Strafverfahren wegen vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs: Anforderungen an den subjektiven Deliktstatbestand
KI-Zusammenfassung
Der BGH hob Teile des Urteils des LG Detmold auf, weil für die Verurteilung nach § 315c Abs.1 StGB bedingter Vorsatz in Bezug auf alle tatbestandsrelevanten Umstände erforderlich ist. Das Landgericht hatte die Tat als fahrlässig verursacht gewürdigt, sodass stattdessen die Vorschrift des § 315c Abs.3 Nr.1 zu prüfen gewesen wäre. Die Einzelstrafe und darauf gestützt die Gesamtstrafe wurden aufgehoben und zur neuen Verhandlung zurückverwiesen; die übrige Revision wurde verworfen.
Ausgang: Die Revision des Angeklagten wird teilweise stattgegeben: Einzelstrafe und darauf gestützt die Gesamtstrafe in einem Fall aufgehoben und zur neuen Verhandlung zurückverwiesen; die weitere Revision verworfen.
Abstrakte Rechtssätze
Für eine Verurteilung wegen vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs nach § 315c Abs.1 StGB ist hinsichtlich aller tatbestandsrelevanten Umstände mindestens bedingter Vorsatz erforderlich; bloße Fahrlässigkeit genügt nicht.
Ergibt die tatsächliche Würdigung, dass der Gefahrerfolg fahrlässig herbeigeführt wurde, ist die Anwendung der Strafnorm des § 315c Abs.3 Nr.1 (Vorsatz-Fahrlässigkeits-Kombination) zu prüfen, da diese einen abweichenden Strafrahmen begründet.
Hat das Tatgericht in anderen Fällen verminderte Schuldfähigkeit angenommen, muss es auch für jeden betroffenen Taterfolg eine mögliche Strafrahmenverschiebung nach §§ 21, 49 Abs.1 StGB prüfen.
Die Aufhebung einer Einzelstrafe kann den Ausspruch über die Gesamtstrafe berühren und rechtfertigt bei Bedarf die Zurückverweisung zur Neubemessung der Gesamtstrafe.
Zitiert von (5)
5 zustimmend
Vorinstanzen
vorgehend LG Detmold, 16. Mai 2014, Az: 4 KLs 31 Js 474/12
Tenor
1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Detmold vom 16. Mai 2014 mit den zugehörigen Feststellungen aufgehoben
a) im Ausspruch über die Einzelstrafe im Fall II. 5 (Fall 4) der Urteilsgründe sowie
b) im Ausspruch über die Gesamtstrafe.
Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.
2. Die weiter gehende Revision wird verworfen.
Gründe
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen vorsätzlicher Körperverletzung, „besonders" gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, Trunkenheit im Verkehr und vorsätzlichen Fahrens ohne Fahrerlaubnis, wegen Nötigung sowie wegen vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung und vorsätzlichem Fahren ohne Fahrerlaubnis zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt und eine Sperrfrist nach § 69a StGB angeordnet. Die Revision des Angeklagten, mit der er die Verletzung materiellen Rechts rügt, hat den aus der Beschlussformel ersichtlichen Teilerfolg; im Übrigen ist das Rechtsmittel unbegründet im Sinne des § 349 Abs. 2 StPO.
1. Die Nachprüfung des angefochtenen Urteils auf Grund der Sachrüge hat zum Schuldspruch keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben. Auch die Aussprüche über die Einzelstrafen in den Fällen II. 2 (Fall 1), II. 3 (Fall 2) und II. 4 (Fall 3) halten rechtlicher Nachprüfung stand. Jedoch kann der Rechtsfolgenausspruch im Fall II. 5 (Fall 4) nicht bestehen bleiben.
Insoweit hat der Generalbundesanwalt in seiner Antragsschrift vom 18. August 2014 ausgeführt:
"Das Landgericht hat den Angeklagten wegen der Tat vom 10. Dezember 2013 der vorsätzlichen Gefährdung des Straßenverkehrs in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung und vorsätzlichen Fahrens ohne Fahrerlaubnis schuldig gesprochen. Es hat die Strafe dem Strafrahmen des § 315c Abs. 1 StGB entnommen und dabei übersehen, dass die vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehrs gemäß § 315c Abs. 1 Nr. 1 StGB hinsichtlich aller Tatumstände zumindest bedingten Vorsatz verlangt. Vorsatz ist deshalb nicht nur für die Kenntnis der Fahrunsicherheit, sondern auch bezüglich der konkreten Gefahr erforderlich. Der Täter muss die Umstände kennen, die den Gefahrerfolg im Sinne eines Beinaheunfalls als nahe liegende Möglichkeit erscheinen lassen und diese Gefahrenlage zumindest billigend in Kauf nehmen (vgl. Hentschel/König/Dauer-König, Straßenverkehrsrecht, 42. Aufl., § 315c Rn 48).
Die Revision wendet zu Recht ein, dass das Landgericht von einem fahrlässigen herbeigeführten Unfall mit dem Fahrzeug der Zivilstreife ausgegangen ist. Denn es hat bei der rechtlichen Würdigung des festgestellten Sachverhalts ausgeführt, der Angeklagte hätte bei Anwendung der ihm möglichen und zumutbaren Sorgfalt erkennen können, dass es aufgrund seiner Fahruntüchtigkeit zu einem Zusammenstoß und dadurch verursachten Verletzungen anderer kommen konnte (UA S. 30). Somit liegt die Vorsatz-Fahrlässigkeits-Kombination des § 315c Abs. 3 Nr. 1 StGB vor, für die eine erheblich mildere Höchststrafe gilt.
Zudem hat das Landgericht in den Fällen 2 und 4 der Urteilsgründe eine verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten angenommen und hätte daher auch im Fall 4 eine Strafrahmenverschiebung nach den §§ 21, 49 Abs. 1 StGB prüfen müssen."
Dem schließt sich der Senat an.
2. Infolge der Aufhebung der im Fall II. 5 (Fall 4) verhängten Einzelstrafe kann auch der Ausspruch über die Gesamtstrafe nicht bestehen bleiben.
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