Vorrangige Befriedigung von Ansprüchen der Verletzten: Verbindliche Erklärung im Feststellungsverfahren
KI-Zusammenfassung
Die Revisionen der Angeklagten gegen das Urteil des LG Hamburg werden als unbegründet verworfen; der Verfallsausspruch ist indes dahingehend zu berichtigen, dass Rückzahlungen an Anleger in Höhe von 509.244,29 € zu berücksichtigen sind. Das Tatgericht hat diese Leistungen nach §111i StPO ohne Ermessen bei der Festsetzung des Verfallsbetrags zu berücksichtigen. Ein Zurückverweis zur Ermittlung weiterer Zahlungen erübrigt sich, da das Feststellungsverfahren nach §111i Abs.6 StPO verbindlich die Erfüllung von Ansprüchen der Verletzten und den staatlichen Rechtserwerb klärt.
Ausgang: Revisionen der Angeklagten als unbegründet verworfen; Verfallsbetrag wegen berücksichtigter Rückzahlungen berichtigt und anders lautender Verfallsausspruch aufgehoben
Abstrakte Rechtssätze
Leistungen des Täters zur Schadenswiedergutmachung sind bei der Bemessung des Verfallsbetrags nach §111i StPO zu berücksichtigen; das Tatgericht hat feststehende Rückzahlungen zu berücksichtigen, ohne dies dem Ermessen zu unterstellen.
Zahlungen der Angeklagten mindern den Verfallbetrag auch dann, wenn sie nicht durch Verwertung beschlagnahmten Vermögens erbracht wurden; der Zeitpunkt der Leistung ist unerheblich.
Das Feststellungsverfahren nach §111i Abs.6 StPO dient der verbindlichen Klärung, ob und in welchem Umfang Ansprüche der Verletzten erfüllt sind, und bestimmt zugleich den Umfang des staatlichen Rechtserwerbs.
Eine Zurückverweisung zur Ermittlung weiterer, im Urteil nicht festgestellter Zahlungen ist entbehrlich, wenn das Feststellungsverfahren eine praktikable Lösung darstellt und eine Verzögerung des Hauptverfahrens verhindert.
Zitiert von (2)
2 zustimmend
Vorinstanzen
vorgehend LG Hamburg, 3. November 2010, Az: 620 KLs 6/10, Urteil
Tenor
Die Revisionen der Angeklagten Z. und H. B. gegen das Urteil des Landgerichts Hamburg vom 3. November 2010 werden nach § 349 Abs. 2 StPO mit der Maßgabe (§ 349 Abs. 4 StPO) als unbegründet verworfen, dass der von diesen Angeklagten aus der Tat erlangte Betrag von 4.083.566,42 € dem Verfall unterliegt und nur deshalb nicht auf den Verfall von Wertersatz erkannt wurde, weil Ansprüche von Verletzten entgegenstehen. Der anders lautende Ausspruch zum Verfall wird insgesamt aufgehoben.
Die Revision des Angeklagten H. F. B. gegen das vorbezeichnete Urteil wird nach § 349 Abs. 2 StPO als unbegründet verworfen.
Jeder Beschwerdeführer hat die Kosten seines Rechtsmittels und die dadurch den Adhäsionsklägerinnen entstandenen notwendigen Auslagen zu tragen.
Gründe
Die Revisionen der Angeklagten sind aus den Gründen der Antragsschrift des Generalbundesanwalts unbegründet im Sinne des § 349 Abs. 2 StPO. Lediglich der ausgeurteilte Verfallsbetrag bedarf der Korrektur, weil nach den Urteilsfeststellungen 509.244,29 € an Rückzahlungen an die Anleger geleistet worden sind, die keine Berücksichtigung gefunden haben. Nach § 111i Abs. 2 Satz 4 Nr. 1 und 2 StPO sind aber solche Leistungen der Schadenswiedergutmachung zu berücksichtigen (vgl. BGH, Urteil vom 28. Oktober 2010 – 4 StR 215/10, BGHSt 56, 39 Rn. 10). Insoweit besteht für das Tatgericht kein Raum für ein Ermessen.
Ein Ermessen im Sinne eines weiteren Abzugs auf der Grundlage der Härtefallregelung des § 73c StGB (vgl. BGH aaO Rn. 14 f.) wollte das Landgericht ersichtlich nicht anwenden. Damit ist über den Antrag des Generalbundesanwalts hinaus zugunsten der Angeklagten auf die um die Rückzahlungen gekürzte Summe durchzuentscheiden. Allein dieser Betrag ist im Urteilstenor anzugeben (BGH aaO Rn. 13). Eine Aufzählung der Geschädigten im Einzelnen hat zu unterbleiben. Dementsprechend hat der Senat den Tenor hinsichtlich des Verfallsausspruchs neu gefasst.
Soweit der Generalbundesanwalt eine Zurückverweisung weiterhin zur Ermittlung im Urteil nicht festgestellter zusätzlicher Zahlungen zu erwägen gegeben hat, vermag der Senat dem nicht zu folgen. Schadensersatzleistungen der Angeklagten schmälern nach § 111i Abs. 5 StPO zugleich die Höhe des Verfallsbetrags (Nr. 1), selbst wenn diese nicht durch die Verwertung von beschlagnahmtem Vermögen erbracht wurden (Nr. 2). Zu welchem Zeitpunkt diese Leistungen erfolgt sind, ist dabei unerheblich. Der verbindlichen Klärung, ob und in welchem Umfang die Ansprüche der Verletzten erfüllt sind, dient – soweit überhaupt verbliebene Vermögenswerte vorhanden sein können – das Feststellungsverfahren nach § 111i Abs. 6 StPO. In diesem Verfahren wird dann zugleich der Umfang des staatlichen Rechtserwerbs bestimmt. Nur dieses Ergebnis ist letztlich praktikabel, weil so verhindert wird, dass das Tatgericht einzelnen Vollstreckungsversuchen einer (wie hier) Vielzahl von Gläubigern nachgehen muss, deren Erfolgsaussicht häufig unklar ist. Dies würde eine mit dem Zügigkeitsgebot in Strafsachen nicht zu vereinbarende Verzögerung des Hauptverfahrens nach sich ziehen.
Der Senat schließt aus, dass eventuell weitere feststellbare Rückzahlungen Einfluss auf die Strafzumessung bei den beiden Angeklagten haben könnten, zumal die Strafkammer sich mit den sichergestellten Vermögenswerten sehr detailliert auseinandergesetzt hat.
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