Nichtberücksichtigung des straffreien Vorlebens des Angeklagten bei der Strafzumessung
KI-Zusammenfassung
Der BGH hob den Strafausspruch des Landgerichts München II auf, weil die Strafzumessung lückenhaft war. Das Landgericht hat nicht erkennbar berücksichtigt, dass der Angeklagte nicht vorbestraft ist, und traf keine hinreichenden Feststellungen zur angeblichen Nutzung von Verschlüsselungssoftware sowie zum Mobiltelefonbesitz in Untersuchungshaft. Die Sache wurde zur neuern Entscheidung an eine andere Strafkammer zurückverwiesen.
Ausgang: Revision des Angeklagten im Strafausspruch teilweise stattgegeben; Strafausspruch aufgehoben und zur neuen Verhandlung an eine andere Strafkammer zurückverwiesen.
Abstrakte Rechtssätze
Bei der Bemessung der Einzelstrafen ist die Nichtvorbestraftheit des Angeklagten als gewichtiger Strafzumessungsgrund regelmäßig zu berücksichtigen und in den Urteilsgründen erkennbar darzustellen.
Fehlen ausdrückliche Feststellungen oder eine konkrete Beweiswürdigung zu strafschärfenden oder strafmildernden Umständen, ist die Strafzumessung lückenhaft und der Strafausspruch aufzuheben.
Tat- und verfahrensrelevante Umstände, auf die das Gericht zur Strafschärfung abstellt (z. B. Verwendung spezieller Verschlüsselungssoftware, Besitz eines Mobiltelefons in Untersuchungshaft), bedürfen einer nachvollziehbaren Feststellung und Beweiswürdigung.
Stellt der Revisionssenat solche Mängel fest, hat er die zugehörigen Feststellungen aufzuheben und die Sache zur neuartigen Entscheidung, gegebenenfalls an eine andere Kammer, zurückzuverweisen, damit eine in sich stimmige Strafzumessung erfolgen kann.
Zitiert von (3)
3 zustimmend
Vorinstanzen
vorgehend LG München II, 19. Januar 2022, Az: 4 KLs 386 Js 101451/19
Tenor
1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts München II vom 19. Januar 2022, soweit es diesen Angeklagten betrifft, im Strafausspruch mit den zugehörigen Feststellungen aufgehoben.
2. Die weitergehende Revision wird als unbegründet verworfen.
3. Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.
Gründe
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in zwei Fällen, jeweils in Tateinheit mit Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge und zugleich - jeweils bezogen auf eine andere Betäubungsmittelmenge - mit Beihilfe zum Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge, zu der Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt sowie eine Einziehungsentscheidung getroffen. Die auf die Rüge einer Verletzung materiellen Rechts gestützte Revision des Angeklagten führt zur Aufhebung des Strafausspruchs und bleibt im Übrigen ohne Erfolg.
a) Der Strafausspruch hält der auf die Sachrüge veranlassten Nachprüfung nicht stand.
Die Strafzumessung erweist sich als lückenhaft, weil das Landgericht bei der Bemessung der Einzelstrafen nicht erkennbar berücksichtigt hat, dass der zur Tatzeit etwa 60jährige Angeklagte nicht vorbestraft ist. Dies ist indes ein gewichtiger Strafzumessungsgrund (§ 267 Abs. 3 Satz 1 StPO), dessen Berücksichtigung es regelmäßig bedarf (st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschlüsse vom 23. März 2022 - 6 StR 61/22 Rn. 2; vom 27. Oktober 2020 - 1 StR 148/20 Rn. 9 und vom 29. September 2016 - 2 StR 63/16 Rn. 15). Der Umstand, dass beim ebenfalls nicht mehr ganz jungen Mitangeklagten ausdrücklich in der ihn betreffenden Strafzumessung genannt wurde, nicht vorbestraft zu sein, beim Angeklagten aber nicht, gibt besonderen Anlass zur Besorgnis, dass dem Landgericht dieser Strafzumessungsgesichtspunkt bei der Bemessung der Einzelstrafen aus dem Blick geraten ist.
Nicht gänzlich bedenkenfrei ist daneben auch, dass es an ausdrücklichen Feststellungen und einer konkreten Beweiswürdigung hinsichtlich der vom Landgericht in die Strafzumessung eingestellten Verwendung einer besonderen Verschlüsselungssoftware für das Mobiltelefon durch den Angeklagten fehlt und das Landgericht zudem ohne diesbezügliche Beweiswürdigung zu Lasten des Angeklagten berücksichtigt hat, dass er in der Untersuchungshaft unter Verstoß gegen die geltenden Regeln ein Mobiltelefon besaß und für Telefonate mit Familienangehörigen nutzte.
b) Wegen dieser Bedenken hebt der Senat hier die zugehörigen Feststellungen vorsorglich auf, um dem nunmehr zur Entscheidung berufenen Tatgericht eine in sich stimmige Strafzumessung zu ermöglichen.
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