Verfahrensrüge im Strafverfahren: Beruhen eines Urteils auf der Nichtgewährung des letzten Wortes nach Wiedereintritt in die Hauptverhandlung; Bargeldübergabe des Angeklagten an den Nebenkläger im Rahmen des Adhäsionsverfahrens
KI-Zusammenfassung
Der Angeklagte wurde wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt und rügte die Verletzung des rechtlichen Gehörs. Zwischen Sitzungen zahlte er im Adhäsionsverfahren 5.000 € bar an den Nebenkläger; das Landgericht verkündete danach das Urteil ohne erneute Gewährung des letzten Wortes. Der BGH entschied, dass die Zahlung als zur Beweisaufnahme gehörendes Prozessgeschehen einen Wiedereintritt in die Hauptverhandlung bewirkt und das letzte Wort nach § 258 StPO wiederholt hätte werden müssen. Der Strafausspruch wurde aufgehoben und zur neuen Verhandlung über die Strafe zurückverwiesen, die übrige Revision verworfen.
Ausgang: Revision teilweise stattgegeben: Strafausspruch aufgehoben und zur neuen Verhandlung über die Strafe zurückverwiesen; übrige Revision verworfen.
Abstrakte Rechtssätze
Handlungen, die ihrer Natur nach zur Beweisaufnahme gehören, begründen ohne förmliche Anordnung einen Wiedereintritt in die Hauptverhandlung.
Bei Wiedereintritt in die Hauptverhandlung sind die in § 258 StPO vorgesehenen Worterteilungen, insbesondere das letzte Wort des Angeklagten nach § 258 Abs. 2 Halbsatz 2, zu wiederholen.
Prozesshandlungen im Adhäsionsverfahren (z. B. Zahlung von Wiedergutmachung) können selbständiges Beweisgeschehen darstellen und damit einen Wiedereintritt begründen.
Die Nichterteilung des letzten Wortes führt zur Aufhebung des Strafausspruchs, soweit das Urteil auf dem Verfahrensverstoß beruht; ein Einfluss ausschließlich auf die Strafzumessung rechtfertigt insoweit die Aufhebung des Strafausspruchs und die Zurückverweisung zur erneuten Strafentscheidung.
Zitiert von (6)
6 zustimmend
- BGH5 StR 307/2512.08.2025ZustimmendBGH, Beschluss vom 24.06.2014 – 3 StR 185/14, NStZ 2015, 105
- BGH2 StR 308/2216.08.2023ZustimmendNStZ 2015, 105
- BGH4 StR 197/2112.05.2022Zustimmendjuris Rn. 6
- BGH3 StR 202/2124.02.2022Zustimmend2 Zitationen
- BGH1 StR 35/1711.05.2017ZustimmendBGH, Beschluss vom 24.06.2014 - 3 StR 185/14, NStZ 2015, 105
Vorinstanzen
vorgehend LG Hannover, 18. Dezember 2013, Az: 39 Ks 19/13
Tenor
1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Hannover vom 18. Dezember 2013 im Strafausspruch mit den zugehörigen Feststellungen aufgehoben.
Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.
2. Die weitergehende Revision wird verworfen.
Gründe
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen gefährlicher Körperverletzung zu der Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Die hiergegen gerichtete, auf Verfahrensbeanstandungen und die Rüge der Verletzung materiellen Rechts gestützte Revision des Angeklagten hat mit einer Verfahrensrüge den aus der Entscheidungsformel ersichtlichen Teilerfolg; im Übrigen ist das Rechtsmittel unbegründet im Sinne von § 349 Abs. 2 StPO.
