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Anwaltsgerichtshof NRW·2 AGH 9/21·04.04.2022

Zurückweisung gegenseitiger Mehrfachvertretung von Rechtsanwälten nach §146 StPO

VerfahrensrechtStrafprozessrechtAnwaltsberufsrecht/DisziplinarverfahrenVerworfen

KI-Zusammenfassung

Zwei befangene Rechtsanwälte hatten sich gegenseitig als Wahlverteidiger bestellt; das Anwaltsgericht hat diese Bestellung zurückgewiesen. Zentrales Thema ist die Unvereinbarkeit der Rollen von Angeklagtem und Verteidiger nach §146 ff. StPO. Das Gericht folgte der BGH-Rechtsprechung und betonte die fehlende Unabhängigkeit und Interessenkollision. Die Verfahrensverbindung wurde als sachgemäß angesehen.

Ausgang: Gegenseitige Bestellung als Wahlverteidiger aufgrund Unvereinbarkeit nach §146 StPO durch Beschluss zurückgewiesen

Abstrakte Rechtssätze

1

Ein Angeklagter, der erst nach Eröffnung des Hauptverfahrens von einem Mitangeklagten als Verteidiger gewählt wird, ist durch Beschluss des erkennenden Gerichts zurückzuweisen (§146a StPO i.V.m. §146 StPO).

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Die Verfahrensrollen des Angeklagten und des Verteidigers sind unvereinbar; die gleichzeitige Wahrnehmung beider Rollen gefährdet die Unabhängigkeit der Verteidigung und die Wahrung prozessualer Pflichten.

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§138 StPO verbietet die eigene Verteidigung des angeschuldigten Rechtsanwalts, trifft jedoch nicht die Situation, in der ein Mitangeklagter den Rechtsanwalt als Verteidiger wählt.

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Ein Verstoß gegen berufsrechtliche Pflichten (§43a BRAO) betrifft primär das Berufsrecht und begründet nicht allein die materielle Unzulässigkeit einer Verteidigung im Strafverfahren.

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Die Verbindung von Verfahren kann eine Zurückweisung rechtfertigen, wenn sie sachgemäß ist und notwendig, um die Einheitlichkeit der Pflichtverletzung und die Zielsetzung des anwaltsgerichtlichen Verfahrens zu wahren.

Relevante Normen
§ 146 StPO§ 43a BRAO§ 146a StPO§ 146a Abs. 1 S. 3 StPO§ 138a ff. StPO§ 138 StPO

Tenor

Rechtsanwältin T N wird als Verteidigerin von Rechtsanwalt W N  gemäß §§ 116 Abs. 1 S. 2 BRAO i. V. m. 146, 146a StPO zurückgewiesen.

Rechtsanwalt W N wird als Verteidiger von Rechtsanwältin T N gemäß §§ 116 Abs. 1 S. 2 BRAO i. V. m. 146, 146a StPO zurückgewiesen.

Rubrum

1

I.

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Die angeschuldigte Rechtsanwältin T N hat sich mit Schriftsatz vom 14.08.2018 im Verfahren 1 AnwG 22/17 (nach Verbindung 1 AnwG 2/18) zur Verteidigerin von Rechtsanwalt W N bestellt. Rechtsanwältin T N und Rechtsanwalt W N haben mit Schriftsatz vom 12.04.2021 erklärt, sich in allen Verfahren wechselseitig zu verteidigen.

3

Das AnwG Düsseldorf hat mit Beschluss vom 19.5.2020 die Verfahren 1 AnwG 2/18, 2 AnwG 7/18, 2 AnwG 8/18, 2 AnwG 7/19 und 2 AnwG 3/19  zur gemeinsamen Verhandlung und Entscheidung verbunden.

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Im Rahmen dieses Beschlusses hat das AnwG Düsseldorf vorab auf § 146 StPO hingewiesen.

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In der Hauptverhandlung am 19.04.2021 hat das AnwG Düsseldorf einen Antrag von Rechtsanwältin T N für sich selbst und den angeschuldigten Rechtsanwalt W N auf Aussetzung des Verfahrens mit der Begründung zurückgewiesen, dass eine Mehrfachvertretung nach § 146 StPO unzulässig sei und gegen § 43a BRAO verstoße. Die daraufhin gegen diesen Beschluss von Rechtsanwalt W N und Rechtsanwältin

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T N  für sich selbst und als Verteidiger des jeweils anderen eingelegte Beschwerde und den Widerspruch von Frau Rechtsanwältin T N geht das AnwG Düsseldorf im Rahmen seines Urteils vom 19.04.2021 (Seite 9) davon aus, dass die Rechtsanwälte N als jeweiliger Verteidiger des anderen gemäß § 146a StPO zurückgewiesen wurden, allerdings ist ein entsprechender Beschluss durch das AnwG Düsseldorf in I. Instanz nicht gefasst worden.

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Gegen das Urteil des AnwG Düsseldorf haben die Rechtsanwälte W N und T N unter dem 26.05.2021 Berufung eingelegt.

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II.

