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BGH·3 StR 388/17·12.12.2017

Revision in Strafsachen: Audiovisuelle Zeugenvernehmung ohne Gerichtsbeschluss

StrafrechtStrafprozessrechtBeweisrechtVerworfen

KI-Zusammenfassung

Die Angeklagten rügten, dass zwei in den Niederlanden wohnhafte Zeugen audiovisuell ohne Gerichtsbeschluss nach §247a Abs.1 StPO vernommen wurden. Der BGH erkennt einen Verfahrensfehler, schließt jedoch aus, dass das Urteil darauf beruht, weil die Zeugen nur Personenangaben machten bzw. sich auf §55 StPO beriefen und andere Beweismittel die Feststellungen tragen. Daher werden die Revisionen als unbegründet verworfen.

Ausgang: Revisionen der Angeklagten als unbegründet verworfen; rügt Verstoß gegen §247a StPO zwar berechtigt, führt aber nicht zur Aufhebung, da das Urteil nicht auf den beanstandeten Vernehmungen beruht.

Abstrakte Rechtssätze

1

Die Anordnung einer audiovisuellen Zeugenvernehmung nach § 247a Abs. 1 StPO setzt einen Gerichtsbeschluss voraus, aus dem ersichtlich ist, auf welchen Ausnahmetatbestand der Vorschrift die Anordnung gestützt wird.

2

Fehlt ein solcher Beschluss, begründet dies in der Regel einen Revisionsgrund, da das Revisionsgericht die Voraussetzungen der Anordnung sonst nicht überprüfen kann.

3

Ein formeller Verfahrensfehler führt nur dann zur Aufhebung des Urteils, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass das Urteil auf den fehlerhaft gewonnenen Beweisen beruht.

4

Ergeben die audiovisuell eingeholten Aussagen der Zeugen keinen substanziellen Beitrag zur Sachverhaltsaufklärung (z. B. bloße Personenangaben oder Verweis auf § 55 StPO), können andere tragende Beweismittel den Verfahrensfehler entbehrlich machen.

Zitiert von (2)

2 zustimmend

Relevante Normen
§ 34 StPO§ 247a Abs 1 S 1 StPO§ 349 Abs. 2 StPO§ 247a Abs. 1 StPO§ 247a Abs. 1 Satz 1 StPO§ 247a Abs. 1 Satz 2 StPO

Vorinstanzen

vorgehend LG Trier, 16. März 2017, Az: 8031 Js 25498/14 - 2a KLs

Tenor

Die Revisionen der Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Trier vom 16. März 2017 werden als unbegründet verworfen, da die Nachprüfung des Urteils auf Grund der Revisionsrechtfertigungen keinen Rechtsfehler zum Nachteil der Angeklagten ergeben hat (§ 349 Abs. 2 StPO).

Jeder Beschwerdeführer hat die Kosten seines Rechtsmittels zu tragen.

Ergänzend zu den Ausführungen in der Zuschrift des Generalbundesanwalts bemerkt der Senat:

Die Rüge des Angeklagten O. , § 247a Abs. 1 StPO sei verletzt, weil die audiovisuelle Vernehmung der Zeugen C. und K. nicht durch Gerichtsbeschluss angeordnet gewesen sei, deckt einen Rechtsfehler auf, der indes nicht zur Aufhebung des Urteils führt, weil dieses nicht auf dem Verfahrensfehler beruht.

Dem liegt folgendes Verfahrensgeschehen zugrunde: Nachdem die genannten, in den Niederlanden lebenden Zeugen nicht zur Hauptverhandlung erschienen waren, hat der Vorsitzende außerhalb der Hauptverhandlung deren Videovernehmung im Wege der Rechtshilfe verfügt, die daraufhin durchgeführt worden ist.

Dieses Vorgehen erweist sich als rechtsfehlerhaft. § 247a Abs. 1 Satz 1 StPO verlangt für die Anordnung der audiovisuellen Vernehmung eines Zeugen einen Gerichtsbeschluss. Dieser Beschluss bedarf zwar, da er nicht anfechtbar ist (§ 247a Abs. 1 Satz 2 StPO), grundsätzlich keiner Begründung (§ 34 StPO); erforderlich ist jedoch, dass das Gericht kenntlich macht, auf welchen Ausnahmetatbestand des § 247a Abs. 1 Satz 1 StPO es die Anordnung stützt (LR/Becker, StPO, 26. Aufl., § 247a Rn. 15). Fehlt ein solcher Beschluss, begründet dies in der Regel die Revision, weil das Revisionsgericht nicht überprüfen kann, ob die Voraussetzungen des § 247a StPO vorgelegen haben (vgl. BGH, Beschluss vom 6. Februar 2008 - 5 StR 597/07, NStZ 2008, 421).

Auf diesem Verfahrensfehler beruht das Urteil aber - allein - deshalb nicht, weil der Senat ausschließen kann, dass die Feststellungen auf den Angaben der Zeugen gründen. Beide Zeugen haben sich bei ihrer audiovisuellen Vernehmung lediglich zur Person des Angeklagten geäußert und sich im Übrigen auf ihr Auskunftsverweigerungsrecht nach § 55 StPO berufen. Die Zeugin C. hat dabei den Angeklagten in der audiovisuellen Vernehmung nicht einmal mehr identifizieren können. Der Zeuge K. hat ihn zwar wiedererkannt, doch hat er damit nicht weiter zur Sachverhaltsaufklärung beigetragen. Vielmehr belegt das Landgericht seine Feststellung, dass es sich bei dem Angeklagten O. um den "M. " gehandelt hat, der die Zeugen als Rauschgiftkuriere einsetzte, rechtsfehlerfrei mit den früheren Aussagen der Zeugen sowie den Angaben des Zeugen D. , der in der Hauptverhandlung erschienen ist und den Angeklagten als "M. " identifiziert hat.

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