Gerichtsbeschluss bei nochmaliger Vernehmung eines Zeugen unter Ausschluss der Öffentlichkeit
KI-Zusammenfassung
Der Angeklagte rügt die Verletzung der Öffentlichkeit; das LG verurteilte ihn wegen sexuellen Missbrauchs. Der BGH hebt das Urteil auf, weil die zweite nichtöffentliche Vernehmung derselben Nebenklägerin ohne neuen Gerichtsbeschluss (§ 174 GVG) erfolgte. Zudem bestehen erhebliche Bedenken gegen die Beweiswürdigung hinsichtlich der Wahrnehmungsfähigkeit der alkoholisierten Zeugin.
Ausgang: Revision erfolgreich; Urteil aufgehoben und die Sache zur neuerlichen Verhandlung an eine andere Strafkammer zurückverwiesen wegen unzulässiger nichtöffentlicher Zweitvernehmung und Bedenken bei der Beweiswürdigung.
Abstrakte Rechtssätze
Soll derselbe Zeuge in der laufenden Hauptverhandlung erneut unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen werden, ist grundsätzlich ein neuer Gerichtsbeschluss nach § 174 Abs. 1 Satz 2 GVG erforderlich; eine bloße Verweisung des Vorsitzenden auf einen früheren Ausschließungsbeschluss genügt nicht.
Die Verletzung der Öffentlichkeit des Verfahrens nach § 174 GVG kann einen absoluten Revisionsgrund nach § 338 Nr. 6 StPO begründen und zur Aufhebung des Urteils führen.
Fehlt der für eine nichtöffentliche Verhandlung erforderliche formelle Ausschließungsbeschluss, kann dies die Verwertbarkeit der erlangten Zeugenaussage und damit die rechtliche Beurteilung der Beweiswürdigung beeinträchtigen.
Die Rechtsprechung erkennt nur enge Ausnahmefälle an, in denen ein erneuter Ausschließungsbeschluss entbehrlich ist; das Vorliegen solcher Ausnahmen bedarf konkreter, aus dem Verfahrensverlauf hervorgehender Voraussetzungen.
Zitiert von (1)
1 zustimmend
Vorinstanzen
vorgehend LG Göttingen, 3. November 2017, Az: 1 KLs 11/16
Tenor
Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Göttingen vom 3. November 2017 mit den Feststellungen aufgehoben.
Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.
Gründe
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen sexuellen Missbrauchs einer widerstandsunfähigen Person zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt, deren Vollstreckung es zur Bewährung ausgesetzt hat. Die hiergegen gerichtete und auf eine Verfahrensrüge sowie die Sachbeschwerde gestützte Revision des Angeklagten hat Erfolg.
1. Der Beschwerdeführer beanstandet mit Recht eine Verletzung der Vorschriften über die Öffentlichkeit des Verfahrens (§ 338 Nr. 6 StPO, § 174 Abs. 1 Satz 2 GVG).
a) Folgendes Verfahrensgeschehen liegt zugrunde:
Am ersten Hauptverhandlungstag schloss das Landgericht mit Gerichtsbeschluss nach § 174 Abs. 1 Satz 2 GVG für die Dauer der Vernehmung der Nebenklägerin gemäß § 171b Abs. 1 Satz 1, Abs. 3 Satz 1 GVG die Öffentlichkeit aus. Die Nebenklägerin wurde anschließend in nichtöffentlicher Verhandlung zeugenschaftlich vernommen, wobei die Vernehmung nach Unterbrechung am dritten Verhandlungstag fortgesetzt wurde. Danach wurde die Zeugin entlassen. Nach Wiederherstellung der Öffentlichkeit wurden weitere Beweiserhebungen durchgeführt. Einem Antrag der Verteidigung entsprechend wurde die Nebenklägerin dann am siebten Verhandlungstag wiederum in nichtöffentlicher Verhandlung ein zweites Mal als Zeugin vernommen. Es erging insoweit kein Gerichtsbeschluss. Vielmehr verwies der Vorsitzende lediglich auf den Ausschließungsbeschluss vom ersten Hauptverhandlungstag.
b) Damit wurde die Öffentlichkeit für die Dauer der zweiten Vernehmung der Nebenklägerin nicht ordnungsgemäß ausgeschlossen. Soll – wie hier – derselbe Zeuge in der laufenden Hauptverhandlung nochmals unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen werden, ist grundsätzlich ein neuer Gerichtsbeschluss nach § 174 Abs. 1 Satz 2 GVG erforderlich; er kann nicht durch eine Anordnung des Vorsitzenden ersetzt werden, in der auf einen vorausgegangenen Ausschließungsbeschluss Bezug genommen wird (st. Rspr., vgl. etwa BGH, Beschlüsse vom 9. Dezember 2008 – 3 StR 443/08, NStZ 2009, 286; vom 3. März 2009 – 3 StR 584/08, NStZ-RR 2009, 213, 214; vom 17. August 2011 – 5 StR 263/11, StV 2012, 140). Eine von der Rechtsprechung anerkannte Konstellation, in der ein neuerlicher Gerichtsbeschluss ausnahmsweise entbehrlich sein kann (vgl. dazu BGH, Beschluss vom 17. August 2011 – 5 StR 263/11, aaO, S. 141 mwN), ist nicht gegeben. Dem durch den Beschwerdeführer mitgeteilten und durch das Protokoll bestätigten Verlauf der Hauptverhandlung ist zu entnehmen, dass sich erst im weiteren Fortgang die Notwendigkeit einer weiteren Vernehmung der Nebenklägerin ergeben hat.
2. Zwar führt bereits der absolute Revisionsgrund des § 338 Nr. 6 StPO zur Aufhebung des Urteils insgesamt. Jedoch weist der Senat ergänzend darauf hin, dass die im angefochtenen Urteil vorgenommene Beweiswürdigung namentlich betreffend die Wahrnehmungsfähigkeit der zur Tatzeit beträchtlich alkoholisierten Nebenklägerin aus den von der Revision aufgeführten Gründen erheblichen rechtlichen Bedenken begegnet.
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