Strafzumessung: Dulden einer falschen Aussage als Strafschärfungsgrund
KI-Zusammenfassung
Der Angeklagte legte Revision gegen ein Urteil wegen Raubes ein. Streitpunkt war, ob das Landgericht das bloße Dulden der falschen Aussage der Mutter als strafschärfenden Umstand verwertet hat. Der BGH führt aus, dass bloßes Dulden grundsätzlich zulässiges Verteidigungsverhalten ist und nur bei Anzeichen rechtsfeindlicher Gesinnung strafschärfend wirkt. Mangels entsprechender Feststellungen ist der Strafausspruch aufgehoben und zur neuen Verhandlung zurückverwiesen; die übrige Revision wurde verworfen.
Ausgang: Revision teilweise erfolgreich: Strafausspruch wegen möglicher Verwertung bloßen Duldens einer falschen Aussage aufgehoben und zurückverwiesen; übrige Revision verworfen.
Abstrakte Rechtssätze
Das bloße Dulden einer uneidlichen Falschaussage in der Hauptverhandlung ist grundsätzlich zulässiges Verteidigungsverhalten und begründet nicht automatisch eine rechtsfeindliche Gesinnung.
Ein Prozessverhalten wie die Tolerierung einer falschen Zeugenaussage darf nur dann strafschärfend berücksichtigt werden, wenn es nicht allein auf Furcht vor Bestrafung beruht, sondern Ausdruck von Rechtsfeindlichkeit und Uneinsichtigkeit ist.
Für die Annahme einer rechtsfeindlichen Gesinnung sind konkrete Feststellungen erforderlich; insbesondere können Veranlassung zur Falschaussage oder die Benennung einer in Kenntnis ihrer Bereitschaft entscheidend sein.
Fehlen entsprechende Feststellungen und ist nicht auszuschließen, dass die Strafzumessung hierauf beruht, ist der Strafausspruch aufzuheben und die Sache zur neuen Verhandlung zurückzuverweisen.
Vorinstanzen
vorgehend LG Ulm, 20. März 2015, Az: 2 KLs 25 Js 15240/14
Tenor
1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Ulm vom 20. März 2015 im Strafausspruch mit den zugehörigen Feststellungen aufgehoben. Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.
2. Die weitergehende Revision wird verworfen.
Gründe
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen Raubes zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten verurteilt. Hiergegen richtet sich die mit mehreren Verfahrensrügen und der Sachbeschwerde begründete Revision des Angeklagten.
Das Rechtsmittel hat den aus der Entscheidungsformel ersichtlichen Teilerfolg; im Übrigen ist es unbegründet im Sinne des § 349 Abs. 2 StPO.
In seinem Antragsschreiben vom 2. Juli 2015 hat der Generalbundesanwalt insoweit ausgeführt:
"...hat die Strafkammer ausdrücklich zu Lasten des Angeklagten 'das rechtsfeindliche Leugnen der Tat im Prozess, bei dem er sehenden Auges die uneidliche Falschaussage seiner Mutter zuließ', berücksichtigt. Danach ist zu besorgen, dass es das bloße Dulden der falschen Aussage in der Hauptverhandlung als Strafschärfungsgrund angesehen hat. Ein solches Prozessverhalten strafschärfend zu verwerten, wäre nur dann zulässig, wenn es nicht allein auf Furcht vor Bestrafung beruhte, sondern Ausdruck von Rechtsfeindlichkeit und Uneinsichtigkeit wäre (vgl. BGH, Urteil vom 13. Januar 1993 - 3 StR 491/92, BGHR StGB § 46 Abs. 2 Nachtatverhalten 20; BGH, Beschluss vom 4. Dezember 2003 - 4 StR 439/03, StrafFo 2004, 104). Dies käme insbesondere dann in Betracht, wenn der Angeklagte die Zeugin zu der Falschaussage zu seinen Gunsten veranlasst oder sie in Kenntnis ihrer Bereitschaft hierzu als Zeugin benannt hätte. Hierzu ist jedoch nichts festgestellt. Nachdem das Leugnen der Tat ein zulässiges Verteidigungsverhalten des Angeklagten darstellt (vgl. BGH, Beschluss vom 6. Juli 2010 - 3 StR 219/10, NStZ 2010, 692), dessen Grenzen auch dann nicht überschritten sein dürften, wenn dadurch der Tatverdacht gegen einen anderen, hier den Mittäter I. , wesentlich verstärkt wird (vgl. BGH, Beschluss vom 9. Oktober 2012 - 5 StR 453/12), kann auch dieses Verhalten für sich genommen nicht zur Begründung einer entsprechenden Gesinnung herangezogen werden sein.
Da nicht auszuschließen ist, dass die konkrete Strafzumessung auf diesem Rechtsfehler beruht, muss der Strafausspruch aufgehoben werden."
Dem kann sich der Senat nicht verschließen.
Die weitergehende Revision des Angeklagten ist unbegründet. Insoweit hat die Nachprüfung des Urteils auf Grund der Revisionsrechtfertigung, wobei dem Senat bei seiner Entscheidung auch das Revisionsschreiben vom 21. Juli 2015 vorlag, keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben (§ 349 Abs. 2 StPO).
| Raum | Jäger | Mosbacher | |||
| Graf | Radtke |