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BGH·3 StR 283/16·06.09.2016

Strafzumessung: Straferschwerende Berücksichtigung der Tatbegehung unter laufender Bewährung

StrafrechtStrafzumessungMaßregeln der Besserung und SicherungTeilweise stattgegeben

KI-Zusammenfassung

Der Angeklagte wurde wegen zahlreicher Straftaten verurteilt und wandte sich mit Revision gegen materielle Rechtsfehler. Der BGH gab der Revision teilweise statt: Die Einzelstrafen in den Fällen 1–24 und der darauf beruhende Gesamtstrafenausspruch wurden aufgehoben, weil die Taten nach Ablauf der Bewährungszeit begangen wurden. Feststellungen bleiben bestehen; die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt bleibt unberührt.

Ausgang: Revision insoweit stattgegeben: Aufhebung der Einzelstrafen in den Fällen 1–24 und des Gesamtstrafenausspruchs mit Zurückverweisung; übrige Revision verworfen.

Abstrakte Rechtssätze

1

Die Berücksichtigung der Tatbegehung „unter laufender Bewährung" als straferschwerender Umstand setzt voraus, dass die Taten tatsächlich während der Bewährungszeit verübt wurden; ein lediglich noch ausstehender Erlassentscheid begründet keine laufende Bewährung.

2

Erweist sich die Annahme einer Tatbegehung unter laufender Bewährung als rechtsfehlerhaft und kann nicht ausgeschlossen werden, dass dies die Strafzumessung zum Nachteil beeinflusst hat, sind die betroffenen Einzelstrafen und der hiervon abhängige Gesamtstrafenausspruch aufzuheben und zur neuen Entscheidung zurückzuverweisen.

3

Die vom Tatrichter getroffenen Feststellungen bleiben von der Aufhebung des Strafausspruchs unberührt, soweit sie nicht durch den Rechtsfehler selbst betroffen sind.

4

Strafe und Maßregel der Besserung und Sicherung (etwa Unterbringung in einer Entziehungsanstalt) sind grundsätzlich unabhängig (Zweispurigkeit); die Anordnung einer Maßregel bleibt bestehen, sofern nicht erkennbar ist, dass Strafe und Maßregel sich wechselseitig beeinflusst haben.

Zitiert von (10)

10 zustimmend

Relevante Normen
§ 46 StGB§ 56f StGB§ 56g StGB§ 349 Abs. 2 StPO

Tenor

1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Mönchengladbach vom 26. April 2016 im Ausspruch über die Einzelstrafen in den Fällen 1 bis 24 der Urteilsgründe und im Gesamtstrafenausspruch aufgehoben; jedoch bleiben die zugehörigen Feststellungen aufrecht erhalten.

Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

2. Die weitergehende Revision wird verworfen.

Gründe

1

Das Landgericht hat den Angeklagten wegen versuchten schweren Raubes in Tateinheit mit versuchter gefährlicher Körperverletzung, Erpressung in zwei Fällen, versuchter Erpressung, Diebstahls, unerlaubten Erwerbs von Betäubungsmitteln in 20 Fällen und wegen Besitzes von Betäubungsmitteln zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und fünf Monaten verurteilt und seine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet. Dagegen wendet sich der Beschwerdeführer mit seiner auf die in allgemeiner Form erhobene Rüge der Verletzung materiellen Rechts gestützten Revision. Das Rechtsmittel hat den aus der Entscheidungsformel ersichtlichen Teilerfolg; im Übrigen erweist es sich als unbegründet im Sinne von § 349 Abs. 2 StPO.

2

In den Fällen 1 bis 24 der Urteilsgründe können die verhängten Einzelstrafen keinen Bestand haben, weil die Strafkammer in all diesen Fällen zu Unrecht straferschwerend berücksichtigt hat, dass der Angeklagte bei Tatbegehung noch unter laufender Bewährung gestanden habe. Nach den Feststellungen des Landgerichts wurde er zuletzt am 31. März 2010 zu einer Freiheitsstrafe von zwei Monaten verurteilt, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wurde. Die Bewährungszeit lief bis zum 30. März 2013; die Strafe wurde aber erst mit Wirkung vom 25. August 2014 erlassen.

3

Die Taten in den Fällen 1 bis 24 der Urteilsgründe beging der Angeklagte in der Zeit von Dezember 2013 bis zum 5. Februar 2014, also nach Ablauf der Bewährungszeit; lediglich der Beschluss über den Erlass der Strafe stand noch aus. In diesen Fällen erweist es sich als rechtsfehlerhaft, einem Angeklagten zur Last zu legen, er habe die neuen Taten während einer laufenden Bewährungsfrist begangen (BGH, Beschluss vom 3. September 1991 - 4 StR 346/91, juris Rn. 5; Urteil vom 28. September 2011 - 2 StR 93/11, juris Rn. 24).

4

Das Urteil beruht auf diesem Rechtsfehler, denn der Senat kann nicht ausschließen, dass die unzutreffende Annahme eines Bewährungsbruchs sich bei der Zumessung der Einzelstrafen zum Nachteil des Angeklagten ausgewirkt hat. Die Aufhebung der 24 (von 26) Einzelstrafen - unter ihnen die Einsatz-strafe - bedingt die Aufhebung des Gesamtstrafenausspruchs. Die zum Strafausspruch bislang getroffenen Feststellungen werden von dem Rechtsfehler indes nicht berührt; sie können deshalb bestehen bleiben.

5

Die vom Landgericht angeordnete Unterbringung des Angeklagten in einer Entziehungsanstalt ist von der teilweisen Aufhebung des Strafausspruchs ebenfalls nicht betroffen. Dies entspricht dem Prinzip der Zweispurigkeit von Strafe und Maßregel: Zwischen diesen Rechtsfolgen besteht grundsätzlich keine Wechselwirkung; sie sollen unabhängig voneinander bemessen bzw. verhängt werden. Etwas anderes kann nur gelten, wenn sich den Urteilsgründen oder der Strafhöhe im Einzelfall entnehmen lässt, dass die Strafe und die Anordnung einer Maßregel (oder ihre Nichtanordnung) sich gegenseitig beeinflusst haben (vgl. BGH, Urteil vom 7. Oktober 1992 - 2 StR 374/92, BGHSt 38, 362, 365). Dies ist hier indes nicht der Fall.

SchäferSpaniolBerg
GerickeTiemann