Beteiligung an einer Schlägerei: Strafbarkeit bei Todeseintritt vor Tatbeteiligung
KI-Zusammenfassung
Die Revisionen der Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Berlin sowie eine Kostenbeschwerde wurden vom BGH verworfen. Streitpunkt war, ob Teilnahme weiterer Täter strafbar ist, wenn der Tod bereits durch eine vorherige Handlung verursacht wurde. Der Senat stellt auf den einheitlichen Angriff als Gesamtgeschehen ab und hält die nachträgliche Beteiligung bei engem zeitlich-räumlichen Zusammenhang für unschädlich. Zudem werden Besetzungsrügen als verwirkt angesehen und Strafzumessung sowie Kostenentscheidung als rechtmäßig bestätigt.
Ausgang: Revisionen der Angeklagten gegen das LG-Urteil sowie die Kostenbeschwerde des Angeklagten Y. als unbegründet verworfen
Abstrakte Rechtssätze
Bei mehreren Beteiligten ist ein gemeinsamer Angriff im Sinne des § 231 Abs. 1 StGB dann als einheitliches Gesamtgeschehen zu würdigen, wenn die einzelnen Handlungen in einem engen zeitlich-räumlichen Zusammenhang stehen.
Ob ein weiterer Beteiligter erst nach der Handlung eintritt, die zum Tod geführt hat, ist unschädlich für seine Strafbarkeit, sofern seine Beteiligung noch zum einheitlichen Angriffsgeschehen gehört.
Eine Besetzungsrüge kann wegen widersprüchlichen Verhaltens verwirkt sein; das Gericht darf im Interesse zügiger Verfahrensgestaltung die Hauptverhandlung aussetzen und anschließend neu beginnen.
Bei minderjährigen oder im Strafrahmen gemilderten Tätern sind die Vorschriften über den gemilderten Strafrahmen (insb. §§ 21, 49 StGB) bei der Strafzumessung zu berücksichtigen und ersichtlich zu würdigen.
Zitiert von (1)
1 zustimmend
Vorinstanzen
vorgehend LG Berlin, 15. August 2013, Az: (509) 234 Js 83/13 KLs (13/13)
Tenor
Die Revisionen der Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Berlin vom 15. August 2013 werden nach § 349 Abs. 2 StPO als unbegründet verworfen.
Die Kostenbeschwerde des Angeklagten Y. wird als unbegründet verworfen.
Die Angeklagten Y. , I. und K. haben die Kosten ihrer Rechtsmittel zu tragen; bei den Angeklagten U. , A. und E. wird davon angesehen, ihnen die Kosten ihrer Rechtsmittel aufzuerlegen. Alle Angeklagten haben die durch ihre Revisionen den Nebenklägern entstandenen notwendigen Auslagen zu tragen.
Ergänzend zur Antragsschrift des Generalbundesanwalts vom 20. Februar 2014 bemerkt der Senat:
1. Die von den Angeklagten U. und E. erhobene Besetzungsrüge ist wegen widersprüchlichen Verhaltens verwirkt. Im Übrigen lässt die Verfahrensweise der Jugendkammer keinerlei Verfahrensfehler erkennen. Das Landgericht durfte die Fortführung der Hauptverhandlung unter Mitwirkung des von allen Angeklagten und ihren Verteidigern für befangen gehaltenen Schöffen als rechtlich ausgeschlossen ansehen, sie deshalb mit Blick auf den besonders in Haft- und Jugendstrafsachen geltenden Grundsatz zügiger Verfahrensgestaltung sofort aussetzen und im Anschluss unter Verzicht auf die Einhaltung der Ladungsfrist durch alle Angeklagten und ihre Verteidiger drei Tage später neu beginnen.
2. Die landgerichtliche Annahme eines von mehreren verübten Angriffs im Sinne der zweiten Alternative des § 231 Abs. 1 StGB ist rechtlich nicht zu beanstanden. Ihr steht nicht entgegen, dass möglicherweise bereits die erste nur vom Angeklagten U. vorgenommene Verletzungshandlung todesursächlich gewesen ist. Denn die Beteiligung der weiteren Täter steht mit dieser den gesamten Angriff begründenden Verletzungshandlung in einem derart engen zeitlich-räumlichen Zusammenhang, dass es sich um ein einheitliches Gesamtgeschehen ohne wesentliche Zäsur handelt (vgl. BGH, Beschluss vom 17. November 1999 – 1 StR 469/99, BGHR StGB § 231 Schlägerei 1). Da es allein auf die Kausalität des Angriffs als Gesamtgeschehen ankommt, ist es im Übrigen für die Strafbarkeit ohne Bedeutung, ob jemand zum Zeitpunkt der Verursachung der schweren Folge bereits tatbeteiligt war oder erst danach in das Geschehen eingetreten ist (vgl. BGH, Urteil vom 16. Juni 1961 – 4 StR 176/61, BGHSt 16, 130, 132 f.; Hohmann/Sander, StGB BT II, 2. Aufl., § 10 Rn. 14 mwN).
3. Auch die Strafzumessungserwägungen halten rechtlicher Überprüfung stand. Ihnen lässt sich insbesondere hinreichend deutlich entnehmen, dass sich das Landgericht bei der konkreten Strafzumessung hinsichtlich des Angeklagten K. des nach §§ 21, 49 Abs. 1 StGB gemilderten Strafrahmen des § 224 Abs. 1 StGB bewusst war. Bei den Mitangeklagten Y. und I. lagen indes zusätzlich erhebliche Milderungsgründe vor.
4. Die vom Angeklagten Y. beanstandete Kostenentscheidung entspricht dem Gesetz (§ 465 Abs. 1 Satz 1 StPO).
Basdorf Sander Schneider
Dölp König