Einstellung des Sicherungsverfahrens wegen des Todes des Beschuldigten: Entscheidung über die notwendigen Auslagen des Beschuldigten
KI-Zusammenfassung
Der BGH stellte das Sicherungsverfahren nach dem Tod des Beschuldigten gemäß §§ 414 Abs.1, 206a StPO ein. Er entschied, dass die Staatskasse die Kosten des Verfahrens und die notwendigen Auslagen des Beschuldigten zu tragen hat. Eine Ausnahme nach § 467 Abs.3 Satz 2 Nr.2 StPO komme weder unmittelbar noch analog zur Anwendung, da keine Vorwerfbarkeit feststellbar sei.
Ausgang: Sicherungsverfahren wegen Todes des Beschuldigten eingestellt; Staatskasse trägt Verfahrenskosten und notwendige Auslagen
Abstrakte Rechtssätze
Das Verfahren ist bei Tod des Beschuldigten gemäß §§ 414 Abs.1, 206a StPO einzustellen; ein angefochtenes Urteil wird damit gegenstandslos, ohne dass es aufgehoben werden muss.
Über die Kosten des Verfahrens und die notwendigen Auslagen des Beschuldigten entscheidet das Gericht nach § 467 StPO; bei Einstellung sind die notwendigen Auslagen grundsätzlich der Staatskasse zuzurechnen.
Die Ausnahmevorschrift des § 467 Abs.3 Satz 2 Nr.2 StPO, wonach von der Auferlegung der notwendigen Auslagen abgesehen werden kann, setzt ein dem Beschuldigten vorwerfbares Verhalten voraus und ist nicht anwendbar, wenn eine Verurteilung wegen einer Straftat von vornherein nicht in Betracht kommt.
Alkoholbedingte Schuldunfähigkeit bzw. eine Alkoholabhängigkeit begründen für sich genommen keine Vorwerfbarkeit des Beschuldigten und rechtfertigen daher nicht ohne weiteres die Verneinung einer Erstattungspflicht der Staatskasse.
Zitiert von (2)
2 zustimmend
Vorinstanzen
vorgehend LG Bielefeld, 16. Dezember 2019, Az: 2 KLs 20/18
Tenor
1. Das Verfahren wird eingestellt.
2. Die Staatskasse trägt die Kosten des Verfahrens und die notwendigen Auslagen des Beschuldigten.
Gründe
Das Landgericht hat mit Urteil vom 16. Dezember 2019 im Sicherungsverfahren die Unterbringung des Beschuldigten in einer Entziehungsanstalt angeordnet. Der Beschuldigte verstarb während des Verfahrens über seine Revision am 12. Mai 2020.
1. Das Verfahren ist gemäß §§ 414 Abs. 1, 206a StPO einzustellen. Das angefochtene Urteil ist damit gegenstandslos, ohne dass es einer Aufhebung bedarf (vgl. BGH, Beschluss vom 8. Juni 1999 - 4 StR 595/97, BGHSt 45, 108).
2. Die Entscheidung über die Kosten des Verfahrens und die notwendigen Auslagen des Beschuldigten beruht auf § 467 Abs. 1 StPO. Die Vorschrift des § 467 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 StPO, wonach das Gericht von der Auferlegung der notwendigen Auslagen des Angeschuldigten absehen kann, wenn er wegen einer Straftat nur deshalb nicht verurteilt wird, weil ein Verfahrenshindernis besteht, ist vorliegend weder unmittelbar noch analog anwendbar.
a) Einer unmittelbaren Anwendung dieser Vorschrift steht entgegen, dass der Beschuldigte unabhängig vom Bestehen des Verfahrenshindernisses nicht wegen einer Straftat verurteilt worden wäre. Eine Verurteilung wegen einer Straftat kam hier nicht in Betracht, da es sich um ein Sicherungsverfahren gemäß § 413 StPO handelt und sich der Beschuldigte bei Begehung der ihm zur Last gelegten Anlasstat im Zustand der Schuldunfähigkeit gemäß § 20 StGB befand.
b) § 467 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 StPO kommt hier auch nicht entsprechend zur Anwendung. Zwar gelten gemäß § 414 Abs. 1 StPO die Vorschriften über das Strafverfahren sinngemäß, und damit auch die Kostenvorschriften. Die Ausnahmevorschrift des § 467 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 StPO ist jedoch nach ihrem Sinn und Zweck vorliegend nicht anwendbar. Sinn und Zweck der Regelung besteht darin, dass es grob unbillig sein kann, die notwendigen Auslagen des Angeklagten der Staatskasse zu überbürden, wenn eine Verurteilung nur daran scheitert, dass nachträglich ein Verfahrenshindernis eingetreten ist (zum Beispiel im Falle der Verjährung, vgl. BVerfG, Beschluss vom 14. September 1992 - 2 BvR 1941/89, NStZ 1993, 195). Grundlage der Bewertung einer Auslagenerstattung als grob unbillig oder ungerecht kann allerdings nur ein dem Beschuldigten vorwerfbares Verhalten sein. Daran fehlt es etwa bei einem Beschuldigten, der aufgrund einer andauernden psychiatrischen Erkrankung schuldunfähig ist (vgl. BGH, Beschluss vom 5. April 2016 - 5 StR 525/15, NStZ-RR 2016, 263).
Aber auch im vorliegenden Fall eines nicht andauernden Zustands kann ein vorwerfbares Verhalten nicht festgestellt werden, so dass die Überbürdung der Auslagen auf die Staatskasse nicht grob unbillig erscheint. Der Beschuldigte war zur Tatzeit nicht ausschließbar schuldunfähig, da er eine versuchte schwere Brandstiftung unter einem akuten Alkoholrausch sowie einer Alkoholpsychose begangen haben soll. Aufgrund der Alkoholabhängigkeit des Angeklagten ist ihm auch der Alkoholrausch nicht vorzuwerfen. Es hat deshalb bei der Regelung des § 467 Abs. 1 StPO zu verbleiben, wonach im Falle der Einstellung die notwendigen Auslagen des Beschuldigten der Staatskasse zur Last fallen.
| Sost-Scheible | RinBGH Dr. Bartel ist im Urlaub und daher an der Unterschrift gehindert. | Sturm | |||
| Quentin | Sost-Scheible | Lutz |