9

Der AGH ist als das Gericht, bei dem das Verfahren anhängig ist, nach § 146a Abs. 1 S. 3 StPO zuständig für die Entscheidung über eine Zurückweisung des Wahlverteidigers.

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Ein Verstoß gegen § 146 StPO ist vorliegend gegeben.

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Der Senat schließt sich ausdrücklich der Entscheidung des BGH (v. 26.01.1996 – 2 ARs 441/95) an, dass ein Rechtsanwalt dann, wenn er erst nach Eröffnung des Hauptverfahrens gegen ihn von einem Mitangeklagten als Verteidiger gewählt wird, durch Beschluss des erkennenden Gerichts zurückzuweisen ist. Wie der BGH erkannt hat, kann ein Angeklagter nicht gleichzeitig als Verteidiger eines Mitangeklagten tätig werden. Die Verfahrensrollen des Verteidigers und des Angeklagten sind miteinander unvereinbar. Ein Angeklagter kann einen Mitangeklagten nicht verteidigen, weil er als Angeklagter nicht in der Lage ist, seine Verteidigeraufgaben so wahrzunehmen, wie es seine Stellung als Organ der Rechtspflege und Beistand seines Mandanten verlangt. Es besteht die Gefahr, dass er sich über die Belange seines Mandanten hinwegsetzt, um sich selbst vor Bestrafung zu schützen. Seine Verteidigerstellung kann ihn zudem in Widerstreit zu den ihm obliegenden Pflichten zur Wahrheit und Verschwiegenheit bringen. Als Mitangeklagter verfügt er nicht mehr über die für die Verteidigung notwendige Unabhängigkeit gegenüber seinem Mandanten. Außerdem gewährt die StPO – und damit auch die BRAO - dem Verteidiger in der Hauptverhandlung eine besondere Verfahrensposition mit Rechten, deren gleichzeitige Gewährung für ihn als Angeklagten mit den Zielen des Strafprozessrechts nicht zu vereinbaren wäre. Es ist auch allgemein anerkannt, dass verschiedene Verfahrensrollen von vornherein unvereinbar sind. Dass die Stellung des Verteidigers im Strafverfahren mit der Rolle des Angeklagten unvereinbar ist, ist auch vor der Einführung der §§ 138a ff. StPO nie angezweifelt worden.

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§ 138 StPO schließt demgegenüber nur aus, dass sich der angeschuldigte Rechtsanwalt zum Verteidiger in eigener Sache bestellt (BVerfG v. 19.03.1998 - 2 BvR 291/98; Karlsruher Kommentar, StPO, § 138 StPO, Rn. 3). Nicht anwendbar ist § 138 StPO auf den Rechtsanwalt, der von einem Mitangeklagten als Verteidiger gewählt wird (BGH v. 26.01.1996 - 2 ARs 441/95).

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Ein in der Verteidigung etwaig liegender Verstoß gegen § 43a BRAO, auf den das AnwG Düsseldorf zudem abstellte, betrifft nur das Berufsrecht nicht die Zulässigkeit der Verteidigung.

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Dahinstehen kann, ob eine Zurückweisung auch dann erfolgen darf, wenn erst die Verbindung bisher getrennt geführter Verfahren die Voraussetzungen für eine Zurückweisung schafft und diese Verbindung ohne sachlichen Grund, willkürlich erfolgt, wenn die Verbindung sachgemäß war und sonstige sachliche Gründe, die für eine Durchführung getrennter Verfahren sprechen könnten, nicht ersichtlich sind (OLG Celle v. 04.07.2001 - 3 ARs 25/01).

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Die vom AnwG Düsseldorf vorgenommene Verbindung der Verfahren war sachgemäß. Die Verfahrensverbindung ist zwangsläufige Folge des dem anwaltsgerichtlichen Verfahren zugrunde liegenden Grundsatzes der Einheitlichkeit des Pflichtenverstoßes. Der Schutz des Rechts auf Verteidigung durch einen Wahlverteidiger muss im anwaltsgerichtlichen Verfahren dann zurücktreten, wenn ansonsten der Grundsatz der Einheitlichkeit des Pflichtenverstoßes nicht gewahrt werden könnte, da ansonsten der in der Beurteilung des einheitlichen Pflichtverstoßes liegende Zweck des anwaltsgerichtlichen Verfahrens nicht erreicht werden könnte. Sonstige sachliche Gründe, die für eine Durchführung getrennter Verfahren sprechen könnten, sind nicht ersichtlich.

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III.

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Gegen diesen Beschluss ist nach §§ 116 Abs. 1 S. 2 BRAO, 304 Abs. 4 S. 2 StPO keine Beschwerde zulässig.

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IV.

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Der Senat weist daraufhin, dass gemäß §§ 116 Abs. 1 S. 2 BRAO, 149 Abs. 1 S. 1 StPO der Ehegatte oder Lebenspartner eines Angeklagten in der Hauptverhandlung als Beistand zuzulassen ist. Eine Zulassung erfolgt nicht von Amts wegen, sondern nur auf entsprechenden Antrag.