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BAG·2 AZR 508/15·26.01.2017

Änderungskündigung vs. Direktionsrecht – Versetzung möglich, Kündigung unwirksam

ArbeitsrechtKündigungsschutzrechtIndividualarbeitsrechtAbgewiesen

KI-Zusammenfassung

Der Kläger focht eine Änderungskündigung an, mit der die Beklagte den Tätigkeitsort ändern und zugleich kündigen wollte. Das BAG hat die Revision der Beklagten zurückgewiesen und die Kündigungsschutzklage bestätigt. Die Änderungskündigung war sozial ungerechtfertigt, weil die gewünschte Versetzung ohne Vertragsänderung durch Ausübung des Direktionsrechts möglich gewesen wäre. Vertragliche Beschränkungen des Direktionsrechts wurden nicht festgestellt.

Ausgang: Revision der Beklagten zurückgewiesen; Kündigungsschutzklage des Klägers erfolgreich, Änderungskündigung sozial ungerechtfertigt

Abstrakte Rechtssätze

1

Eine Änderungskündigung ist sozial ungerechtfertigt, wenn die vom Arbeitgeber erstrebte Änderung (hier: Versetzung des Arbeitnehmers) ohne Änderung der Vertragsbedingungen durch Ausübung eines bestehenden Direktionsrechts möglich ist.

2

Für die Wirksamkeit einer Änderungskündigung bedarf es keiner Änderung der Vertragsbedingungen, wenn der Arbeitgeber die angestrebte Änderung bereits aus dem Arbeitsvertrag ableitbar durch Ausübung seines Weisungsrechts vornehmen kann.

3

Eine vertragliche Festlegung des Arbeitsorts ist nur dann anzunehmen, wenn die Vertragsbestimmungen dahin eindeutig auszulegen sind; die Unklarheitenregel des § 305c Abs. 2 BGB greift nur bei erheblichen Auslegungszweifeln.

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Der Verwender von Allgemeinen Geschäftsbedingungen kann sich nicht zu seinen Gunsten auf eine vermeintliche Intransparenz berufen, um eine weitergehende vertragliche Bindung des Arbeitsorts gegenüber dem Arbeitnehmer zu begründen.

Relevante Normen
§ 1 Abs. 2 KSchG§ 305c Abs. 2 BGB§ 307 Abs. 1 Satz 2 BGB§ 305b BGB§ 97 Abs. 1 ZPO

Vorinstanzen

vorgehend ArbG München, 16. Dezember 2014, Az: 43 Ca 555/14, Urteil

vorgehend Landesarbeitsgericht München, 22. Juli 2015, Az: 11 Sa 87/15, Urteil

Tenor

Die Revision der Beklagten gegen das Urteil des Landesarbeitsgerichts München vom 22. Juli 2015 - 11 Sa 87/15 - wird auf ihre Kosten zurückgewiesen.

Tatbestand

1

Die Parteien streiten über die Wirksamkeit einer Änderungskündigung.

2

Der Kläger schloss mit der Rechtsvorgängerin der Beklagten unter dem 6./10. Dezember 2004 einen Arbeitsvertrag, in dessen Rubrum die damalige Anschrift der Arbeitgeberin in E aufgeführt war. In dem Vertrag heißt es:

I. Besondere Vereinbarungen … 3. Derzeitiger Dienstsitz: s.o. … II. Allgemeine Vereinbarungen 1. Beschäftigungsort, Versetzungsvorbehalt 1.1. Tätigkeitsort sind die jeweiligen Geschäftsräume [der Arbeitgeberin]. 1.2. [Die Arbeitgeberin] behält sich vor, dem Mitarbeiter bei unveränderten Bezügen im Rahmen des Unternehmens auch eine andere seiner Vorbildung und seinen Fähigkeiten entsprechende Tätigkeit, eventuell auch nur vertretungsweise, an einem anderen Arbeitsplatz zu übertragen.“

3

Im Jahre 2013 beabsichtigte die Beklagte, die Anzahl ihrer mittlerweile sechs Betriebsstätten auf zwei zu reduzieren. Die bisherigen Aufgaben sollten an den Standorten A und D fortgeführt werden. Die Beklagte erklärte gegenüber dem Kläger mit Schreiben vom 23. Dezember 2013, sie mache von ihrem Direktionsrecht Gebrauch und versetze ihn zum 1. Februar 2014 nach A. Mit einem weiteren Schreiben vom selben Tag erklärte sie „höchst vorsorglich“ die Kündigung des Arbeitsverhältnisses der Parteien zum 31. Juli 2014, verbunden mit dem Angebot, es nach Ablauf der Kündigungsfrist in A fortzusetzen. Die Änderung des Tätigkeitsorts in Ausübung des Direktionsrechts hielt die Beklagte später nicht mehr aufrecht.

