Themis
Anmelden
BFH·VI B 138/11·23.02.2012

Verfahrensmangel wegen Nichtberücksichtigung des Gesamtergebnisses des Verfahrens

VerfahrensrechtGerichtsverfahrensrechtSteuerprozessrechtZurückverwiesen

KI-Zusammenfassung

Die Beschwerde der Klägerin ist begründet; der BFH hat das Urteil des Finanzgerichts aufgehoben und die Sache zur anderweitigen Verhandlung zurückverwiesen. Das FG hatte die Klageabweisung für Okt. 2006–Dez. 2009 darauf gestützt, die Klägerin habe Angaben zum Einkommen ihres Sohnes nicht gemacht. Die entsprechenden Erklärungen befanden sich jedoch in den Akten, sodass das FG nicht das Gesamtergebnis des Verfahrens nach § 96 Abs. 1 S. 1 FGO berücksichtigt hat. Dies begründet einen Verfahrensfehler i.S. d. § 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO; deshalb erfolgte die Rückverweisung nach § 116 Abs. 6 FGO.

Ausgang: Urteil des FG aufgehoben; Sache wegen Verfahrensmangel an das Finanzgericht zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung zurückverwiesen

Abstrakte Rechtssätze

1

Das Finanzgericht bildet seine Überzeugung aus dem Gesamtergebnis des Verfahrens (§ 96 Abs. 1 S. 1 FGO) und hat den Inhalt vorgelegter Akten sowie das Vorbringen der Beteiligten vollständig und fehlerfrei zu berücksichtigen.

2

Wenn das FG seiner Entscheidung einen Sachverhalt zugrunde legt, der dem schriftlich festgehaltenen Vorbringen nicht entspricht, oder eine nach den Akten klar feststehende Tatsache unberücksichtigt bleibt, liegt ein Verfahrensfehler i.S. von § 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO vor.

3

Eine Klageabweisung, die auf der Annahme beruht, erforderliche Angaben seien nicht erstattet worden, obwohl entsprechende Erklärungen in den Akten vorhanden sind, rechtfertigt die Aufhebung des Urteils und die Zurückverweisung an das FG zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung (§ 116 Abs. 6 FGO).

Zitiert von (2)

2 zustimmend

Relevante Normen
§ 96 Abs 1 S 1 FGO§ 115 Abs 2 Nr 3 FGO§ 116 Abs 6 FGO§ 96 Abs. 1 Satz 1 FGO§ 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO§ 116 Abs. 6 FGO

Vorinstanzen

vorgehend Sächsisches Finanzgericht, 1. März 2011, Az: 5 K 166/10 (Kg), Urteil

Leitsatz

NV: Stützt das Gericht die Klageabweisung darauf, dass Angaben zu Einkünften und Bezügen eines Kindes nicht gemacht worden seien, befinden sich solche Angaben jedoch in den finanzgerichtlichen Akten, ist das ein Verstoß gegen § 96 Abs. 1 Satz 1 FGO, der einen Verfahrensfehler i.S. von § 115 Abs 2. Nr. 3 FGO begründet.

Gründe

1

Die Beschwerde ist begründet. Sie führt zur Aufhebung des angefochtenen Urteils und zur Zurückverweisung des Rechtsstreits an das Finanzgericht (FG) zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung (§ 116 Abs. 6 der Finanzgerichtsordnung --FGO--).

2

1. Nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs (BFH) hat das FG nach § 96 Abs. 1 Satz 1 FGO seine Überzeugung nach dem Gesamtergebnis des Verfahrens zu bilden, also den gesamten konkretisierten Prozessstoff zugrunde zu legen. Es muss insbesondere den Inhalt der vorgelegten Akten und das Vorbringen der Beteiligten (quantitativ) vollständig und (qualitativ) einwandfrei berücksichtigen. Ein Verstoß gegen § 96 Abs. 1 Satz 1 FGO, der einen Verfahrensfehler i.S. von § 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO begründet, liegt dann vor, wenn das FG seiner Entscheidung einen Sachverhalt zugrunde legt, der dem schriftlich festgehaltenen Vorbringen der Beteiligten nicht entspricht, oder wenn eine nach den Akten klar feststehende Tatsache unberücksichtigt geblieben ist (vgl. Gräber/Ruban, Finanzgerichtsordnung, 7. Aufl., § 115 Rz 80; zuletzt BFH-Beschluss vom 22. März 2011 X B 7/11, BFH/NV 2011, 1005, m.w.N.; Senatsbeschluss vom 9. Juni 2011 VI B 146/10, BFH/NV 2011, 1530).

3

2. Gemessen daran liegt ein Verfahrensverstoß vor, weil das FG im angefochtenen Urteil nicht das Gesamtergebnis des Verfahrens berücksichtigt hat. Denn zu Recht rügt die Klägerin und Beschwerdeführerin (Klägerin), dass das FG seine die Klage abweisende Entscheidung für den Zeitraum Oktober 2006 bis Dezember 2009 darauf gestützt habe, dass die Klägerin trotz ausdrücklichen Hinweises durch das Gericht keinerlei Angaben zu den Einkünften und Bezügen ihres Sohnes gemacht habe. Die Klägerin wendet insoweit zutreffend ein, dass sie mit Schreiben vom 5. Oktober 2010 die Erklärungen zu den Einkünften ihres Kindes Johannes für die Jahre 2006 bis 2009 vorgelegt habe. Und in der Tat befinden sich solche Erklärungen zu den Einkünften und Bezügen eines über 18 Jahre alten Kindes, hier für das Kind X, in den finanzgerichtlichen Akten auf den Seiten 59 ff.

4

Der Senat hält es für sachgerecht, nach § 116 Abs. 6 FGO zu verfahren, das angefochtene Urteil aufzuheben und den Rechtsstreit zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung an das FG zurückzuverweisen.