Die Überprüfung des Urteils aufgrund der Revisionsrechtfertigung hat zum Schuldspruch keinen durchgreifenden Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten erbracht. Der Strafausspruch hat hingegen keinen Bestand. Insoweit hat der zulässig gerügte Verstoß des Landgerichts gegen § 258 Abs. 2 Halbsatz 2 und Abs. 3 StPO die Aufhebung des Urteils zur Folge. Der Rüge liegt im Wesentlichen folgendes Verfahrensgeschehen zugrunde:
In der Hauptverhandlung vom 16. Dezember 2013 schloss der Angeklagte mit dem Nebenkläger im Adhäsionsverfahren einen Vergleich über die Zahlung von 15.000 €, wobei ein Teilbetrag von 5.000 € am 18. Dezember 2013 fällig war. Nachdem die Vertreterin der Staatsanwaltschaft und die Verteidiger des Angeklagten an demselben Prozesstag ihre Schlussvorträge gehalten und ihre Anträge gestellt hatten, hatte der Angeklagte das letzte Wort. Am darauffolgenden Sitzungstag, dem 18. Dezember 2013, übergab der Angeklagte an den Nebenkläger 5.000 € in bar. Nach Beratung wurde sodann das angefochtene Urteil verkündet, ohne dass dem Angeklagten (erneut) das letzte Wort gewährt wurde.
Diese Verfahrensweise verstieß gegen § 258 Abs. 2 Halbsatz 2, Abs. 3 StPO.
Im Falle des Wiedereintritts in die Hauptverhandlung müssen die in § 258 StPO vorgeschriebenen Worterteilungen - mithin auch das letzte Wort des Angeklagten im Sinne des § 258 Abs. 2 Halbsatz 2 StPO - wiederholt werden. Ein Wiedereintritt in die Hauptverhandlung setzt keinen Gerichtsbeschluss oder eine sonstige ausdrückliche Anordnung voraus, sondern kann auch stillschweigend geschehen. Er liegt insbesondere bei allen Prozesshandlungen vor, die ihrer Natur nach in den Bereich der Beweisaufnahme gehören (vgl. LR/Stuckenberg, StPO, 26. Aufl., § 258 Rn. 4 ff., 7). So verhielt es sich hier:
Die sich aus den Urteilsgründen ergebende Feststellung des Landgerichts über die Barzahlung von 5.000 € war ein - selbständiges, nicht nur einen Annex zum Vergleichsschluss darstellendes - zur Beweisaufnahme im "materiellen Sinne" (vgl. LR/Becker, aaO, § 244 Rn. 3) über die Wiedergutmachung des vom Angeklagten angerichteten Schadens gehörendes Prozessgeschehen. Es führte daher - auch ohne eine förmliche Anordnung der Fortsetzung der Beweisaufnahme - zum Wiedereintritt in die Hauptverhandlung und machte eine Wiederholung der in § 258 StPO vorgeschriebenen Worterteilungen einschließlich der Gewährung des letzten Wortes des Angeklagten erforderlich.
Dieser Rechtsfehler hat die Aufhebung des Strafausspruches zur Folge. Die Nichterteilung des letzten Wortes begründet nicht ausnahmslos die Revision, sondern nur dann, wenn und soweit das Urteil darauf beruht. Dies kann indes nur in besonderen Ausnahmefällen ausgeschlossen werden (vgl. BGH, Urteil vom 15. November 1968 - 4 StR 190/68, BGHSt 22, 278, 280 f.; LR/Stuckenberg, aaO, Rn. 60 ff., 69). Vorliegend kann der Senat im Hinblick auf die Beweislage zur Täterschaft des Angeklagten, der diese nach den Gesamtumständen eingeräumt hat, und die Tatsache, dass das nach dem letzten Wort des Angeklagten stattgefundene Prozessgeschehen ausschließlich für die Strafzumessung relevant war, ausschließen, dass der Schuldspruch auf dem Verfahrensverstoß beruht. Dies gilt indes nicht für den Strafausspruch (vgl. BGH, Beschluss vom 13. April 1999 - 4 StR 117/99, NStZ 1999, 473). Dieser bedarf daher neuer Verhandlung und Entscheidung.
| Becker | Schäfer | Gericke | |||
| Hubert | Mayer |