Themis
Anmelden
BGH·I ZB 7/10·28.04.2010

Richterablehnungsverfahren: Mitwirkung eines abgelehnten Richters; Anforderungen an die Darlegung der Befangenheitsgründe - Anwaltszwang

VerfahrensrechtZivilprozessrechtRichterablehnungsverfahren/BefangenheitVerworfen

KI-Zusammenfassung

Der Verfügungskläger beantragte die Ablehnung mehrerer Richter wegen Besorgnis der Befangenheit, rügte einen Senatsbeschluss und stellte Anträge auf Feststellung der Nichtigkeit sowie eine Gehörsrüge. Der BGH wies das Ablehnungsgesuch als offensichtlich missbräuchlich und damit unzulässig zurück, weil keine individuell substantiierten Befangenheitsgründe mit konkretem Bezug vorgetragen wurden. Anträge auf Feststellung der Nichtigkeit und die Gehörsrüge wurden als unzulässig abgelehnt, da sie nicht von einem beim BGH zugelassenen Rechtsanwalt eingereicht waren.

Ausgang: Ablehnungsgesuch als unzulässig verworfen; Feststellungsantrag und Gehörsrüge wegen fehlender BGH-Anwaltszulassung abgelehnt

Abstrakte Rechtssätze

1

In klaren Fällen eines unzulässigen oder missbräuchlichen Ablehnungsgesuchs sind die abgelehnten Richter nicht an einer weiteren Mitwirkung an der Entscheidung gehindert.

2

Ein Ablehnungsgesuch wegen Befangenheit ist nur zulässig, wenn die Partei konkrete, individuell auf die beteiligten Richter bezogene Befangenheitsgründe substantiiert darlegt und jedenfalls ansatzweise nachvollziehbar begründet.

3

Die bloße Behauptung von Verfahrensfehlern oder das Fehlen einer Rechtsbeschwerde begründet ohne konkreten, nachvollziehbaren Bezug zum Streit kein Besorgnis der Befangenheit.

4

Anträge an den Bundesgerichtshof (hier: Feststellung der Nichtigkeit, Gehörsrüge) sind unzulässig, wenn sie nicht von einem beim Bundesgerichtshof zugelassenen Rechtsanwalt eingereicht werden (§ 78 Abs. 1 Satz 3 ZPO).

Relevante Normen
§ 45 Abs 1 ZPO§ 45 Abs. 1 ZPO§ 78 Abs. 1 Satz 3 ZPO

Vorinstanzen

vorgehend BGH, 11. Februar 2010, Az: I ZB 7/10, Beschluss

vorgehend Hanseatisches Oberlandesgericht Hamburg, 22. Oktober 2009, Az: 5 U 126/08

vorgehend LG Hamburg, 22. Mai 2008, Az: 315 O 992/07

Tenor

Das Ablehnungsgesuch des Verfügungsklägers gegen den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Bornkamm und die Richter Pokrant, Prof. Dr. Büscher, Dr. Bergmann und Dr. Kirchhoff wegen Besorgnis der Befangenheit wird als unzulässig zurückgewiesen.

Der Antrag des Verfügungsklägers festzustellen, dass der Senatsbeschluss vom 11. Februar 2010 nichtig ist, wird abgelehnt.

Die Gehörsrüge des Verfügungsklägers gegen den Senatsbeschluss vom 11. Februar 2010 wird als unzulässig verworfen.

Gründe

1

1. Das Oberlandesgericht Hamburg hat mit Beschluss vom 22. Oktober 2009 die Ablehnungsgesuche des Verfügungsklägers gegen den Vorsitzenden Richter am Oberlandesgericht B. und die Richter am Oberlandesgericht R. und Dr. K. zurückgewiesen. Gegen die Entscheidung hat der Verfügungskläger einen Rechtsbehelf eingelegt, hilfsweise Gehörsrüge erhoben, die bereits abgelehnten Richter erneut wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt und auch diejenigen Richter als befangen abgelehnt, die an der Entscheidung über das Ablehnungsgesuch mitgewirkt haben.

2

Der Bundesgerichtshof, dem das Oberlandesgericht Hamburg die Akten zur Entscheidung vorgelegt hat, hat den Rechtsbehelf des Verfügungsklägers als Rechtsbeschwerde gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Hamburg vom 22. Oktober 2009 angesehen und diese mit Beschluss vom 11. Februar 2010 als unzulässig verworfen, weil das Oberlandesgericht das Rechtsmittel nicht zugelassen hat.

3

2. Der Senat ist in der eingangs genannten Besetzung zur Entscheidung über das Ablehnungsgesuch berufen. Er entscheidet abweichend von § 45 Abs. 1 ZPO in seiner ursprünglichen Besetzung unter Mitwirkung der abgelehnten Richter.

4

In klaren Fällen eines unzulässigen oder missbräuchlichen Ablehnungsgesuchs sind die abgelehnten Richter nicht an einer weiteren Mitwirkung gehindert (vgl. BVerfG, Beschl. v. 20.7.2007 - 1 BvR 2228/06, NJW 2007, 3771, 3772 f.). Das Ablehnungsgesuch des Verfügungsklägers ist offensichtlich missbräuchlich erhoben. Maßgebend ist insoweit, ob die Partei Befangenheitsgründe vorträgt und glaubhaft macht, die sich individuell auf die an der zu treffenden Entscheidung beteiligten Richter beziehen. Dazu muss der Ablehnungsgrund durch nachvollziehbaren Bezug zum konkreten Rechtsstreit wenigstens ansatzweise substantiiert werden (vgl. BVerwG, Beschl. v. 7.8.1997 - 11 B 18/97, NJW 1997, 3327; BGH, Beschl. v. 19.3.2008 - I ZA 6 u. 7/06 Tz. 5; Beschl. v. 19.3.2008 - I ZR 93/98 Tz. 5; Beschl. v. 19.3.2008 - I ZA 4/07 Tz. 4; Beschl. v. 7.4.2008 - I ZA 1/08 Tz. 4). Diesen Anforderungen genügt der Befangenheitsantrag des Verfügungsklägers nicht. Eine Besorgnis der Befangenheit der abgelehnten Richter hat der Verfügungskläger nicht dargelegt. Eine Begründung ergibt sich auch nicht mittelbar aus dem Vortrag des Verfügungsklägers, er habe offensichtlich keine Rechtsbeschwerde eingelegt.

5

3. Der Antrag, die Unwirksamkeit des Senatsbeschlusses vom 11. Februar 2010 festzustellen, wird abgelehnt. Der Antrag ist unzulässig, weil er nicht durch einen bei dem Bundesgerichtshof zugelassenen Rechtsanwalt gestellt ist (§ 78 Abs. 1 Satz 3 ZPO).

6

Die Gehörsrüge ist unzulässig. Sie ist entgegen § 78 Abs. 1 Satz 3 ZPO ebenfalls nicht von einem beim Bundesgerichtshof zugelassenen Rechtsanwalt eingelegt worden.

BornkammBüscherKirchhoff
PokrantBergmann