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Der Kläger hat das mit der Kündigung unterbreitete Änderungsangebot nicht, auch nicht unter Vorbehalt angenommen und sich mit der vorliegenden Klage rechtzeitig gegen die Beendigung seines Arbeitsverhältnisses durch die Änderungskündigung gewandt. Diese sei unverhältnismäßig. Es habe bereits aufgrund des arbeitsvertraglichen Direktionsrechts die Möglichkeit seiner Versetzung nach A bestanden.

5

Der Kläger hat, soweit für das Revisionsverfahren von Interesse, sinngemäß beantragt

festzustellen, dass das Arbeitsverhältnis der Parteien durch die ordentliche Kündigung der Beklagten vom 23. Dezember 2013 nicht zum 31. Juli 2014 aufgelöst wurde.

6

Die Beklagte hat beantragt, die Klage abzuweisen. Sie hat gemeint, der Arbeitsort sei vertraglich auf den Standort E festgelegt gewesen. Dies habe auch der übereinstimmenden Auffassung der Parteien im Zeitpunkt der Kündigung entsprochen.

7

Die Vorinstanzen haben der Klage stattgegeben. Mit der Revision verfolgt die Beklagte ihren Klageabweisungsantrag weiter.

Entscheidungsgründe

8

Die Revision ist unbegründet. Das Landesarbeitsgericht hat die Berufung der Beklagten zu Recht zurückgewiesen. Die Kündigungsschutzklage ist begründet. Die Kündigung des Arbeitsverhältnisses der Parteien zum Zwecke der Änderung des Beschäftigungsorts des Klägers war wegen der damit verbundenen Bestandsgefährdung unverhältnismäßig und daher sozial ungerechtfertigt iSd. § 1 Abs. 2 KSchG. Für das dem Kläger mit der Kündigung unterbreitete „Änderungsangebot“ bedurfte es keiner Änderung der Vertragsbedingungen. Die mit der Änderungskündigung angestrebte Änderung des Beschäftigungsorts konnte die Beklagte durch die Ausübung ihres Direktionsrechts vornehmen.

9

I. Der Senat hat in seiner den Parteien bekannten Entscheidung vom 22. September 2016 (- 2 AZR 509/15 - Rn. 11 ff.) - auf die zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird - ausgeführt, dass die vertraglichen Regelungen keine das Direktionsrecht der Beklagten einschränkende Festlegung des Arbeitsorts enthalten. Für eine Anwendung der Unklarheitenregel des § 305c Abs. 2 BGB ist kein Raum, da keine erheblichen Zweifel an der zutreffenden Auslegung bestehen. Eine vertragliche Festlegung des Arbeitsorts der Parteien ergibt sich auch nicht aus einer möglichen Intransparenz der vertraglichen Bestimmungen. Auf einen Verstoß gegen das Transparenzgebot (§ 307 Abs. 1 Satz 2 BGB) kann sich die Beklagte als Verwenderin der von ihr gestellten Allgemeinen Geschäftsbedingungen im Verhältnis zum Kläger nicht berufen. Schließlich hält die Annahme des Landesarbeitsgerichts, ein übereinstimmender abweichender Parteiwille im Sinne einer gemäß § 305b BGB vorrangigen Individualabrede könne nicht festgestellt werden, jedenfalls im Ergebnis einer revisionsrechtlichen Überprüfung stand.

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II. Als unterlegene Partei hat die Beklagte gemäß § 97 Abs. 1 ZPO die Kosten des Revisionsverfahrens zu tragen.

KochBergerNiebler
NiemannB. Schipp