Befangenheitsbesorgnis gegen Richter in einem Dieselskandalprozess bei eigener Klage wegen des Dieselskandals
KI-Zusammenfassung
Der Kläger verlangt Schadensersatz wegen eines EA 189-Dieselmotors; seine Klage blieb in den Vorinstanzen erfolglos. Der Vorsitzende erklärte, selbst einen Volkswagen mit EA 189 erworben und eine eigene Schadensersatzklage erhoben zu haben. Der BGH befand, dass diese Umstände nach § 42 Abs. 2 ZPO die Besorgnis der Befangenheit rechtfertigen, da bereits der "böse Schein" genügt und eine Übertragung der eigenen Sachverhaltswürdigung auf das vorliegende Verfahren bezweckt werden kann.
Ausgang: Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden als begründet; Besorgnis der Befangenheit gemäß § 42 Abs. 2 ZPO bejaht.
Abstrakte Rechtssätze
Nach § 42 Abs. 2 ZPO rechtfertigt ein Umstand die Besorgnis der Befangenheit, wenn er bei verständiger Würdigung Anlass zu Zweifeln an der Unparteilichkeit des Richters gibt.
Für die Bejahung der Besorgnis der Befangenheit ist tatsächliche Voreingenommenheit nicht erforderlich; es genügt der "böse Schein", also der mögliche Eindruck mangelnder Objektivität.
Die Besorgnis der Befangenheit kann bestehen, wenn ein Richter über den gleichen Sachverhalt in eigener Sache Ansprüche gegen eine Prozesspartei geltend macht, weil eine Übertragung der in der eigenen Sache vertretenen Würdigung auf das laufende Verfahren naheliegend ist.
Die Mitteilung durch den Richter über eigene Ansprüche oder ein wirtschaftliches Interesse an demselben Sachverhalt kann daher die Ablehnung des Richters rechtfertigen, wenn aus Sicht einer Partei vernünftige Zweifel an der Unparteilichkeit entstehen.
Vorinstanzen
vorgehend OLG Stuttgart, 25. August 2020, Az: 10 U 95/20
vorgehend LG Ulm, 7. Februar 2020, Az: 4 O 371/19
nachgehend BGH, 13. Januar 2022, Az: III ZR 205/20, Urteil
Tenor
Die in der Erklärung des Vorsitzenden Richters am Bundesgerichtshof Dr. H. vom 13. Januar 2021 mitgeteilten Umstände rechtfertigen die Besorgnis der Befangenheit.
Gründe
I.
Der Kläger verlangt von der Beklagten Schadensersatz. Er wirft ihr vor, sie habe in dem von ihm erworbenen PKW Typ Audi A4 einen Dieselmotor EA 189 mit einer verbotenen Abschalteinrichtung eingebaut. Die Klage hat in erster und zweiter Instanz keinen Erfolg gehabt. Mit seiner vom Berufungsgericht zugelassenen Revision verfolgt der Kläger seinen Anspruch weiter.
Am 13. Januar 2021 hat der Vorsitzende des erkennenden Senats, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof Dr. H. , angezeigt, dass er im Frühjahr 2014 einen Volkswagen CC mit dem Motor EA 189 erworben und aufgrund dessen eine Schadensersatzklage gegen die Volkswagen AG erhoben habe. Die Beklagte hat darauf mitgeteilt, dass sonach ein Grund vorliege, der geeignet sei, Misstrauen in die Unparteilichkeit des Senatsvorsitzenden zu rechtfertigen. Der Kläger hat angegeben, seinerseits bestünden keine Einwände an einer Entscheidungsbeteiligung des Senatsvorsitzenden.
II.
Die in der Anzeige des Vorsitzenden Richters mitgeteilten Tatsachen rechtfertigen die Besorgnis der Befangenheit.
1. Gemäß § 42 Abs. 2 ZPO ist die Befangenheit eines Richters zu besorgen, wenn ein Grund vorliegt, der geeignet ist, Misstrauen gegen seine Unparteilichkeit zu rechtfertigen. Dies ist dann der Fall, wenn bei verständiger Würdigung des Sachverhalts Grund zu der Annahme besteht, dass der abgelehnte Richter eine Haltung einnimmt, die seine Unparteilichkeit und Unvoreingenommenheit störend beeinflussen kann. Maßgeblich ist, ob bei vernünftiger Würdigung aller Umstände Anlass gegeben ist, an der Unvoreingenommenheit und objektiven Einstellung des Richters zu zweifeln (st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Beschlüsse vom 10. Dezember 2019 - II ZB 14/19, NJW 2020, 1680 Rn. 9 und vom 28. Juli 2020 - VI ZB 94/19, NJW 2020, 3458 Rn. 7, jeweils mwN). Tatsächliche Befangenheit oder Voreingenommenheit ist nicht erforderlich; es genügt bereits der "böse Schein", das heißt der mögliche Eindruck mangelnder Objektivität (BGH aaO). Misstrauen gegen die Unvoreingenommenheit eines Richters ist unter anderem dann gerechtfertigt, wenn objektive Gründe dafür sprechen, dass er auf Grund eines eigenen - sei es auch nur mittelbaren - wirtschaftlichen Interesses am Ausgang des Rechtsstreits der Sache nicht unvoreingenommen und unparteiisch gegenübersteht (BGH aaO). Die Besorgnis der Befangenheit im Sinne von § 42 Abs. 2 ZPO kann dementsprechend begründet sein, wenn ein Richter in einem Verfahren zwar nicht selbst Partei ist, aber über den gleichen Sachverhalt zu entscheiden hat, aus dem er selbst Ansprüche gegen eine Partei geltend macht. Aus der Sicht einer Partei, gegen die ein Richter Ansprüche erhebt, kann Anlass zu der Befürchtung bestehen, dass dieser Richter die Würdigung des Sachverhalts, wie er sie dem von ihm verfolgten Anspruch gegen die Partei zugrunde gelegt hat, auf das Verfahren gegen eine andere Partei, dem der gleiche Sachverhalt zugrunde liegt, überträgt und wie in der eigenen Sache urteilt (vgl. BGH, Beschlüsse vom 10. Dezember 2019 aaO Rn. 10 und vom 28. Juli 2020 aaO Rn. 8).
2. Nach diesen Maßstäben liegt hier ein Ablehnungsgrund vor. Seiner Erklärung vom 13. Januar 2021 zufolge hat der Vorsitzende Richter einen Volkswagen CC mit dem Motor EA 189 erworben und aufgrund dessen eine Schadensersatzklage gegen die Volkswagen AG erhoben. Es besteht somit die naheliegende Möglichkeit, dass er im vorliegenden Rechtsstreit in wesentlichen Teilen den gleichen Sachverhalt und die gleichen Rechtsfragen zu beurteilen hat wie in eigener Sache, ob nämlich Käufern von Fahrzeugen des Volkswagen-Konzerns, die mit dem hier in Rede stehenden Dieselmotor EA 189 nebst Abschalteinrichtung ausgestattet sind, Schadensersatzansprüche zustehen. Dies ist geeignet, vom Standpunkt der Beklagten aus bei vernünftiger Betrachtung Zweifel an der Unparteilichkeit und Unvoreingenommenheit des Vorsitzenden Richters aufkommen zu lassen. Dabei genügt bereits der "böse Schein", die tatsächliche Einstellung des Richters ist insoweit nicht ausschlaggebend.
| Tombrink | Reiter | Herr | |||
| Remmert | Kessen |