Bestimmung der einzelnen Taten des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt
KI-Zusammenfassung
Der Angeklagte legte Revision gegen Verurteilungen wegen Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt ein. Der BGH befand, dass die Anklage den Beitragsmonat April 2021 nicht umfasste, sodass die Verurteilung in Fall 28 nicht von der Anklage gedeckt ist und das Verfahren insoweit eingestellt wird. Die übrigen 47 Verurteilungen bleiben bestehen; die Einziehung wird anteilig reduziert. Die Hauptbegründung beruht auf § 264 Abs. 1 StPO und der gebotenen Bestimmtheit bei Monatsangaben in Fällen des § 266a StGB.
Ausgang: Revision teils stattgegeben: Verfahren in Fall 28 eingestellt und Einziehungsanordnung anteilig aufgehoben; übrige Revisionen verworfen.
Abstrakte Rechtssätze
Bei Taten nach § 266a StGB muss die Anklage die sämtlich betroffenen Beitragsmonate gemäß § 264 Abs. 1 StPO angeben; das Fehlen eines Monats macht eine Verurteilung für diesen Monat unzulässig.
Ein in der Hauptverhandlung erteilter Hinweis des Vorsitzenden kann einen in der Anklage enthaltenen Bestimmtheitsmangel hinsichtlich der benannten Beitragsmonate nicht heilen.
Die Abgrenzung einzelner Taten des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt richtet sich regelmäßig nach der unterbliebenen Beitragszahlung bzw. der unrichtigen/unvollständigen bzw. pflichtwidrig unterlassenen Meldung des konkreten Arbeitgebers, nicht allein nach dem zugrundeliegenden Sachverhalt.
Ein Feststellungs- oder Einziehungsbeschluss darf sich nur auf rechtskräftig zugerechnete Taten erstrecken; die Einziehung ist um Beträge zu reduzieren, die den entfalleen (nicht verurteilten) Taten zuzurechnen sind, und die Wegnahme eines Einziehungsbetrags, der nicht mehr gerechtfertigt ist, ist aufzuheben.
Vorinstanzen
vorgehend BGH, 21. Januar 2025, Az: 1 StR 456/24, Beschluss
vorgehend LG Stuttgart, 7. Mai 2024, Az: 16 KLs 182 Js 39781/22
nachgehend BGH, 21. Januar 2025, Az: 1 StR 456/24, Beschluss
Tenor
1. Auf die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Stuttgart vom 7. Mai 2024 wird
a) das Verfahren eingestellt, soweit der Angeklagte im Fall 28 der Urteilsgründe wegen Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt verurteilt worden ist; in diesem Umfang fallen die Kosten des Verfahrens und die notwendigen Auslagen des Angeklagten der Staatskasse zur Last;
b) das vorbezeichnete Urteil
aa) im Schuldspruch dahin abgeändert, dass der Angeklagte des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt in 47 Fällen schuldig ist;
bb) aufgehoben, soweit gegen ihn die Einziehung des Wertes von Taterträgen in Höhe von mehr als 569.743,54 Euro angeordnet ist; die weitergehende Einziehung entfällt.
2. Die weitergehende Revision wird als unbegründet verworfen.
3. Der Beschwerdeführer trägt die weiteren Kosten seines Rechtsmittels.
Gründe
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt in 48 Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und sieben Monaten verurteilt sowie eine Einziehungsentscheidung getroffen. Hiergegen wendet er sich mit seiner auf Verfahrens- und Sachbeanstandungen gestützten Revision.
Die Revision hat den aus der Entscheidungsformel ersichtlichen Erfolg (§ 349 Abs. 4 StPO); im Übrigen ist sie unbegründet (§ 349 Abs. 2 StPO).
a) Der Verurteilung im Fall 28 steht entgegen, dass diese Tat nicht von der unverändert zur Hauptverhandlung zugelassenen Anklage vom 6. Dezember 2023 umfasst ist (§ 264 Abs. 1 StPO). Diese hat dem Angeklagten unrichtige Meldungen für das Einzelunternehmen „S. “ an die AOK Baden-Württemberg nur für die Beitragsmonate Januar 2019 bis März 2021, nicht aber für April 2021 zur Last gelegt. Bei Taten des § 266a StGB sind jedoch sämtliche betroffenen Beitragsmonate im Anklagesatz anzugeben (BGH, Beschluss vom 18. September 2024 – 1 StR 329/24 Rn. 2 mwN). Eine Nachtragsanklage ist nicht erhoben worden. Der vom Vorsitzenden in der Hauptverhandlung erteilte Hinweis vermag diesen Mangel nicht zu heilen. Soweit die Anklage dem Angeklagten für April 2021 eine Beitragsvorenthaltung zugunsten der I. GmbH zur Last gelegt hat, handelt es sich um eine andere (vom Landgericht nicht abgeurteilte) selbständige Tat. Denn auch hinsichtlich des Delikts des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt (§ 266a StGB) ist die Tat im Sinne von § 264 StPO – ähnlich dem Straftatbestand der Steuerhinterziehung (§ 370 Abs. 1 AO; vgl. dazu BGH, Urteil vom 30. April 2024 – 1 StR 426/23 Rn. 21 mwN) – regelmäßig durch die unterbliebene Beitragszahlung (§ 266a Abs. 1 StGB) bzw. die unrichtige oder unvollständige bzw. pflichtwidrig unterlassene Meldung (§ 266a Abs. 2 StGB) durch einen bestimmten Arbeitgeber abgegrenzt, nicht durch den zugrundeliegenden Sachverhalt, der eine oder mehrere Fälle des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt nach § 266a StGB verwirklicht.
b) Dies lässt indes die Gesamtfreiheitsstrafe unberührt. Der Senat schließt aus (§ 354 Abs. 1 StPO analog), dass das Landgericht ohne die entfallende Einzelfreiheitsstrafe von drei Monaten eine niedrigere Strafe verhängt hätte. Denn der Zusammenzug der verbleibenden Einzelstrafen erweist sich, ausgehend von einer Einsatzfreiheitsstrafe von zehn Monaten, weiterhin als sehr straff.
c) Jedoch ist der Ausspruch über die Einziehung des Wertes von Taterträgen um die auf Fall 28 entfallende Ersparnis von Aufwendungen in Höhe von 9.877,06 Euro zu reduzieren (§ 354 Abs. 1 StPO analog).
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