch unter Berücksichtigung von Art. 6 Abs. 1 EMRK - abgesehen werden, wenn der Betroffene in erster Instanz persönlich angehört worden ist, der Sachverhalt einfach gelagert ist und das Rechtsmittelgericht nach Aktenlage entscheiden kann (EGMR NJW 1992, 1813, 1814 Tz. 31 ff. - Helmers gegen Schweden; Senat, Beschl. v. 11. Mai 1995, V ZB 13/95, NJW 1995, 2226 - insoweit in BGHZ 129, 383 nicht abgedruckt; KG InfAuslR 2009, 356, 357; Hoppe ZAR 2009, 209, 213). Diese Voraussetzungen lagen hier vor. Der Betroffene war am 1. Oktober 2009 durch das Amtsgericht angehört worden. Der Sachverhalt war einfach gelagert. Die Beteiligten hatten keine neuen Tatsachen vorgetragen. Der bekannte Sachverhalt war lediglich erneut zu würdigen.
2. Das Beschwerdegericht musste dem Betroffenen keine Akteneinsicht gewähren. Denn er wollte keine Einsicht in die diesem Verfahren zugrunde liegenden Akten, sondern allein in die dem Verwaltungsverfahren vor der Ausländerbehörde zugrunde liegenden Akten nehmen. Für die Gewährung von Einsicht in Verwaltungsakten sind jedoch die jeweiligen Verwaltungsbehörden zuständig.
3. Weder das Amtsgericht noch das Landgericht mussten die Rechtmäßigkeit der durch die Verwaltungsbehörde angeordneten Abschiebung prüfen, weil sich die Ausreisepflicht des Betroffenen aus einer bestandskräftigen Abschiebungsverfügung ergab (vgl. Senat, Beschl. v. 16. Dezember 2009, V ZB 148/09 Rz. 7 - zur Veröffentlichung bestimmt).
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