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BGH·3 StR 295/12·15.11.2012

Strafverfahren wegen versuchten Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz: Verbotsirrtum bei Irrtum über Inhalt und Reichweite einer Ausfüllungsnorm; Nichtanwendung des doppelt gemilderten Strafrahmens

StrafrechtAllgemeines StrafrechtWirtschaftsstrafrechtTeilweise stattgegeben

KI-Zusammenfassung

Der Angeklagte wurde wegen versuchten und fahrlässigen Verstoßes gegen das AWG zu einer Geldstrafe verurteilt. Der BGH hob den Einzelstrafenausspruch in einem Fall auf und verwies zur neuen Verhandlung zurück, weil das Landgericht nicht ausreichend geprüft hatte, ob bei einem vermeidbaren Verbotsirrtum der bereits wegen Versuchs gemilderte Strafrahmen nochmals zu mildern ist. Die übrige Revision wurde verworfen.

Ausgang: Revision teilweise stattgegeben: Aufhebung des Einzelstrafenausspruchs und Zurückverweisung wegen unzureichender Prüfung eines ggf. doppelt gemilderten Strafrahmens; sonstige Revision verworfen

Abstrakte Rechtssätze

1

Ein Irrtum über den Inhalt oder die Reichweite einer Ausfüllungsnorm, auf die ein Blankettstrafbestand ausdrücklich verweist, ist grundsätzlich ein Verbotsirrtum und führt nicht zum Wegfall des Vorsatzes.

2

Ein vermeidbarer Verbotsirrtum kann strafzumessungsrelevant sein; das Gericht hat im Rahmen der Strafzumessung zu prüfen, ob sich daraus eine Milderung des Strafrahmens ergibt.

3

Ist der Strafrahmen bereits wegen Versuchs gemildert, ist zu prüfen, ob nach § 17 Satz 2 i.V.m. § 49 Abs. 1 StGB eine weitere Milderung (doppelt gemilderter Strafrahmen) anzuwenden ist.

4

Der Wegfall einer Einzelstrafe kann den Gesamtstrafenausspruch entfallen lassen und erfordert gegebenenfalls eine Neubemessung der Gesamtstrafe durch die Vorinstanz.

Zitiert von (5)

5 zustimmend

Relevante Normen
§ 34 Abs 4 Nr 2 AWG§ Art 7 Abs 3 EGV 423/2007§ 17 S 2 StGB§ 23 Abs 2 StGB§ 49 Abs 1 StGB§ Außenwirtschaftsgesetz (AWG)

Vorinstanzen

vorgehend LG Berlin, 19. Dezember 2011, Az: 519 KLs 7/10

Tenor

1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Berlin vom 19. Dezember 2011 im Ausspruch über die Einzelstrafe im Fall II.2 der Urteilsgründe und im Ausspruch über die Gesamtgeldstrafe mit den zugehörigen Feststellungen aufgehoben.

Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

2. Die weitergehende Revision wird verworfen.

Gründe

1

Das Landgericht hat den Angeklagten wegen versuchten Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz (Embargoverstoß) sowie wegen fahrlässigen Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz (Embargoverstoß) in fünf Fällen zu einer Gesamtgeldstrafe von 150 Tagessätzen zu je 90 € verurteilt und gegen die Nebenbeteiligte, deren alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer der Angeklagte ist, den Verfall eines Geldbetrages angeordnet. Die auf die Rüge der Verletzung materiellen Rechts gestützte Revision des Angeklagten hat den aus der Entscheidungsformel ersichtlichen Erfolg, im Übrigen ist sie aus den Gründen der Antragsschrift des Generalbundesanwalts unbegründet im Sinne des § 349 Abs. 2 StPO.

2

Der Einzelstrafenausspruch im Fall II.2 der Urteilsgründe hält revisionsrechtlicher Nachprüfung nicht stand. Die Kammer hat nicht feststellen können, dass der Angeklagte wusste, dass die von seiner Gesellschaft in diesem Fall zu beliefernde A. (A. ) in Anhang IV der Verordnung (EG) Nr. 423/2007 des Rates vom 19. April 2007 über restriktive Maßnahmen gegen den Iran (Iran-Embargo-VO) genannt wird. Diese Listung hat zur Folge, dass es nach Art. 7 Abs. 3 Iran-Embargo-VO verboten ist, der A. wirtschaftliche Ressourcen zur Verfügung zu stellen, worunter das zu liefernde Tritium zu subsumieren ist. Mit der Veröffentlichung der Iran-Embargo-VO im Bundesanzeiger am 8. Mai 2007 ist ein Verstoß gegen dieses Bereitstellungsverbot gemäß § 34 Abs. 4 Nr. 2 AWG mit Strafe bedroht.

3

Zutreffend hat die Strafkammer ausgeführt, dass die (mögliche) Unkenntnis von der Listung den Vorsatz des Angeklagten unberührt lässt, weil der Irrtum über den Inhalt und oder die Reichweite einer Ausfüllungsnorm, auf die ein Blankettstraftatbestand wie § 34 Abs. 4 AWG ausdrücklich verweist, sich als Verbots-, nicht aber als Tatbestandsirrtum darstellt (BGH, Beschluss vom 23. August 2006 - 5 StR 105/06, NStZ 2007, 644; Urteil vom 11. Juli 1995 - 1 StR 242/95, NStZ-RR 1996, 24, 25; vgl. auch Schuster, Das Verhältnis von Strafnormen und Bezugsnormen aus anderen Rechtsgebieten, 2012, S. 92, 116, 209). Nicht zu beanstanden ist auch, dass sie einen solchen Irrtum für vermeidbar gehalten hat.

4

Da das Landgericht damit aber das Vorliegen eines vermeidbaren Verbotsirrtums nicht ausgeschlossen, sondern für zumindest möglich gehalten hat, hätte es sich im Rahmen der Strafzumessung auch mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob der - wegen Versuchs bereits nach § 23 Abs. 2 i.V.m. § 49 Abs. 1 StGB gemilderte - Strafrahmen des § 34 Abs. 4 AWG gegebenenfalls gemäß § 17 Satz 2 i.V.m. § 49 Abs. 1 StGB ein weiteres Mal zu mildern war. Der Senat kann trotz der maßvollen Strafe nicht ausschließen, dass das Landgericht bei Anwendung des zweifach gemilderten Strafrahmens zu einer geringeren Einzelstrafe gelangt wäre.

5

Der Wegfall der im Fall II.2 verhängten Einsatzstrafe entzieht dem Gesamtstrafenausspruch die Grundlage.

BeckerSchäferGericke
HubertMayer